Als 1972 vom Club of Rome die Studie "The Limits of Growth" veröffentlicht wurde, bekam der Begriff Nachhaltigkeit eine Bedeutung für die breite Öffentlichkeit. Die Experten wiesen darauf hin, dass wir zu viele Ressourcen verbrauchen, und appellierten, sich zu mäßigen und weniger zu wachsen.

20 Jahre später ließen sich dann erstmals 60 000 Aktivisten, Bürokraten und Politiker in Kerosin verbrennenden, Treibhausgase ausstoßenden Flugzeugen nach Rio de Janeiro transportieren, um an dem 40 Millionen Euro teuren Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung – auch Erdgipfel genannt – teilzunehmen. Dass der Kongress an der Copacabana stattfand, hatte selbstverständlich nichts damit zu tun, dass die Frauen dort Badeanzüge tragen, die in einer Streichholzschachtel Platz haben.

Inzwischen gibt es keinen Brotaufstrich, keinen Immobilienfonds, keine Fußcreme mehr, die nicht irgendwie nachhaltig daherkäme. Mittlerweise kann man sogar nachhaltige Vibratoren kaufen, die mit einer Handkurbel betrieben werden. "Öko-Test" würde wahrscheinlich das Prädikat "befriedigend" vergeben.

Ursprünglich stammt der Begriff "Nachhaltigkeit" aus der Forstwirtschaft und bezeichnet die Bewirtschaftungsweise eines Waldes, bei welcher immer nur so viel Holz entnommen wird, wie nachwachsen kann. Ein an und für sich sinnvoller Gedanke, den man inzwischen auf alle Rohstoffe übertragen hat. Das Problem dabei: Im Gegensatz zu Holz weigern sich die meisten Ressourcen beharrlich, nachzuwachsen.

1987 formulierte die Brundtland-Kommission der Vereinten Nationen eine weitergehende Definition des Begriffs. Eine Entwicklung ist dann nachhaltig, wenn "die Bedürfnisse der gegenwärtig lebenden Menschen befriedigt werden, ohne die Bedürfnisse künftiger Generationen in Frage zu stellen".

Doch genau da liegt der Knackpunkt. Wie will man wissen, welche Bedürfnisse und Probleme unsere Nachfahren haben werden? Wissen Sie, was vor 150 Jahren von den führenden Fachleuten als das größte Umweltproblem der Zukunft angesehen wurde? Der Pferdemist in den Großstädten. Halten Sie mich für verrückt, aber Pferdemist ist derzeit nicht unser größtes Problem.

Es könnte also gut sein, dass unsere Urenkel ähnlich belustigt reagieren werden, wenn sie erfahren, dass wir uns Anfang des 21. Jahrhunderts Sorgen über unsere Erdölvorräte gemacht haben. Der Mensch ist innovativ und erfindungsreich. Die Steinzeit ist bekanntlich nicht zu Ende gegangen, weil es plötzlich keine Steine mehr gab.

Ist Reduzieren und Verzichten wirklich das richtige Zukunftskonzept? Löst es tatsächlich die Probleme der Welt, wenn wir weniger wachsen? Wenn unsere Ressourcen endlich sind, dann sind sie zwangsläufig irgendwann mal verbraucht. Und zwar egal, wie verantwortungsvoll wir damit umgehen.

Paradoxerweise ist ja noch nicht mal die Natur so richtig nachhaltig. Ein Meteoriteneinschlag ist nicht nachhaltig. Okay, dafür zu 100 Prozent bio.

In der Natur herrscht ein permanentes Wechselspiel von Leben und Tod, von Veränderung, Chaos, Anarchie und Katastrophen. Dadurch ist ein Großteil aller jemals auf der Erde existenten Arten ausgestorben. Hätte sich die Evolution vor 65 Millionen Jahren entschieden, nachhaltig zu sein, dann wären heute noch die Dinosaurier am Drücker.

Wohin möchten wir eigentlich?

Bei der Entwicklung einer lebenswerteren Zukunft kann die Fixierung auf Reduzierung von Wachstum und von Ressourcen sogar kontraproduktiv sein. Denn sie geht irrigerweise davon aus, dass es auf der Erde eine Art statischen Idealzustand gibt. Und sie bietet keinerlei Alternativlösung an, wenn eine Entwicklung tatsächlich nicht mehr aufzuhalten ist.

Auch, wenn es ketzerisch klingt: Aber was würde die kostenintensive Reduzierung von CO2 noch für einen Sinn machen, wenn herauskäme, dass die Klimakatastrophe ohnehin unausweichlich wäre?

Stellen Sie sich vor, Sie steigen in ein Taxi und sagen dem Fahrer: "Ich möchte NICHT zum Flughafen." Kann er damit etwas anfangen? Doch genau so argumentieren viele Nachhaltigkeitsexperten. Sie sagen uns nur, wo wir nicht hingehen dürfen. Aber sie nennen kein Ziel. Und sie gehen insgeheim davon aus, dass den Menschen in der Zukunft nichts Gescheiteres mehr einfällt. Man kann bei einem Gefährt, das mit voller Geschwindigkeit auf einen Abgrund zurast, natürlich auf die Bremse drücken und es dadurch verlangsamen. Aber man kann sich auch mit der Tatsache abfinden und auf dem Weg zum Abgrund Flügel entwickeln.

Doch statt auf die menschliche Kreativität zu vertrauen, predigen wir lieber den Verzicht und verstricken uns dabei in Verordnungen, deren ökologischer Nutzen umstritten ist. Da wird ein ganzes Volk sinnlos mit leeren Dosen im Kreis herumgeschickt und mit ökologischen Fußabdrücken in den Wahnsinn getrieben. Für "nachhaltige" Wasserkraft werden Stauseen errichtet, die riesige Ökosysteme zerstören. Und die Produktion von Biodiesel nimmt den Getreidebauern die Flächen weg. Da bekommt der Begriff "Essen auf Rädern" eine vollkommen neue Bedeutung.

Für reiche, saturierte Gesellschaften mag der Appell von Verzicht und Reduzierung verständlich sein. Aber was sollen die Ärmsten der Armen mit diesem Aufruf anfangen? Sagt es ihnen nicht eigentlich: "Wir wollen nicht, dass es euch genauso gut geht wie uns, weil dadurch die Ressourcen noch schneller aufgebraucht werden?"

Es gibt tausende sich widersprechende Szenarien, wann genau der Produktionsgesellschaft die Rohstoffe ausgehen werden. Doch es gibt kein einziges Szenario, dass der Menschheit jemals gute Ideen ausgehen werden. Lasst uns also lieber Flügel bauen und keine Bremsen!

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