Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

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  • Cartesisches Dilemma nicht lösbar

    18.05.2011, Christian Krippenstapel, Heiligenhafen
    Wie Brendel richtig bemerkt, konnte das cartesische Dilemma, ob tatsächlich irgendetwas außer dem Selbst existiert, bis heute nicht gelöst werden. Das wird nicht nur in der genannten "Matrix"-Trilogie thematisiert, sondern gilt allgemein als Grundübel der Philosophie, der viele gar keine Relevanz für das tägliche Leben zuerkennen, weil sie nach wie vor darüber streitet, ob die Welt wirklich existiert, während andere versuchen Übel wie Kriege, Hunger, Klimawandel und etlichen anderen, von ihr abzuwenden.

    Hilfreich finde ich dabei das genannte "Gehirn im Tank-Experiment" von Putnam, in dem das (cartesische) Selbst in einem Gehirn inseriert, das mit der Außenwelt lediglich über Nervenimpulse interagiert. Obwohl wir nicht einmal sicher sein können, dass besagtes Gehirn nicht auch bloß eine lllusion ist, müssen wir als Materialisten dennoch davon ausgehen, dass es irgendetwas Stoffliches geben muss, in dem die zu Grunde liegenden Vorgänge ablaufen und dem wir getrost die Qualität "Gehirn" zuerkennen dürfen.

    Interessant ist dabei m. E. die Unterscheidung zwischen ein- und ausgehenden Impulsen (oder was wir als solche erkennen), denn es impliziert die grundsätzliche Differenzierung in "Selbst" und "Nicht-Selbst"; mithin die Existenz einer, wie auch immer gearteten Außenwelt und mithin einer Grenze zwischen "innen" und "außen". Selbst wenn wir annehmen, dass unser ganzes Leben nur eine Illusion ist, müssen wir nicht nur die Existenz eines denkenden Selbst, sondern auch die einer Außenwelt postulieren, in der diese Illusion stattfindet und mit der besagte Interaktion stattfindet. Selbst wenn wir und unsere gesamte Welt bloß die Simulation in einem Computer sind, muss dort diese Grenze zwischen Selbst und Nicht-Selbst existieren, selbst wenn sie lediglich virtuell ist.

    Wenn wir das annehmen, bringt uns das an einen Punkt, an den die Atomforscher schon vor etlichen Jahrzehnten gelangten: Während Bohr noch ein konkret-anschauliches Bild vom Atom mit Kern und seinen Elektronen auf diskreten Kreisbahnen ringsherum entwarf, zeigte sich sehr bald, dass gar kein konkret-anschauliches Bild dem "wirklichen" Atom gerecht werden könne. Noch akuter zeigte sich dieser Mangel beim Licht, dessen Welle-Teilchen Dualismus sich von vornherein jeglicher Anschaulichkeit entzieht, wie etliches Andere aus der Welt der Quanten oder der Kosmologie auch. Das Dilemma nicht erkennen zu können, was und wie die Welt, also uns umgebende Nicht-Selbst, "wirklich" ist, ist also durchaus kein abgehobenes Denkmodell weltfremder Denker, sondern tritt uns im ganz normalen Forschungsalltag überall entgegen. Nur haben wir uns dort längst damit abgefunden, dass wir von der Welt an sich ohnehin nur ein höchst unzureichendes Bild entwerfen können und uns stattdessen mit Modellen behelfen müssen, die zwar immer nur Teilaspekte der "Welt an sich" beschreiben können, für die Lösung einer konkrete Fragestellung aber das einzig zur Verfügung stehende Hilfsmittel sind. Und der Erfolg gibt dieser Methode Recht!

    Damit hat die Wissenschaft das cartesische Dilemma, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre, wenn nicht gelöst, so doch wenigstens längst handhabbar gemacht: Der oben genannten In- und Output wird von uns in nichts anderes übersetzt, als in ein Modell des Nicht-Selbst, das wir als Umwelt erleben, im Grunde aber nichts anderes ist als die Schatten an der Wand des platonischen Höhlengleichnisses.

    Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass Input, Turnover und Output der Signale zwischen Innen und Außen nicht willkürlich sind, sondern gewissen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Auch diese Erkenntnis stammt nicht aus der Philosophie, sondern aus dem Zeitalter der Aufklärung, in der Leute wie Newton darlegten, dass die Vorgänge in der Natur, also im "Nicht-Selbst", offenbar nicht die willkürlichen Ergebnisse göttlichen Waltens darstellen, sondern klar umrissenen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Eben diese Naturgesetze zu erkennen und zu beschreiben ist seither Aufgabe der Naturwissenschaften.

    Da wir also ohnehin nichts über die Welt an sich erfahren können, lassen sich doch eben die Gesetzmäßigkeiten erkennen und beschreiben, denen die Welt folgt. Damit löst sich das cartesische Dilemma, ob die Welt wirklich existiert, plötzlich in Nichts auf, da dem Selbst, das sich durch Denken definiert ("Cogito, ergo sum") zwangsläufig ein Nicht-Selbst gegenüberstehen muß, mit dem das Selbst wechselwirkt. Was wir davon erfahren können, kann aber nie mehr sein als ein Modell, das unser Selbst vom Nicht-Selbst entwirft, die platonischen Schatten an der Wand also. Wichtig für uns ist zu erkennen, nach welchen Gesetzmäßigkeiten Selbst und Nicht-Selbst interagieren, welche intrinsischen Prozesse zu welchem Output unseres Selbst führen, mit welchem extrinsichen Input wir rechnen müssen und wie sich die Interaktion zwischen beiden gestaltet. Damit kann das, was wir als unsere Umwelt ansehen niemals mehr sein als das, womit sich die Wissenschaftler lange angefunden haben: Ein Modell des Nicht-Selbst, dessen Existenz unbezweifelbar ist, dessen Natur an sich wir aber niemals ergründen können.
  • Antwort an Kunert/Kritik an Pöppe: Kosmische Zeit

    14.05.2011, René Kail, Glattfelden (Schweiz)
    Laut S. Weinberg (1972), W. Rindler (1979), Landsberg and Evans (1977) kann die kosmische Zeit t bzw. der kosmische Zeitpfeil absolut definiert werden:
    1. für alle mit der Expansion mitbewegten Beobachter (comoving observers)
    2. in einem Universum, das dem Hubbleschen Gesetz und dem Kosmologischen Prinzip gehorcht. Die Evolution solcher Universen wird in der Allgemeinen Relativitätstheorie durch die FRW-Metrik beschrieben, die auf großräumiger Homogeneität und Isotropie und auf dem Weylschen Prinzip beruht und welche die kosmische Zeitkoordinate t enthält.

    Das Standardmodell der Kosmologie Lambda-CDM entspricht diesen Forderungen. Somit kann eindeutig das Alter des heute beobachtbaren Universums angegeben werden: 13,7 Milliarden Jahre, sowie die Horizontdistanz von 46,5 Milliarden Lichtjahren.

    Zur Erklärung der Begriffe Universum, Beobachtbares Universum, FRW-Metrik, Lambda-CDM-Modell und Urknall (allgemein) siehe die entsprechenden Einträge
    unter wikipedia.de.



  • Augustinus und die Zeit

    13.05.2011, Dr. Karl Wulff, Schneverdingen
    Der erste Denker, der über einen Anfang der Zeit spekulierte, war der Kirchenvater Augustinus (354 bis 430). Er stellte (in Form eines Gebets) die Frage, warum Gott die Welt nicht früher oder später geschaffen habe. Dann kam er selbst im weiteren Verlauf seines Gebets auf die Lösung, dass Gott mit der Welt auch die Zeit geschaffen haben müsse und sich die Frage nach dem Vorher oder Später des Zeitpunktes der Schöpfung damit erübrige (Confessiones XI).
    In der Spätantike entwickelte sich der Gegensatz zwischen "Ewigkeit", einem Zustand ohne oder jenseits von Zeit, und der "Zeit", die in unserer Welt das Werden und Vergehen beherrscht. Dieser klare Kontrast trug wesentlich dazu bei, dass unsere abendländische Kultur in den Naturwissenschaften zu einem präzisen Zeitbegriff kam.
    Der persische Philosoph und Theologe Abu Hamid al-Ghazali (lat. Algazel, 1058 bis 1111), vertrat die Auffassung, dass die Zeit, wie alles Geschaffene, Anfang und Ende habe. Ob er von Augustinus beeinflusst war, ist nicht bekannt.
  • Alter des Universums

    12.05.2011, Michael Kunert, Berlin
    Wenn davon gesprochen wird, dass das Universum ein bestimmtes Alter hat (z.B. 14 Milliarden Jahre) Was ist damit eigentlich gemeint, wo doch die Uhren sehr unterschiedlich gehen? Je nachdem, auf welchem "Pfad" sich eine Uhr seit dem Urknall bewegt hat, sollte die gemessene Zeit auch verschieden sein.
    Handelt es sich bei den 14 Milliarden also um ein Minimum einer solchen Messung? Wohl eher nicht, denn wenn meine ausgewählte Uhr schon sehr früh in einem schwarzen Loch gestrandet ist, so sollte seitdem nicht mehr viel Zeit auf dieser Uhr vergangen sein.
    Handelt es sich um eine maximale Messung oder einen Durchschnitt von allen Uhr-Pfaden bis zu diesem Zeitpunkt? Aber da hat man das Problem mit der Gleichzeitigkeit im Universum.
    Wenn die Altersangabe also einen Sinn haben soll, dann vielleicht den folgenden: Man misst die vergangene Zeit entlang aller Pfade durch die Raumzeit vom Urknall bis heute auf der Erde. Und dann mittelt man diese?
    Antwort der Redaktion:
    Gute Frage. Ich habe noch nirgendwo gelesen, dass sich speziell damit jemand befasst hätte.

    Meine Vermutung: Da gibt es nicht viel zu mitteln. Die "Uhren", die wir heute ablesen können, also die Materie, die für uns greifbar ist, und die Strahlung, die bei uns ankommt, haben den größtenTeil ihres bisherigen Lebens in einer "normalen" Umgebung zugebracht, sprich im Vakuum oder jedenfalls mit geringer bis mäßiger Massendichte in ihrer Umgebung. Das heißt, die Uhren sind alle ziemlich gleich schnell gegangen. Zumindest gehen irgendwelche denkbaren Gangabweichungen in den Ungenauigkeiten der Rekonstruktion unter; die Zeitangabe "vor 14 Milliarden Jahren" ist ja sehr ungefähr zu verstehen.

    Es besteht also durchaus eine ernstzunehmende Frage – aber auf absehbare Zeit keine Chance auf eine brauchbare Antwort.

    Christoph Pöppe, Redaktion
  • Die beste Zahl bleibt aber die 73,21

    11.05.2011, Thomas Barth
    Denn 73 ist die 21. Primzahl, Spiegelzahl 37, ist die 12. Primzahl, deren Spiegelzahl ist die 21

    und das beste Buch bleibt "Die grüne Wolke"
  • Erziehung und Rationalität

    11.05.2011, Martin Piehslinger, Wien
    Es gibt keine rationale Entscheidung. Auf Grund von Selbstbeobachtung glaube ich, dass alle Entscheidungen emotional gefällt werden. In der Erziehung wird mit dem logischen Denken und mit rationalen Entscheidungen ein angenehmes Gefühl verknüpft.

    "Denk doch logisch!"
    "Ja, gescheites Kind!"

    So wurden wir immer wieder belohnt und belohnen uns selbst für logisches Denken. Darum tun wir es. In anderen Kulturkreisen könnte diese Verknüpfung vielleicht weniger stark ausgeprägt sein.
  • Familienpolitik und die Macht der Kultur

    10.05.2011, Martin Holzherr, CH-8406 Winterthur
    Das Beispiel Südkorea zeigt:
    Familienplanung begünstigt die wirtschaftliche Entwicklung, die wiederum den Trend zu weniger Kindern verstärkt.
    Kann Südkorea also in dieser Hinsicht ein Vorbild für Ägypten sein? Die meisten würden das verneinen, denn die islamische Kultur steht der Familienplanung ablehnend gegenüber. Zudem begünstigt die Stellung der Frau in islamischen Ländern ihre Rolle als Gebärerin. Tatsächlich beträgt das Bevölkerungswachstum bei den 21 arabischen Ländern im Durchschnitt bei 2.3% und 1.8% bei den islamischen Ländern insgesamt - verglichen mit einem Populationswachstum von 1.12% weltweit. Viele subsaharische nicht-islamische Länder haben jedoch ein noch viel stärkeres Bevölkerungswachstum.
    Die islamische Kultur nimmt eine hohe Kinderzahl nicht einfach hin , sondern ermutigt sie. Dazu kommen viele kulturelle Besonderheiten, die eine hohe Kinderzahl begünstigen wie das typisch tiefe Heiratsalter.
    In Europa wurde noch vor wenigen Jahrzehnten ein Bevölkerungszuwachs mit einem Machtzuwachs assoziiert, sowohl von staatlicher als auch von religiöser (christlicher) Seite. Das moderne China hat mit der ökonomischen Rechtfertigung der 1-Kind-Familienpolitik erstmals dieses tief verankerte Denkmuster in Frage gestellt.
    Die Tatsache, dass in 20 Jahren jeder 4. Mensch ein Muslim sein wird und dass beispielsweise im Jahre 2100 320 Millionen Inder Muslime sein werden, obwohl sie heute nur 13% der indischen Bevölkerung ausmachen, kann tatsächlich einen Machtzuwachs der Muslime bedeuten, es kann aber auch mit einer Zunahme von Elend und Unterentwicklung einhergehen oder aber beides trifft zu: Es gibt relativ mehr Muslime, die zurecht mehr Macht einfordern und gleichzeitig sind sie ärmer als die Menschen in weniger stark wachsenden Ländern.

    Kultur und Religion lassen jedoch immer noch große Unterschiede im Bevölkerungswachstum zu. Die tunesische Bevölkerung hat sich seit 1956 verdreifacht, liegt jedoch jetzt mit 1% pro Jahr sogar unter dem Weltdurchschnitt. Ähnliches gilt für den Iran, dessen Bevölkerung bis vor kurzem rasant zunahm, so dass das Durchschnittsalter 27.2 Jahre beträgt. Doch heute wächst der Iran nur noch um 0.88% pro Jahr.
  • Sachlich?

    10.05.2011, Fritz Kronberg
    Der Artikel von Frau Döring und Herrn Feger klingt sachlich und ausgewogen, ist es aber nicht. Wenn wir die bisher bekannten Folgen der Havarie des Fukushima-Reaktors einmal nüchtern betrachten, so sehen wir Null Tote und drei nicht allzu schwer Verletzte. Dazu kommen vorübergehende Sperrungen einiger Gebiete sowie die Freisetzung einer bisher noch nicht korrekt abgeschätzten Menge von Radionukliden mit überwiegend kurzer Halbwertszeit.

    Da dies von den Kernkraftgegnern als Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes dargestellt wird, kann ich als rational denkender Mensch beim Vergleich mit dem Ereignis vom 20. April 1986 "Der Damm der Kantale-Talsperre auf Sri Lanka bricht. Die Flutwelle überflutet Dutzende Dörfer; es gibt bis zu 178 Tote" als willkürlich herausgegriffenes Beispiel von vielen nur fragen, wo eigentlich der gesunde Menschenverstand bleibt. Nach den Maßstäben der Kernkraftgegner wäre die Wasserkraft somit auf jeden Fall eine hoch gefährliche, also völlig unverantwortliche Energieform.

    Der oben erwähnte gesunde Menschenverstand sagt mir, dass die Angst vor der Kernenergie nicht nur irrational ist. Sie ist hysterisch. Nicht dass ich glaube, da wäre noch ein Weg in eine sinnvolle Richtung möglich. Mit dem Umfaller von Frau Merkel - wider besseres eigenes Wissen - ist der Weg in die Ressourcenverschwendung in großem Maßstab vorgezeichnet.
  • Messschieber ist keine Lehre

    10.05.2011, Rüdiger Spode, Hamburg
    Ergänzend zu den anderen Leserbriefen, denen ich mich voll anschließe, möcht ich noch sagen: meine Lehre ist schon 40 Jahre her und schon damals sagte man uns, dass der Messschieber nicht Schieblehre heißen kann, denn eine Lehre ist ein festes Bauteil, wie z.B. eine Radienlehre. Oder anders ausgedrückt, mit einer Lehre kann man nicht messen;

    und

    Messschieber schreibt sich nach neuer Rechtschreibung tatsächlich mit drei s, auch wenn es komisch aussieht.
  • Titel Ihres Leserbriefes

    09.05.2011, Dr. G. Schuller
    Risikoversicherung für Atomkraftwerke

    Nach marktwirtschaftlichen Kriterien müsste für jedes Atomkraftwerk eigentlich eine vollständige Haftpflichtversicherung, die alle Folgekosten umfasst, abgeschlossen werden. Das ist eigentlich bei jedem Unternehmen so.

    Falls es einen oder besser 2 Haftpflichtversicherer geben sollte, der/die ein Atomkraftwerk umfassend versichern, dann bin ich sofort für Atomenergie, andernfalls sind die Preise für Kernenergie total irreführend - nach dem häufigen Muster, Verluste werden sozialisiert und Gewinne privatisiert.

    Das hat alles nichts mit Hysterie der Bevölkerung zu tun, sondern mit unterdrückter Vernunft. Es ist ein Ärgernis, weil hier geschummelt wird.

  • Wie sicher sind die wahrscheinlichen Eintrittsereignisse?

    06.05.2011, Gerhard Füchsle, München
    Für mich ist es nicht nachvollziehbar, wie beispielsweise die Wahrscheinlichkeitswerte für einen GAU in einem Kernkraftwerk überhaupt zu Stande kommen. Da tut man sich doch schon schwer die Ausfallwahrscheinlichkeiten von Einzelkomponenten zu bestimmen, die dann in einer Wirkungskette zu einem GAU führen können. Doch selbst wenn man diesen Werten trauen könnte, so kann man sie doch keinesfalls mit anderen Katastrophenereignissen wie beispielsweise einem Flugzeugabsturz vergleichen.

    Nur ein havariertes Kernkraftwerk ist in der Lage eine große Landfläche für Tausende von Jahren unbewohnbar zu machen und die Menschen in seiner Umgebung gesundheitlich stark zu beeinträchtigen - für Jahre.

    Und was viele schon vergessen haben oder gar nicht erst bedenken - der Urankernbrennstoff ist auch nicht unbegrenzt auf dieser Erde verfügbar, und wer sich schon mal die Prozesskette vom Uranabbau bis zum jungfräulichen Kernbrennstab angesehen hat, der weiß, dass diese Brennstäbe bereits eine "Blutspur" hinter sich herziehen, noch bevor sie in einem Kraftwerk zum Einsatz kommen.

    Uns bleibt gar nichts anderes übrig, als auf erneuerbare Energiequellen zu setzen und mit Hochdruck an der Verbesserung "solarer" Techniken zu arbeiten.
  • Der Preis unseres Wohllebens

    06.05.2011, Kurt Schütz

    Verehrte Diskutanten,

    Wer will schon Atomkraftwerke? Wer will Kohlekraftwerke? Niemand! Sie alle spucken um den Preis der elektrischen Energie eine Menge unangenehmer Dinge aus! Wer will Wasserkraftwerke? Als begeisterter Angler sind sie mir ein riesiger Schaden an der Ökosphäre.

    Wenn ich dennoch Energie nutze, sollte ich überlegen, welche Anlage den geringsten und welche den größten Schaden stiftet. Letzteres scheint für mich eindeutig das Kraftwerk zu sein, das den weltweiten Klimawandel am schnellsten vorwärts treibt.

    Ich überlasse Ihnen gerne die Schlussfolgerung!

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Kurt Schütz
  • Wo bleibt der Müll?

    06.05.2011, Dominique Boursillon
    "In Frage steht, ob der GAU als ein so großes Übel zu betrachten ist, dass es (...) unverantwortlich wäre, weiterhin auf Atomstrom zu setzen – oder eben nicht." In der Not frisst der Teufel Fliegen! Die Frage ist eher, brauchen wir zwingend Atomstrom? Die Antwort ist: nein! Dann geht es nicht nur um das unmittelbare Übel, sondern auch um langfristige. Was ist mit dem Atommüll? Wer will (vor allem wie) sicherstellen, dass wir damit nicht einen anderen GAU verursachen, wenn wir längst tot sind? Ob ein Für und Wider abzuwägen ist, muss jeder für sich entscheiden. Vom ethischen aus muss man aber immer eins im Auge haben: Es gibt Dinge, die sind unverantwortlich!
  • Soll ich "Angst" haben oder nicht?

    06.05.2011, Paul R. Woods
    In die Entscheidung "bin ich für die Nutzung der Kernenergie oder dagegen" fließen bei jedem Individuum die gleichen Faktoren ein - jedoch mit einem unterschiedlichen persönlichen Gewicht.

    Die Eintrittswahrscheinlichkeit und -häufigkeit, der entstehende Schaden, der Gewinn aus der Nutzung der Kernenergie und der aus der Nutzung anderer Energiequellen sind zwar empirisch belegbare Größen die allgemein gelten, es sind aber die Präferenzen des Einzelnen, die die Gesamtformel und deren Ergebnis bestimmen.
    Und obwohl jeder Soziologe aus den angegebenen Größen eine Formel erstellen kann, wäre nur durch repräsentative Umfragen, die die persönlichen Gewichte ermitteln, eine Grundhaltung der Bevölkerung festzustellen.

    Gibt es solche Umfragen bereits und sind sie statistisch korrekt?
  • "Toller" Artikel!

    04.05.2011, Prof. Dr. Dietrich H. Nies, Halle
    Was für ein „toller“ Artikel! 2005 (±1) wurde eine Kohorte befragt, die damals 10 Jahre ihr Abitur oder ihren Realschulabschluss hatte, = 1995. Es war noch ein deutlicher Unterschied zwischen DDR/BRD-Herkunft sichtbar. Oh Wunder, so kurz nach der Wiedervereinigung! Dann noch n = 67, eine „umfangreiche“ Netzwerkanalyse mit 50 Personen (117 – 67), also weniger als einen Netzwerkpartner pro Testperson, und dafür >6 Jahre Auswertungszeitraum für 117 Interviews. Zusätzlich zur problematischen wissenschaftlichen Vorgehensweise erzürnen mich die politischen Aussagen auf dieser mageren Datenbasis; bis hin zur Forderung der Aufhebung des Ehegatten-Splittings! Natürlich sind auch Wissenschaftler Bürger mit politischer Meinung, wenn sie jedoch als Wissenschaftler auftreten, dann bitte objektiv und nach Bohrung etwas dickerer Bretter.
    Antwort der Redaktion:
    Beschränken wir uns auf den sachlichen Kern der Bemerkungen von Herrn Prof. Dr. Nies und darin auf vier Unterpunkte:


    1.) Wir haben für die Auswertung von 117 Interviews nicht 6 Jahre benötigt. Ergebnisse der Studie wurden seit 2005 auf zahlreichen nationalen und internationalen Fachkonferenzen vorgestellt und in renommierten, internationalen Fachzeitschriften (u. a. "European Journal of Population", "Current Sociology") publiziert. Eine Publikationsliste stellen wir auf Anfrage gern zur Verfügung. Im Übrigen veralten qualitative Interviews nicht nach wenigen Jahren – ebenso wenig wie quantitative Datensätze –; sie bieten reichhaltige Informationen, die mit verschiedenen Methoden (Grounded Theory, Objektive Hermeneutik, Diskursanalyse und andere) auszuwerten auch Jahre danach noch sinnvoll ist.


    2.) Die Fallzahl von 67 Befragten ist für eine qualitative Analysemethode wie die unsere nicht zu gering. Es geht nicht darum, die Verteilung von Merkmalen in der Bevölkerung durch eine repräsentative Stichprobe zu ermitteln, sondern subjektive Sinnzusammenhänge und Handlungslogiken von Akteuren zu rekonstruieren. Dazu wurden im Verlauf der letzten Jahrhunderte in den Sozial- und Geisteswissenschaften eine Reihe von erprobten und validierten Verfahren entwickelt, deren wir uns bedient haben. Unser Vorgehen entspricht den aktuellen wissenschaftlichen Standards in diesem Bereich, und wir nehmen für uns in Anspruch, typische Handlungslogiken, die bei der Entscheidung zur Elternschaft und bei der Gestaltung von Paarbeziehungen relevant werden, intersubjektiv nachvollziehbar rekonstruiert zu haben.


    3.) Es ist für Herrn Prof. Nies offenbar nicht verwunderlich, dass auch knapp 15 Jahre nach dem Umbruch in der DDR – unsere Interviewten wurden in den Jahren 2004/05 befragt – noch erhebliche Mentalitätsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen bestehen, die auch für die Frage nach der Entscheidung zur Elternschaft von Bedeutung sind. Ganz im Gegensatz zu dieser Einschätzung gingen fast alle politischen Akteure in den 1990er Jahren sowie die sozialwissenschaftliche Forschung lange Zeit von einem sehr viel schnelleren "Zusammenwachsen" der beiden deutschen Bevölkerungen und einer Angleichung auch der Mentalitäten auf einem – imaginären – westdeutschen Niveau aus. Für uns wie auch für eine große Zahl von Fachkollegen, mit denen wir in Kontakt stehen, sind die keineswegs linearen und zum Teil unerwarteten soziokulturellen Entwicklungen in beiden Teilen Deutschlands in ihren Einzelheiten nach wie vor ein bedeutendes Forschungsgebiet.


    4.) Für uns ist es selbstverständlich, dass es sich bei wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem politischen Diskurs um zwei unterschiedliche Bereiche handelt. Ebenso selbstverständlich entwickelt ein Sozialwissenschaftler jedoch eine Meinung zu "gesellschaftlichen Konsequenzen" der eigenen Forschung und muss sie äußern dürfen. Unser Eintreten für eine flexiblere Gestaltung des Steuersystems (nicht etwa für eine ersatzlose Aufhebung des Ehegattensplittings) ist zudem nicht lediglich eine "haltlose Privatmeinung", sondern eine verbreitete, an den veränderten Erwerbs- und Lebensverhältnissen großer Teile der Bevölkerung orientierte Position in der politischen Debatte. Sie wird durch unsere Befunde in der Tat gestützt.



    Dr. Andreas Klärner, Dr. Holger von der Lippe