Es ist vermutlich kein Zufall, dass dieses Werk als gebundenes Buch vorliegt und nicht als Taschenbuch. Schließlich, so erklärt Martin Grunwald darin, verbinden wir Schwere mit Gewichtigkeit und Wert. Der Begründer des Haptik-Labors am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung der Universität Leipzig möchte mit seinem Buch ganz offen auch um Unterstützung für seine Forschung werben.

Der Tastsinn werde unterschätzt, ist seine zentrale Botschaft. Dem begegnet er mit zahlreichen Befunden nicht nur zur Funktionsweise dieses Sinnessystems, sondern auch zu dessen Bedeutung. Und die fängt für Grunwald schon vor der Geburt an. Bereits im Uterus mache der Embryo die ersten Tasterfahrungen. Und die seien wichtig für ein "erstes internes Konzept von Nähe".

Körperkontakt ist für den Forscher ein "Lebensmittel" und notwendig, um Wachstum zu fördern. Immer wieder fordert er "angemessene" Berührungen – allerdings ohne diese genau zu definieren: "Anleitungen und Regeln über Umfang und Dauer des Körperkontakts sind (…) eher kontraproduktiv." Überhaupt hält Grunwald nicht hinterm Berg mit eigenen Schlussfolgerungen und Ratschlägen, von der Warnung vor Touchpads bis hin zu Empfehlungen, ab wann eine Fremdbetreuung des Kleinkinds sinnvoll sei.

Die erstaunliche Beschaffenheit des Wassers

Auf spezielle Weise lebendig gerät das Kapitel über die kindliche Entwicklung wegen des Stilbruchs zwischen Grunwalds anschaulichen Beschreibungen des Säuglingsverhaltens und seiner oft recht fachsprachlichen Wortwahl. So schreibt er Kleinkindern die Methodik von Materialwissenschaftlern zu und schildert ihr Planschen so: "Weil sich dieser Stoff einer standardisierten und einfachen Einordnung in bisherige Materialeigenschaften entzieht, wird jedes Kleinkind der detaillierten Stoffanalyse von Wasser eine Zeit lang seine ungeteilte Aufmerksamkeit widmen.«"

Anschauliche Beispiele – aus dem Alltag ebenso wie aus dem Labor – findet der Autor auch für die verschiedenen Rezeptoren des Tastsinnessystems. Dabei beschränkt er sich nicht auf die Sinnesleistungen der Haut: "Würde man den Körper eines Menschen in kleine Würfel mit einer Kantenlänge von einem Millimeter zerschneiden, würde man in jedem der Würfel je nach Körperregion einige Hundert bis tausend dieser Rezeptoren finden." So stehen gleichberechtigt neben den vielleicht noch bekannten Merkel-Zellen und Vater-Pacini-Körperchen die Muskelspindeln und Golgi-Sehnen-Organe. Um den ein oder anderen trockenen Zahlenwert kommt Grunwald in diesem Zusammenhang nicht herum.

Noch mehr dominieren die Zahlen das folgende Kapitel, nicht umsonst mit "Vermessene Empfindungen" überschrieben. Fast scheint der Autor hier die Fakten abzuladen, die er im Rest des Buchs nicht unterbringen konnte: von Detailbefunden zu Rezeptorzahlen im Alter über haptisches Training für Chirurgen bis zu den – wenig aufschlussreichen – Unterschieden im Tastsinnessystem von Männern und Frauen.

Magersucht als haptisch-taktile Störung

So manche Erkenntnis des Buchs stammt aus Grunwalds eigenem Labor. Dazu gehören Kuriosa wie der beruhigende Effekt von Selbstberührungen im Gesicht. Einen langen Abschnitt widmet der Forscher auch der Magersucht, die für ihn unter "Erkrankungen und Störungen des Tastsinnessystems" fällt. Durch einen Zufall war er als junger Wissenschaftler auf einen möglichen Zusammenhang gestoßen – jetzt wirbt er für diese Patienten um Alternativen zur Psychotherapie: "Die Betroffenen können die Fehlverarbeitungsprozesse ihres Gehirns nicht bewusst korrigieren."

Überhaupt, das macht Grunwald wiederholt deutlich, bleiben die meisten Tastsinnesreize unbewusst. Wie wir über diese Eigenschaften manipulierbar sind, beschreibt das letzte Kapitel des Buchs. Aber es erinnert auch an die Segnungen eines guten Haptik-Designs: Sei es nur, dass die Handbremse im richtigen Abstand vom Lenker angebracht ist, seien es breitere und weichere Griffe an Bierkästen.

Dass der Tastsinn nicht weniger wichtig ist als unsere anderen Sinnessysteme, vermittelt das Buch auch für Laien sehr eindrücklich.