Ostia, rund 30 Kilometer südwestlich von Rom an der Mündung des Tiber gelegen, verdankt seinen Namen der geographischen Lage (das lateinische "os" bedeutet "Mündung"). Wer heute durch den weitläufigen Park der ehemaligen römischen Handelsstadt schlendert, findet eine stille Oase mit Büschen und Pinien zwischen Marmorsäulen, Bodenmosaiken und Gebäuderesten vor. Doch die beschauliche Atmosphäre trügt. Die Hinterlassenschaften stammen aus der Zeit vor 2000 Jahren, und damals war das Leben dort alles andere als idyllisch. Ostia war die "Boomtown der Antike", wo der Kommerz den Ton angab.

Um 350 v. Chr. als erste römische Kolonie ("colonia marittima") gegründet, war sie zunächst nur ein winziger Ort zwischen Fluss und Meer. Im Lauf des 3. Jahrhunderts v. Chr. errichteten Siedler hier erste Handels- und Depotgebäude. Um die Zeitenwende explodierte Ostia förmlich. Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. hatte die Hafenstadt bereits etwa 50.000 Einwohner – vor allem Händler, Reeder, Schiffbauer, Transportarbeiter und Handwerker.

Klaus Stefan Freyberger, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom, hat ein lesenswertes, aber recht einseitiges Buch über die römische Handelsstadt verfasst. Nach einem kurzen historischen Abriss widmet er sich dem archäologischen Befund – und kommt darüber leider nicht groß hinaus. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit antiken Texten ist seine Sache nicht. Das ist schade, hätte man doch durch eine stärkere Heranziehung und Deutung der zahlreichen Inschriften vor Ort die "Facetten des Lebens in einer römischen Hafenstadt" (Buchuntertitel) eingehender beleuchten können, um das bunte Treiben im kulturellen Schmelztiegel Ostia besser zu veranschaulichen.

Natürlich ist interessant, was der Autor zu berichten weiß. Er beschreibt luxuriöse Villen für reiche römische Schiffsreeder, mehrstöckige Mietshäuser für die Hafenarbeiter, Versammlungsräume der Berufsvereinigungen, Kneipen und Bordelle, Tempel und Theater sowie reich ausgestattete Thermen. Auch geht er auf die gewaltigen Speicheranlagen (horrea) ein, in denen hunderte Tonnen Nahrungsmittel zwischengelagert wurden, etwa Getreide, Öl, Wein und Fischsoße. Deren Bestimmungsort war Rom. Da seetüchtige Schiffe die Millionenmetropole nicht über den Tiber erreichen konnten, brauchte man den Flusshafen von Ostia als Umschlagplatz. Hier luden Arbeiter die Waren auf kleinere Boote um, die dann rund 30 Kilometer flussaufwärts bis in die Innenstadt gerudert oder von Ochsen gezogen wurden, die auf Treidelwegen am Ufer trotteten.

Um die Versorgung der Kapitale zu sichern, trieben die römischen Kaiser den Ausbau Ostias ständig voran. Um 46 n. Chr. ließ Claudius (10-54) den "portus" errichten, eine Hafenanlage mit riesigem sechseckigen Becken, die einen optimalen Platz zum Ankern bot und über einen Kanal mit dem Tiber verbunden war. Handelsschiffe mit einem Fassungsvermögen von bis zu 1000 Tonnen konnten hier ihre Ladung löschen. Nummerierte Säulen wiesen ihnen dabei die Anlegestellen. Eine technische Leistung der Extraklasse − und ein Projekt von höchster politischer Brisanz. Denn spätestens seit den Tagen des Sozialreformers Gaius Gracchus (153-121 v. Chr.) war die Versorgung der römischen Stadtvolks mit kostenlosem oder subventionierten Getreide ("cura annonae") stark umstritten.

Ostia war eine Drehscheibe des Handels im Mittelmeerraum, der Waren aus dem gesamten Imperium per Schiff nach Italien beförderte: etwa Seide aus China, Purpur und Pfeffer aus Indien, Holz aus dem Libanon. Am deutlichsten manifestiert sich das in jenem Platz, der heute "Forum der Korporationen" genannt wird – eine Art World Trade Center der Antike, an dem sich die damaligen Global Player niedergelassen hatten. Hier, im Zentrum von Ostia, befanden sich einst mehr als 60 Firmenräume (stationes). Sowohl lokale Kollegien als auch internationale Handelsgesellschaften, Makler, Transportvereine, Schifffahrtslinien, Reedereien und diverse Gewerbeorganisationen unterhielten hier Kontore und Büros. Zu ihnen gehörten Getreidehändler aus Tunesien, Schiffsreeder aus Sardinien und Karthago, Öl- und Gewürzhändler aus Spanien und Arabien sowie Kunsthändler aus Sabratha im heutigen Libyen, die Elfenbein und lebende Elefanten für Zirkusspiele feilboten. Nichts und niemand blieb lange an diesem hektischen Ort – weder die Waren noch die Menschen. Erstere wanderten weiter, sobald sie profitabel verkauft waren, letztere zogen weg, sobald sie genug Geld beisammenhatten.

Trotz all dieser wissenswerten Informationen ist die Studie des Autors zu stark archäologisch ausgerichtet. Sie liefert lediglich eine Kulisse, hinter die andere bereits geblickt haben – etwa der englische Althistoriker Russell Meiggs in seinem Standardwerk "Roman Ostia".