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Warkus‘ Welt: Was eine Telefonnummer von einem Marsmond unterscheidet

Manche Dinge existieren in der Außenwelt, andere bloß in unseren Köpfen. Unser Kolumnist stellt einen Vorschlag aus der Philosophie dazu vor, wo sich die Grenze ziehen lässt.
Organgenes Wählscheibentelefon vor orangenem Hintergrund
Für Dinge, die nicht nur in unseren Köpfen existieren, gilt: Ihre Beschreibung ist nie abgeschlossen.
Gibt es vernünftige Rassisten? Hat nicht nur der Ärger unseres Vorgesetzten eine Ursache, sondern auch alles andere auf der Welt? Und was ist eigentlich Veränderung? Der Philosoph Matthias Warkus stellt in seiner Kolumne »Warkus’ Welt« philosophische Überlegungen zu alltäglichen Fragen an.

Nehmen Sie einmal ein Küchenmesser in die Hand und denken Sie dann an ein ebenes Quadrat von vier Zentimetern Seitenlänge. Nun denken Sie an den Marsmond Phobos und gleichzeitig an Ihre Telefonnummer. Was ist der grundlegende Unterschied zwischen Messer und Quadrat sowie Marsmond und Zahlenreihe?

Möglicherweise sind Sie versucht, zu argumentieren: Das eine ist echt, das andere nicht. Aber Ihre Telefonnummer ist auch echt. Sie können sie nur nicht anfassen wie zum Beispiel das Küchenmesser. Den Marsmond Phobos können Sie allerdings auch nicht berühren. Natürlich: In dem einen Fall ist es grundsätzlich unmöglich, in dem anderen fehlen Ihnen bloß die technischen Mittel dafür. Doch wie kommen Sie auf diesen Gedanken? Oder kurz gefragt: Was unterscheidet das, was »in uns« ist, was wir uns »bloß denken«, von all dem anderen?

Eine Antwort auf diese Frage fußt auf unseren Möglichkeiten, Gegenstände zu beschreiben. Über unser gedachtes Quadrat können wir beispielsweise folgende drei Sätze formulieren: Es ist eine euklidische geometrische Figur. Es ist ein Quadrat. Es hat eine Seitenlänge von vier Zentimetern. Weitere Sätze wie etwa »In ihm sind alle vier Winkel gleich groß« oder »Seine Diagonalen und Seitenhalbierenden verlaufen alle durch denselben Punkt« sind redundant, weil ich das Quadrat bereits vollständig beschrieben habe. Selbst wenn ich alles ausformuliere, was ich über Quadrate weiß, komme ich nach einer überschaubaren Anzahl Sätze ans Ende, ganz gleich, wie viel Mühe ich mir gebe.

Ganz anders verhält es sich mit dem Küchenmesser. Allein seine äußeren Abmessungen sind schon eine Herausforderung – ich kann seine Länge, Breite und Dicke grob mit einem Kinderlineal messen oder es mit einem hochauflösenden 3-D-Scanner abtasten und ein Netz aus Tausenden von mikrometergenauen Koordinaten ermitteln. Die Unregelmäßigkeiten der Klinge, die Maserung des Holzes, die feinen Kratzer in den Griffschalen kann ich beliebig genau beschreiben – je besser die Lupe oder das Mikroskop ist, das ich verwende, desto genauer. Und zur chemischen Zusammensetzung, zu den zwischen Klinge und Heft wirkenden Kräften, die die Teile zusammenhalten, zu Magnetismus und Temperatur ist noch gar nichts gesagt. Was für das alltägliche und handfeste Messer gilt, gilt genauso auch für den Marsmond Phobos (oder für die entfernteste Galaxie): Keine Beschreibung davon ist jemals abgeschlossen; je genauer wir hinschauen und je besser die technische Mittel sind, die wir einsetzen, desto mehr neue Informationen können wir über den Gegenstand gewinnen.

Den beschriebenen Unterschied nannte der Philosoph Hugo Dingler (1881–1954) den zwischen begrenzter und unbegrenzter Fülle. Ein gedachtes Quadrat hat nur begrenzte Fülle, ein Küchenmesser, ein Marsmond, ja selbst das kleinste Kieselsteinchen hingegen unbegrenzte Fülle: So viel man auch über sie herausfindet, sie sind unerschöpflich. Für Dingler bedeutet dies den Unterschied zwischen Innen- und Außenwelt: Daran, dass etwas unbegrenzte Fülle hat, können wir ohne Weiteres erkennen, dass es nicht bloß in unserem Kopf existiert.

Es besteht dabei eine interessante Parallele zwischen den Begriffspaaren »begrenzte/unbegrenzte Fülle« und »analog/digital«: Ein analoges Messgerät wie ein Messschieber oder ein elektrisches Zeigerinstrument kann theoretisch unbegrenzt genau abgelesen werden. Ein digitaler Wert (wie die oben genannte Telefonnummer oder eine bestimmte Kombination von ein- oder ausgeschalteten Lämpchen) lässt sich vollständig verlustfrei wiedergeben und ist damit erschöpft.

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