Zum Mond! Zum Mars! Nein, zu einem Asteroiden! Och, dann doch lieber zum Mond!

Nein! Doch! Oh!

Die US-Raumfahrt erinnert in jüngster Zeit an die Filme des französischen Komikers Louis de Funès. Sie ist turbulent, launenhaft, irrational – aber leider bei Weitem nicht so lustig. Kaum war Präsident Barack Obama im Amt, strich er die bemannten Raumfahrtpläne seines Vorgängers George W. Bush. Der Republikaner wollte, dass amerikanische Astronauten wieder auf dem Mond landen und ließ dafür eine neue Rakete bauen. Obama hingegen wollte zum Mars, zuvor aber zu einem Asteroiden. Auch dafür wurde eine neue Rakete entwickelt, allerdings eine andere. Donald Trump, seit Anfang des Jahres der starke Mann im Weißen Haus, hat nun einen erneuten Schwenk eingeleitet: Es geht – mal wieder – zum Mond.

Warum? Och …

Einmal mehr zeigt sich: Langfristige, gar verlässliche Überlegungen scheinen in der bemannten US-Raumfahrt keine Rolle mehr zu spielen. Alle paar Jahre wird die Strategie über den Haufen geworfen – zu Gunsten nationaler Interessen und politischer Eitelkeiten. Schlimmer noch: Die großen visionären Projekte der astronautischen Raumfahrt, die Besiedlung des Mondes, der Flug in die Tiefen des Alls, die Landung auf dem Mars – sie sind nur noch Mittel zum Zweck, Manövriermasse, um die eigene politische Agenda durchzusetzen.

Wegwerfvisionen aus der Showpolitik

Und die ist seit dem Amtsantritt von Donald Trump klar: "America first", Amerika zuerst – auch oder ganz besonders im Weltraum. "Amerika wird im All wieder die Führung übernehmen", verkündet Vizepräsident Mike Pence Anfang Oktober beim ersten Treffen des National Space Council, der die Trump-Regierung beraten soll. 18 Minuten lang redet Pence bei der Veranstaltung in Washington, 53-mal kommt dabei das Wort "Amerika" vor. Kooperation und Partnerschaft fallen nur jeweils einmal.

Für das bisherige Raumfahrtprogramm der USA hat Pence dagegen viele Worte parat. Keines ist schmeichelhaft: Gleichgültigkeit, Vernachlässigung, Rückzug wirft Trumps Nummer zwei der Obama-Administration vor. "Anstatt mit anderen Nationen zu konkurrieren und die beste Weltraumtechnologie zu entwickeln, hat die vorherige US-Regierung die Kapitulation gewählt", urteilt Pence. Seine Strategie scheint klar: Wer Amerika wieder "großartig" machen will, der zentrale Punkt von Trumps Wahlkampf, tut sich leichter, wenn zuvor alles schlecht war – oder zumindest schlechtgeredet wird.

Ob sie ebenfalls denken, dass die Raumfahrt in den USA am Boden liegt, will der Vizepräsident von den anwesenden Konzernchefs aus der Raumfahrtbranche wissen. Die meisten drücken sich in Washington um eine klare Antwort. Gwynne Shotwell, Präsidentin von SpaceX, ist deutlicher: "Bei den Raketenstarts sticht Amerika inzwischen alle anderen Länder aus." Die Fakten sind auf ihrer Seite: 2017 werden die USA voraussichtlich zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder mehr Starts verzeichnen als die anderen Nationen.

Pence ficht das nicht an. Und er weiß auch einen Ausweg aus Amerikas vermeintlicher Misere: den Erdtrabanten. "Wir werden amerikanische Astronauten zurück zum Mond bringen, nicht nur um Fußabdrücke und Flaggen zu hinterlassen, sondern um das Fundament dafür zu legen, Amerikaner auch zum Mars und darüber hinaus zu schicken", sagt er. Cody Knipfer, Politikforscher am renommierten Space Policy Institute der George-Washington-Universität, lässt die Begründung nicht gelten. "Wissenschaft, Inspiration und die Eroberung des Alls werden zwar gerne als Begründung für die bemannte Raumfahrt genannt, in den seltensten Fällen sind sie aber der einzige oder der treibende Grund – und schon gar nicht der Katalysator eines neuen Programms", schreibt Knipfer im Branchendienst "Space Review".

Reiseziel Mond. Aber warum bloß?

Die wahren Gründe für den Mond scheinen banaler: Der Erdtrabant ist mit den Raketen, die derzeit in den USA entwickelt werden, vergleichsweise einfach zu erreichen – wenn auch wohl nicht während Trumps erster Amtszeit. Die Bilder der Mondlandung haben sich, einschließlich des Sternenbanners, ins kollektive Gedächtnis gebrannt und sind schnell wieder zum Leben zu erwecken. Zudem ist der Mond als Ziel gut zu verkaufen und braucht keine Erklärung – anders als ein Asteroid. Und weil Obama dorthin wollte, muss eh ein neues Ziel gefunden werden. Ein neues, prestigeträchtiges Aushängeschild.

Trägerrakete Ares
© NASA, JPL
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernTrägerrakete Ares
Um Orion später voll ausgerüstet ins All zu hieven, benötigt die NASA auch eine neue Trägerrakete, genannt Ares.

Wobei, neu ist es eigentlich nicht. Im Gegenteil: Bereits Trumps Vorvorgänger George W. Bush ordnete 2004 die erneute Landung auf dem Mond an. Im Jahr 2020, gut fünf Jahrzehnte nach Neil Armstrongs erstem kleinen Schritt, sollte es so weit sein. Ein neues Raumschiff namens "Orion" und eine neue Raketenfamilie, "Ares" genannt, wurden entwickelt. Das Programm war, wie fast jedes Projekt der bemannten Raumfahrt, allerdings nicht ausreichend finanziert und lag weit hinter dem Zeitplan zurück.

Entsprechend leicht fiel es Barack Obama, das ungeliebte Constellation-Programm seines Vorgängers zu kippen. Im April 2010 erklärte der demokratische Präsident mit Blick auf den Mond: "Um es ganz offen zu sagen: Wir waren schon dort." Basta. Da aber zehntausende US-Arbeitsplätze an der bemannten Raumfahrt hängen, musste ein neues Ziel her. Nun sollte ein Asteroid in die Nähe des Mondes geschleppt und dort von Raumfahrern besucht werden. Auch dafür musste wieder eine neue Rakete – das Space Launch System, kurz SLS – entwickelt werden. Auch sie ist unterfinanziert. Auch sie ist stark verspätet.

Nun also wieder der Mond. Fragt sich nur, wie lange? Nicht einmal die größten Anhänger des Erdtrabanten sind davon überzeugt, dass das Ziel dieses Mal Bestand haben wird. "Wir brauchen dringend eine Art Leitlinie – einen einzigen erklärenden Satz, warum wir wieder zum Mond fliegen", sagt Astronom Paul Spudis beim diesjährigen Treffen der Lunar Exploration Analysis Group, die die US-Raumfahrtbehörde NASA in Mondfragen berät. Im Jahr 2004, bei Bushs Plänen, habe es 186 Zielvorgaben in sechs Themenfeldern gegeben, so Spudis. Entsprechend erfolglos sei das Vorhaben gewesen. "Wenn man eine Mission nicht in einem Satz zusammenfassen kann, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man sie selbst nicht kennt", bringt es Spudis auf den Punkt. Noch fehlt solch ein Satz.

Deep Space Nein

An einer ehrgeizigen Strategie mangelt es der NASA hingegen nicht: Im Sommer 2021 soll eine SLS-Rakete mit der ersten bemannten Orion-Kapsel zum Mond aufbrechen. Die Crew wird dort das Herzstück einer neuen internationalen Raumstation hinterlassen, die zweitweise bewohnt ist und an der sich auch private Unternehmen beteiligen können. Ihr Name: Deep Space Gateway. Wohn- und Logistikmodule sollen mit den nächsten Flügen folgen. 2027 wird dann ein Megaraumschiff namens Deep Space Transport von der Erde starten und an der Station festmachen. 2029 soll es ein Jahr lang allein in der Umgebung des Mondes kreisen. 2033 fliegt es zum Mars und wieder zurück. Um Mike Pence zufrieden zu stellen, muss die NASA jetzt nur noch eine Mondlandung dazwischenquetschen.

Kleiner Schönheitsfehler: Für all diese Flüge und Missionen gibt es kein Budget, und es ist völlig unklar, ob der US-Kongress jemals Geld dafür lockermachen wird. Das Deep Space Gateway ist sogar nur ein Konzept, eine unverbindliche Absichtserklärung zwischen der NASA und ihren internationalen Partnern. Und das, obwohl in weniger als vier Jahren bereits gestartet werden soll. Ein neuer US-Kongress, ein neuer Präsident, ein neues Ego, und alles kann schon wieder anders aussehen.

Genau davor hat der designierte NASA-Chef, der republikanische Kongressabgeordnete Jim Bridenstein, auch am meisten Angst. Auf die Frage des Berufungsausschusses, was die größten Herausforderungen für die NASA seien, antwortet Bridenstein: "Eine beständige und konsistente Agenda zu entwickeln, die mehrere Regierungen unabhängig von Parteigrenzen überstehen kann." Das sei lebenswichtig, um "verschwenderische Programmeinstellungen zu verhindern und eine hohe Moral in der Agentur sicherzustellen".

Mike Pence versucht derweil wie weiland John F. Kennedy die Space-Race-Karte zu spielen und so für Kontinuität zu sorgen: "Wir haben vor einem halben Jahrhundert den Wettlauf zum Mond gewonnen und wir werden auch das 21. Jahrhundert im Weltall gewinnen", sagt der Vizepräsident in Washington. "Amerika wird in diesem Rennen nie mehr zurückfallen."

Stell dir vor, es ist Space Race, und keiner geht hin

Das Problem: Es will niemand so recht mitlaufen. Selbst China, das gerne zum Gegenspieler stilisiert wird, zeigt offiziell wenig Ambitionen. Zwar baut das Land sein Raumfahrtprogramm massiv und äußerst systematisch aus, die bemannte Mondlandung fehlt aber in den einschlägigen Plänen. Inoffiziell ist lediglich von Vorarbeiten die Rede, und von einer möglichen Landung im Jahr 2036. Nichts, womit man den US-Kongress dazu drängen könnte, frisches Geld für Prestigeprojekte bereitzustellen.

Ohnehin ist China in der Raumfahrt derzeit nicht auf Konfrontation oder Konkurrenz aus. Es geht viel eher um Nationalstolz, um Anerkennung und Selbstbewusstsein. "Mit der Raumfahrt will die Kommunistische Partei den Menschen in China beweisen, dass sie ein Garant für Fortschritt ist – und die beste Organisation, um dem Land seinen verdienten Platz auf der Weltbühne zu verschaffen", schreibt Cody Knipfer.

China hat es dennoch in Pences Rede geschafft – als militärische Bedrohung. Genauso wie Russland versuche die Volksrepublik, amerikanische Satelliten zu stören, zu hacken oder komplett außer Gefecht zu setzen. Auch Verteidigungspolitiker machen mit dieser These seit Monaten Stimmung für verstärkte amerikanische Raumfahrtaktivitäten. "Dank des Weltalls können wir schlauer, schneller und mit besserer Kenntnis des Schlachtfelds operieren", schreibt zum Beispiel Luftwaffen-Staatssekretärin Heather Wilson im Branchendienst "Defense One". "Mehr denn je versuchen potenzielle Gegner, uns diesen Vorteil zu nehmen." Beim Space Council in Washington kommt das so gut an, dass der Nationale Sicherheitsrat mit dem Entwurf eines "strategischen Weltraumrahmenplans" beauftragt wird.

Ausgerechnet darin könnte – so zynisch es klingt – auch eine Chance für die bemannte Raumfahrt stecken. "Solange die USA nicht mit einer geopolitischen Krise konfrontiert sind, die eine Antwort aus dem All erfordert oder eine allumfassende nationale Weltraumstrategie, werden das Ansehen und die Finanzierung der bemannten Raumfahrt wohl nicht steigen", konstatiert Knipfer. Auch Prestige oder Nationalstolz dürften daran – anders als von Pence erhofft – auf lange Frist nichts ändern und zu keinem robusten, ambitionierten Programm führen. "Es gibt jedenfalls keinen Grund, das anzunehmen", so Knipfer. "Schließlich hat es in der Vergangenheit auch nicht funktioniert."