Die technische Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte, gepaart mit den jüngsten Ergebnissen der Hirnforschung, hat Grundlagen geschaffen, um systematisch die Signale im Gehirn zu entschlüsseln. Damit scheint die bislang unantastbare Freiheit der Gedanken in Gefahr, und die perfekten Gedankenlese-Maschinen düsterer Sciencefiction-Filme drohen Realität zu werden.

Es ist daher an der Zeit, dass wir unseren Standpunkt bestimmen und die weitere Richtung voraussehen, findet Stephan Schleim, Philosoph, Psychologe und Informatiker an der Universität Bonn und Autor von "Brainlogs". Der Untertitel "Pionierarbeit der Hirnforschung" deutet an, dass die professionellen Gedankenleser noch am Anfang stehen. Ihre Methode der Wahl ist momentan ein bildgebendes Verfahren, die funktionelle Magnetresonanztomografie oder kurz fMRT: jene Methode, bei der letztlich von verändertem Sauerstoffbedarf und Blutfluss auf die Hirnaktivität geschlussfolgert wird. Inzwischen finden sich in Zeitungen und Zeitschriften aller Art die bunten Bildchen, die uns zeigen sollen, mit welchen Gehirnregionen wir denken.

Die suggestive Kraft dieser Bilder ist so groß, dass ihr Konsument die zugehörigen Behauptungen der Forscher häufig unkritisch übernimmt. Erst jüngst veröffentlichten Wissenschaftler im "Journal of Cognitive Neuroscience" Ergebnisse, wonach die pure Erwähnung der Methode das Urteilsvermögen des Lesers betäubt und diesen von unlogischen Erklärungen ablenkt. Vorsicht ist also geboten, vor allem dann, wenn fMRT-Daten angeblich eindeutig etwas belegen. Diese Warnung ist das Fundament, auf dem Schleims Buch ruht und auf deren Notwendigkeit bereits der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger im ersten Vorwort hinweist.

Im zweiten Vorwort wünscht der Hirnforscher John-Dylan Haynes dem Leser viel Spaß. Das Vergnügen findet man insbesondere dort, wo Schleim über die Geschichte des Gedankenlesens plaudert und bizarre Anekdoten zu Lügendetektoren erzählt. Aber "Gedankenlesen" ist kein oberflächliches Spaßbuch. In Aufbau, Stil und Inhalt steht es in der Tradition guter Sachbücher, die nicht nur unterhalten, sondern informieren und aufklären.

Auf die Einleitung und einen kurzen historischen Abriss folgt die Darstellung der methodischen Grundlagen. Schleim findet die wohl dosierte Mischung von Physik und Neurobiologie, die den Laien ausreichend mit Informationen versorgt, ohne ihn zu langweilen. Der Leser lernt, wie Wissenschaftler Rohdaten weiterverarbeiten müssen. Unvermeidlich haben in den präsentierten Bildern immer schon Deutungen ihre Spuren hinterlassen. Die für den Laien beeindruckende fMRT wird durchschaubar.

Die darauf folgenden zwei Kapitel führen Beispiele aus der Grundlagen- und Anwendungsforschung vor Augen, um klar abzustecken, was derzeit technisch möglich ist. Der Logik des Themas folgend, erörtert das letzte Kapitel kurz gefasst gesellschaftliche und ethische Aspekte.

Sicher hätte das Buch ausführlicher diskutieren können, was überhaupt ein Gedanke ist. Als Philosoph könnte sich Schleim kompetent dazu äußern, doch würde er damit vom Kernthema nur abweichen.

Überhaupt gewinnt das Buch durch die weise Beschränkung des Autors. Für das Kapitel zur Grundlagenforschung hat er sich aus der Fülle der Daten Ergebnisse von sieben Arbeitsgruppen herausgesucht, die er benennt, erläutert und diskutiert. Dem Leser wird schnell die innere Folgerichtigkeit der Entwicklung klar. Anfangs konnten Wissenschaftler nur angeben, ob sich Versuchspersonen ein Haus oder ein Gesicht vorstellten. Einige Jahre später war es möglich, aus den Versuchsdaten bestimmte Absichten der Teilnehmer herauszulesen.

"Gedankenlesen" vermeidet die sprachlichen und inhaltlichen Trivialitäten anderer populärwissenschaftlicher Titel und legt die Inhalte in ruhigem Ton dar. Im Gegensatz zu einigen Gehirn-Büchern, die uns bunte Cocktails aus vielen verschiedenen Zutaten auftischen, die in ihrer Fülle kaum mehr verdaulich sind, führt Schleim den Leser zu den Kernbotschaften der Hirnforschung.