Holz ist im Kommen – auch und vor allem wieder, um daraus Wärme und Strom zu gewinnen. Laut Umweltbundesamt "ist die Holzentnahme in Deutschland seit 2002 deutlich angestiegen, und ein Großteil des nutzbaren Zuwachses wird bereits eingeschlagen". Das bestätigt Rainer Luick von der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg: "Die Ergebnisse der letzten Bundeswaldinventur zeigen, dass schon fast alle verfügbaren Ressourcen in unseren Wäldern genutzt werden." Das durchschnittliche Alter deutscher Wälder liegt bei 77 Jahren. Nur auf zwei Prozent der Waldfläche wachsen Bäume, die älter als 180 Jahre sind. Und Naturwaldreservate machen sogar gerade einmal 0,3 Prozent des Waldbestandes aus, wo sich das Ökosystem natürlich entwickeln darf.

Entsprechend sieht Forstökologe Luick bei Alter und Struktur deutscher Wälder noch viel Luft nach oben: "Den Luxus, dass wir unsere Wälder nachhaltig bewirtschaften können, haben wir erst seit den 1950er und 1960er Jahren, als man beim Heizen zu Kohle und Öl übergegangen ist. Dem verdanken wir, dass die Vorräte in unseren Wäldern überhaupt wieder angewachsen sind. Trotzdem sind sie noch vergleichsweise jung. Wir haben nach wie vor große Defizite bei Humusbildung und Totholzanteil, und ein größerer Vorratsaufbau wäre auch aus ökologischer und Klimaschutzsicht sinnvoll. Momentan sind wir bei durchschnittlich 300 Vorratsfestmetern Holz pro Hektar – 500 bis 600 wären aber durchaus realistisch." Auch Daniela Thrän, Mitglied im Bioökonomierat der Bundesregierung und Leiterin der Abteilung Bioenergie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig, berichtet, dass in einigen Regionen, etwa in Baden-Württemberg, die Holznutzung als "zunehmend intensiv" empfunden wird. Andererseits hat sich die deutsche Forstwirtschaft auch in Richtung Naturverjüngung und naturgemäßen Waldbau entwickelt, seit Orkan "Wiebke" 1990 durch die Fichtenwälder fegte.

Naturwald
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Nur 0,3 Prozent der deutschen Waldfläche gelten als Naturwaldreservate, wo die Bäume sich frei entwickeln und sterben dürfen.

Undurchsichtig wie ein Dschungel

Klar ist, dass der steigende Bedarf an Energieholz den Druck auf die Wälder erhöht. Zur Produktion der in den letzten Jahren boomenden Holzpellets wird hier zu Lande zwar noch hauptsächlich das Restholz der Sägewerke verwendet. Zunehmend landen aber auch die Kronenbereiche der Bäume in den Pelletierungs- oder Brikettanlagen, weshalb dem Wald wichtige Nährstoffe wie Kalium und Magnesium fehlen. Teilweise wird dann großflächig Kalk ausgebracht, um dem Nährstoffverlust im Waldboden entgegenzuwirken.

Gefährdet die Renaissance des Brennholzes also den naturnahen Waldbau? Joachim Radkau, der sich als Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld mit dem Thema Holznutzung auseinandergesetzt hat, gab 2011 in einem Vortrag auf der Holzmesse Ligna in Hannover zu bedenken: "[…] ich gestehe, dass mich der Gang durch den gewaltigen Maschinenpark zur Produktion von Pellets und Hackschnitzeln nachdenklich gemacht hat. Wenn man da Maschinen angeboten sieht, die dicke Baumstämme ruckzuck zu patenten Brennstoffen zerschreddern, so demonstriert dies, in welchem Maß der so genannte technische Fortschritt das Kaskadenprinzip der Holznutzung (Beschränkung der energetischen Nutzung auf Holzreste und Altholz) überrollt." Laut Radkau wurden schon 2011 über die Hälfte der Heizkraftwerke statt wie vorgesehen mit Altholz mit Waldholz betrieben: "All das ist für Außenstehende so undurchsichtig wie ein Dschungel."

Daniela Thrän vom UFZ in Leipzig sieht bei den gängigen Holzlabels den richtigen Ansatzpunkt: "Man muss sicherstellen, dass die Rohstoffbasis nachhaltig ist. Das geht über Waldzertifizierungen wie PEFC und FSC. Die lassen beide keine Entwaldung zu, aber was das so genannte Restholzsortiment angeht, ist FSC strikter. Das FSC-Siegel verlangt zum Beispiel, dass Reisig und Äste mit geringem Durchmesser im Wald bleiben, was zu weniger Ertrag an Energieholz führt." Strenge Kriterien bietet auch das Naturland-Siegel für ökologische Waldnutzung, das aber wenig verbreitet ist. In Deutschland sind bislang nur knapp 0,5 Prozent der Waldfläche nach Naturland zertifiziert. Für den Verbraucher sollte klarer werden, aus welcher Art von Forstwirtschaft das Holz kommt. Thrän hält eine verpflichtende Herkunftsangabe für sinnvoll. Die Schweiz ist da einen Schritt voraus und hat das Herkunftszeichen Schweizer Holz (HSH) als Ursprungsbezeichnung geschaffen. Das garantiert die eindeutige Kennzeichnung einheimischer Holzprodukte und soll nun auch auf Schweizer Energieholz ausgeweitet werden.

Brennpunkt Osteuropa

Der Blick der Holzindustrie richtet sich mittlerweile verstärkt nach Osteuropa, wo zunehmend Raubbau stattfindet. Besorgnis erregende Entwicklungen lassen sich etwa in den Karpaten beobachten, deren urtümliche Wälder sich von Polen und der Slowakei bis nach Rumänien und in die Ukraine erstrecken. Diese Wälder beherbergen etwa die Hälfte aller europäischen Bären, Wölfe und Luchse – und verschwinden in hohem Tempo. Laut einer gerade erschienenen Studie zählen osteuropäische Länder wie Polen, Weißrussland, Litauen, aber auch Österreich, Ungarn, die Slowakei und Schweden zu den globalen Hotspots beim Verlust von Waldflächen in artenreichen Lebensräumen.

Wald in den Karpaten
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Die Karpaten beherbergen die Hälfte der europäischen Luchs-, Bären- und Wolfsbestände – das Holz der Wälder weckt allerdings Begehrlichkeiten.

Wie die europäische Waldschutzorganisation Fern berichtet, werden im Osten der Slowakei alte Buchenwälder für die Holzenergieproduktion abgeholzt. Es gibt Einschlaggenehmigungen in Schutzgebieten wie dem Poloniny-Nationalpark, und EU-Gelder werden zum Ausbau der Infrastruktur verwendet. "Ein Großteil der letzten Buchenurwälder, die es in der Europäischen Union heute noch gibt, befindet sich in Rumänien. Doch Woche für Woche werden dort Tausende von Bäumen legal und illegal gefällt", beklagt Gabriel Schwaderer, Geschäftsführer der international tätigen Naturschutzstiftung EuroNatur. Die rumänische Umweltorganisation Agent Green meldet aktuell Kahlschläge in den Wäldern der Tarcu-Berge, im Südwesten des Landes. Greenpeace Russland hat anhand von hochauflösenden Satellitenbildern errechnet, dass Rumänien allein zwischen 2000 und 2011 durch Abholzung oder Degradierung über 280 000 Hektar intakte Waldfläche verloren hat – etwa die zehnfache Fläche des Nationalparks Bayerischer Wald.

Die Hälfte der betroffenen Wälder lag innerhalb von Schutzgebieten, und viele Flächen wurden illegal eingeschlagen. Nach den Recherchen von Agent Green in Rumänien und der Environmental Investigation Agency (EIA) mit Sitz in den USA geht ein großer Teil des Holzes an den österreichischen Holzverarbeiter "Holzindustrie Schweighofer", der seit 2015 auch ein großes Sägewerk im sächsischen Kodersdorf an der Grenze zu Polen betreibt. Schweighofer beruft sich auf die Legalität der Dokumente und die Zertifizierung seiner Hölzer. Susanne Breitkopf von der EIA kritisiert: "Gefälschte Dokumente sind im rumänischen Forstsektor an der Tagesordnung. Das auf Dokumenten basierende Kontrollsystem der Forstsiegel PEFC und FSC ist da zu schwach. In der Regel finden keine Kontrollen an der Quelle statt, ein glaubwürdiges Zertifikat müsste das Holz aber bis in den Wald zurückverfolgen können." Filmaufnahmen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) dokumentieren den Raubbau in Rumäniens Urwäldern. Nach Ansicht der NGOs reicht die EU-Holzhandelsverordnung nicht aus, um den illegalen Holzeinschlag innerhalb der Grenzen der Europäischen Union zu bekämpfen.

Ist Holz ein klimaneutraler Brennstoff?

Milde Winter und die Talfahrt des Ölpreises könnten vorerst etwas Druck vom Energieträger Holz nehmen – insbesondere das Geschäft mit Holzpellets leidet darunter. So hat Deutschlands größter Pellethersteller German Pellets, noch vor Kurzem auf weltweitem Expansionskurs, im Februar Insolvenz beantragt. Mittelfristig werden die Klimaschutzbemühungen und die Einstufung von Holz als klimaneutraler Brennstoff die Nachfrage aber wohl weiter befeuern.

Urwald im polnischen Bialowieza
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Der letzte große Urwald im europäischen Urwald wächst an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland. Dennoch werden auch dort mittlerweile Bäume gefällt.

Wie klimafreundlich Brennholz letztlich ist, hat die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) zusammen mit der Holzforschung an der Technischen Universität München in bayerischen Forsten untersucht. Daniel Klein von der LWF-Abteilung Boden und Klima erläutert die im Fachmagazin "Science of the Total Environment" veröffentlichten Ergebnisse: "Wir kommen zum Schluss, dass Holz nicht pauschal als klimaneutral gelten kann, denn natürlich entstehen bei der Ernte und Verarbeitung von Rohholz Treibhausgasemissionen. Sie variieren je nach genutzten Baumarten, Ernteverfahren und Transportentfernungen um den Faktor sieben, aber selbst bei einer intensiven Forstwirtschaft ist Holz in der Klimabilanz immer noch deutlich besser als jeder fossile Energieträger." Das liegt daran, dass der Kohlenstoff aus dem Holz sich im gegenwärtigen natürlichen Kreislauf zwischen Atmosphäre und Pflanzen befindet, während der Kohlenstoff aus Kohle, Gas und Öl aus Langzeitspeichern stammt. Klein und Kollegen empfehlen als Konsequenz aus ihrer Studie die Integration von Klimabilanzen in die Holzzertifizierung, denn sie seien ein guter Indikator für die Nachhaltigkeit der Bewirtschaftung.

Grenzen des Wachstums

Holz gilt gemeinhin als "erneuerbare Energie" – aber dass es im Unterschied zu Sonne und Wind keine unbegrenzte Ressource ist, verdeutlicht Forstwissenschaftler Klein anhand des bayerischen Wärmebedarfs: "Selbst wenn Sie die gesamte Holzerntemenge aus bayerischen Wäldern energetisch nutzen würden, könnten Sie damit nur ein Viertel des Wärmebedarfs decken." Und das, obwohl im waldreichen Bayern im bundesweiten Vergleich mit Abstand am meisten Holz eingeschlagen wird. Auch deutschlandweit zeigen sich die Grenzen des Wachstums: Trotz der vergleichsweise intensiven Nutzung wurden im Jahr 2013 gerade einmal 6,3 Prozent der Wärmeenergie in Deutschland aus Holz gewonnen.

Energieholz aus nachhaltiger, regionaler Forstwirtschaft kann also im Vergleich zu fossilen Brennstoffen erhebliche Mengen an Treibhausgasen einsparen. In der Produktionskette vom Baum zum Pellet sind jedoch mehr Transparenz und wirkungsvollere Nachweise sowie Kontrollen nötig, um die Nachhaltigkeit der Produktion zu garantieren. Dazu sind ebenso die Verbraucher gefordert, etwa verstärkt auf die Herkunft des Holzes zu achten und entsprechende Angaben einzufordern. Der Wald allein wird unseren Energiehunger nicht stillen können. Deswegen verweist Rainer Luick auf eine andere Lösung zum Schutz der Wälder: "Wenn wir die Energiewende naturverträglich realisieren wollen, kommen wir nicht umhin, mehr Energie zu sparen."

Anm. d. Red.: Im Artikel stand ursprünglich, dass Buchenwälder für Holzpellets gerodet werden. Das ist nicht ganz korrekt: Sie werden für Holzhackschnitzel verwendet und damit auf andere Weise energetisch genutzt.