Diese Woche beginnen die Koalitionsgespräche über die künftige Bundesregierung. Alle potenziellen Regierungspartner bekennen sich dazu, das Pariser Klimaschutzabkommen umzusetzen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, haben Bundestag und Bundesrat doch im September 2016 den Beitritt zu dem Abkommen einstimmig beschlossen. Aber was bedeutet das Pariser Abkommen konkret für unseren weiteren CO2-Ausstoß? Dringenden Handlungsbedarf ohne Aufschub, wie ein Blick auf die Zahlen zeigt.

Warum gibt es ein begrenztes Emissionsbudget?

Unsere CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe und (zu einem kleinen Teil) aus Entwaldung sind die Hauptursache der globalen Erwärmung. Kohlendioxid ist ein langlebiges Treibhausgas – einmal in die Luft entlassen, verschwindet es nicht so leicht. So verhindern unsere Emissionen in diesem Jahrhundert wahrscheinlich sogar die nächste, in 50 000 Jahren fällige Eiszeit, weil selbst dann noch genug CO2 in der Atmosphäre übrig sein wird.

Fakt ist aber: Wer die globale Erwärmung eindämmen will, der kann nur noch eine bestimmte Gesamtmenge in die Luft pusten. Je größer diese ist, desto wärmer wird es auf der Erde. Im Pariser Abkommen wurde von fast allen Staaten der Erde im Konsens beschlossen, die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius zu begrenzen, wenn möglich sogar auf 1,5 Grad. Dieses Ziel bedeutet automatisch eine begrenzte Restmenge an CO2-Emissionen.

Allerdings lässt sich diese nur ungenau beziffern. Da wir heute schon bei über 1 Grad Erwärmung liegen, ist der verbleibende Spielraum irgendwo zwischen 0,5 und 1 Grad – bereits ein Faktor 2. Dazu kommt: Es gibt noch andere Treibhausgase sowie den kühlenden Effekt von Aerosolen – wie wir damit umgehen, beeinflusst unseren Spielraum beim CO2. Daneben gibt es die verbleibenden Unsicherheiten in der Reaktion des Klimasystems. So ist es nicht verwunderlich, dass die Spanne der mit dem Paris-Korridor kompatiblen Emissionsbudgets für CO2 zwischen 150 und 1050 Milliarden Tonnen liegt. Nehmen wir der Einfachheit halber die Mitte dieser Spanne, also 600 Gt, dann sehen mögliche Emissionsverläufe aus wie in den drei durchgezogenen Varianten in Abbildung 1.

Historischer Verlauf der globalen CO2-Emissionen sowie mögliche künftige Verläufe, die mit dem Paris-Korridor vereinbar sind.
© Stefan Rahmstorf/Global Carbon Project; Figueres, C.: Three years to safeguard our climate. In: Nature 546, S. 593-595, 2017; dt. Bearbeitung: Stefan Rahmstorf
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Abbildung 1: Historischer Verlauf der globalen Kohlendioxidemissionen sowie mögliche künftige Verläufe, die mit dem Paris-Korridor vereinbar sind. Die drei durchgezogenen Linien entsprechen einem Gesamtausstoß von 600 Gt CO2 ab 2016, die gelbe gestrichelte Linie einem Ausstoß von 800 Gt. Die drei durchgezogenen Linien zeigen, wie sich die zeitliche Verzögerung beim Klimaschutz auf den Kurvenverlauf und den Zeitpunkt der Nullemission auswirkt.

Diese Grafik schockiert erfahrungsgemäß viele mit der Materie nicht vertraute Laien – obwohl Klimaforscher seit vielen Jahren eindringlich darauf hinweisen, dass die Zeit zum Abwenden einer Klimakatastrophe davonläuft. Wir müssen spätestens in 30 Jahren bei Nullemissionen sein – weltweit! Man kommt um diese Erkenntnis nur herum, wenn man

  • anfangs rascher reduziert als in den Kurven angenommen (das wäre klug),
  • mit negativen Emissionen rechnet – also damit, erst mehr CO2 in die Luft zu pusten, das man dann später aktiv wieder herausholt,
  • ein erhebliches Risiko in Kauf nimmt, über zwei Grad zu landen.

Sieben Gigatonnen für Deutschland?

Das weltweite Emissionsbudget ist also durch das Pariser Abkommen begrenzt, aber wie viel von diesem Kuchen steht Deutschland zu? Dazu sagt das Abkommen nichts. Dies ist auch keine Frage an Naturwissenschaftler – es ist eine Frage der Gerechtigkeit.

Das einfachste Gerechtigkeitsprinzip lautet: Jeder Erdenbürger hat das gleiche Recht auf das Gemeingut Atmosphäre. So kann man das globale Budget auf die Länder der Welt verteilen: nach Bevölkerungszahl. Genau das hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) gerade in einer aktuellen Stellungnahme getan. Da in Deutschland 1,1 Prozent der Weltbevölkerung zu Hause ist, stünden uns von den oben angenommenen 600 Gt demnach 6,6 Gt zu. Der SRU hat sogar ein deutlich höheres Weltbudget von 850 Gt angenommen und Deutschland daher 9,4 Gt ab Anfang 2015 zugebilligt. Ziehen wir für 2015, 2016 und 2017 die jeweils emittierten 0,8 Gt ab, bleiben 7 Gt ab nächstem Jahr.

Diese sieben Gt sind aber noch in einer weiteren Hinsicht sehr großzügig gerechnet. Wir leben seit Langem über unsere Verhältnisse: Aktuell verursachen wir 2,2 Prozent der globalen CO2-Emissionen, also doppelt so viel, wie uns nach unserer Bevölkerungszahl zusteht. Nach den historischen Gesamtemissionen seit Beginn der Industrialisierung liegt Deutschland auf Rang 4 aller Länder, hinter den USA, China und Russland. Gerade Entwicklungsländer wie Indien bestehen aber in der internationalen Diskussion darauf, dass diese historische Verantwortung für CO2-Emissionen teilweise angerechnet wird.

Diese Debatte will ich hier nicht vertiefen. Ich will nur darauf hinweisen, dass die SRU-Annahme, Deutschland habe noch ein Anrecht auf den Ausstoß von sieben Milliarden Tonnen Kohlendioxid, schon sehr freundlich für uns gerechnet ist – viele andere Länder wären sicher nicht damit einverstanden, dass wir uns ein so großes Stück vom kleinen Restkuchen genehmigen wollen.

Was bedeutet das Budget für unsere Zukunft?

Abbildung 2 zeigt, wie dieses Budget durch eine lineare Emissionsminderung in Deutschland eingehalten werden könnte. Die sieben Gt würden bei den jetzigen Emissionen noch neun Jahre reichen, bei linearer Minderung also 18 Jahre. Im Jahr 2036 müssten wir auf null sein!

Dies ist aber keineswegs das Ziel der Bundesregierung, geschweige denn liegt es im aktuellen Trend (hellblau). Hier muss schon in den Koalitionsverhandlungen dringend nachgebessert werden. Dass wir jetzt bereits 2036 auf null sein müssen, liegt an der ungenügenden Politik der letzten Bundesregierungen. Hätten wir früher reduziert, hätten wir noch einen viel größeren Spielraum – wie der grüne Pfad exemplarisch zeigt, der noch Emissionen bis 2050 erlaubt hätte.

Deutsches Emissionsbudget nach Paris, verschiedene Szenarien.
© Volker Quaschning, mit frdl. Genehmigung
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Abbildung 2: Die deutschen Emissionen und Ziele. Die blauen Geraden zeigen Verläufe mit einem Budget von 7 Gt ab 2018, bei sofortiger linearer Minderung (durchgezogen) und bei Minderung erst ab 2022. Diese Linien habe ich mit freundlicher Genehmigung der Originalgrafik von Volker Quaschning zugefügt.

Das ist die entscheidende Eigenschaft eines begrenzten Budgets. Das begrenzte Budget aber ist schlicht eine Folge der Langlebigkeit von CO2 in der Atmosphäre – eine Eigenschaft des Klimasystems, mit dem wir nicht verhandeln können.

Nehmen wir an, die neue Regierung macht "Klimaschutz as usual" und macht vier Jahre lang auf der hellblauen Trendlinie weiter. In diesen vier Jahren würden dann zusammen 3,2 Gt ausgestoßen, bliebe also ein Restbudget von 3,8 Gt. Bei den Emissionen von dann immer noch 0,79 Gt jährlich würde das noch knapp 5 Jahre reichen, bei linearer Reduktion also 10 Jahre, bis 2032 – siehe die gestrichelte Linie. Vier Jahre Zaudern der kommenden Bundesregierung würde demnach das Ende der fossilen Emissionen in Deutschland um vier Jahre vorverlegen.

Der SRU teilt das Budget von 9,4 Gt ab 2015 noch auf die einzelnen Sektoren auf: So sollen drei Gt auf die Energiewirtschaft entfallen, davon maximal zwei Gt für die Kohleverstromung. Jährlich werden derzeit von den deutschen Kohlekraftwerken 0,25 Gt Kohlendioxid in die Luft geblasen. Bei den jetzigen Emissionen würde das Kohlebudget also höchstens noch 5 Jahre ab 2018 reichen, danach ist Schluss. Fangen wir dagegen sofort mit einer linearen Minderung an, reicht das Budget noch zehn Jahre bis zum Ende der Kohlekraft. Je später man mit dem Abschalten der Kohlekraftwerke beginnt, desto früher muss der Ausstieg beendet sein.

Entwicklung der Stromproduktion in Deutschland aus Erneuerbaren und Kohle.
© Sachverständigenrat für Umweltfragen
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Abbildung 3: Entwicklung der Stromproduktion in Deutschland aus erneuerbaren Energiequellen und Kohle.

Deutschland hat zwar viel erreicht mit der Energiewende, die Erneuerbaren erzeugen inzwischen mehr Strom als Braunkohle oder Steinkohle. Doch die Kohlekraftwerke laufen weiter, untergraben den Klimaschutz und füttern riesige Exportüberschüsse beim Strom. Jetzt muss die Kohleverstromung umso rascher auf null heruntergefahren werden.

Entweder – oder

Entweder nehmen wir das Pariser Abkommen ernst, oder wir reduzieren die Emissionen weiter so langsam wie bisher. Beides geht nicht.

Dass wir nun mit einem Wettlauf gegen die Zeit konfrontiert sind, liegt daran, dass die rechtzeitigen Warnungen seitens der Wissenschaft zu lange ignoriert wurden. Spätestens nach dem ersten IPCC-Bericht von 1990 lagen die wesentlichen Fakten klar auf dem Tisch und wurden 1992 beim Erdgipfel in Rio mit dem Abschluss der Klimarahmenkonvention von den Regierungen auch anerkannt – und man hätte handeln müssen. Dass dies viel zu zögerlich geschah, liegt nicht zuletzt an einer ganzen Industrie der Verleugnung und Vertuschung, die hunderte Millionen Dollar in die Täuschung der Öffentlichkeit investiert hat und deren Propaganda auch von einigen deutschen Medien und Politikern bis heute gerne verbreitet wird.

Die drei global wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen waren 2014, 2015 und 2016. Eisverlust und Meeresspiegelanstieg beschleunigen sich. Weltweit zeigt sich in diesem Jahr all das, wovor die Klimaforscher seit Langem warnen: Wegen unerträglicher Hitzewellen (in Arizona konnten dieses Jahr Flugzeuge nicht mehr starten), tödliche Waldbrände in Portugal, Spanien, Kanada, Kalifornien, Brasilien, sogar Grönland, verheerende Überflutungen nach Extremregen, Bergstürze durch tauenden Permafrost und Eisrückgang, Hungerkrisen durch Dürre (Südsudan, Somalia, Yemen …). Und Houston unter Wasser sowie verwüstete Karibikinseln durch eine nie da gewesene Hurrikansaison im Atlantik, zu der der Toptropensturmforscher der USA, Kerry Emanuel vom MIT, schrieb: Es ist Zeit, diese Hurrikankatastrophen nicht mehr "Naturkatastrophen" zu nennen. Letzte Woche tauchte sogar erstmals ein Hurrikan der Kategorie 3 vor Europas Küsten auf, Ophelia – der zum Glück nicht, wie anfangs vorhergesagt, in Portugal an Land ging, sondern durch eine Hochdruckzone nach Norden abgedrängt wurde und sich daher über kälterem Meerwasser abschwächte, bevor er Irland traf.

Abwarten, Verleugnen, Verzögern sind schon lange keine verantwortbaren Optionen mehr.