Keine Panik! Dass Erreger gegen alle Antibiotika resistent sind und Ärzte ihren Patienten nur noch hilflos beim Sterben zusehen können, ist nicht der Normalfall. Solche tödlichen, nicht behandelbaren Klebsiella-Infektionen wie jene in den USA werden auch in Zukunft noch die Ausnahme bleiben – Resistenzen nehmen zwar deutlich zu, sind aber zwischen den verschiedenen Krankheitserregern sehr unterschiedlich verteilt. Gegen die allermeisten Infektionen wird es auch in Zukunft noch Wirkstoffe geben. Dennoch sehen wir uns vor dem Ende der Medizin, wie wir sie kennen: Die Resistenzen erzwingen einen deutlichen Strukturwandel im Kampf gegen Infektionen.

Lars Fischer
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Die potenziellen Folgen der Entwicklung jedenfalls sind dramatisch. Im Mai 2016 legte der Ökonom Jim O'Neill im Auftrag der britischen Regierung einen Bericht über die Konsequenzen der zunehmend unempfindlichen Keime vor. Demnach werden im Jahr 2050 jedes Jahr zehn Millionen Menschen durch resistente Erreger sterben.

Das ist selbst für meinen Geschmack ein bisschen sehr apokalyptisch, zumal Fachleute seit Jahren Methoden und Strategien gegen die unempfindlichen Erreger entwickeln. Doch in der Tat sollte man sich nicht darin täuschen, dass Antibiotikaresistenzen eine enorme Herausforderung für die Medizin sind. Die Krise spielt sich im Hintergrund ab, in den Krankenhäusern und auf der Ebene von Kosten, Risiken und einzelnen Patientenschicksalen.

Die Apokalypse fällt wohl aus

Zufällige Infektionen sind nur ein kleiner Teil des Problems. Ein beträchtlicher Teil der modernen Medizin, besonders die Chirurgie, hängt in der einen oder anderen Weise von Antibiotika ab. So gefährden resistente Erreger schon heute große chirurgische Eingriffe wie Herzoperationen, Organtransplantationen oder auch Implantate wie künstliche Gelenke. Auch bei anderen Eingriffen mit geringerer Infektionsgefahr steigt das Risiko und, umgerechnet auf die Menge solcher Prozeduren, dann auch die Zahl der Opfer.

Viele Details dieser Entwicklung liegen im Dunkeln, weil Zahlen oft fehlen oder lückenhaft sind. Aber das Problem wird der Medizin seinen Stempel aufdrücken, nicht nur rein fachlich, sondern kulturell und ökonomisch. Auch erfolgreich behandelte resistente Infektionen bringen versteckte Kosten mit sich, in Form aufwändigerer Diagnostik, längeren Liegezeiten und nicht zuletzt stärkeren Nebenwirkungen. Der Wirkstoff Colistin zum Beispiel wurde einst bei Menschen aus dem Verkehr gezogen, weil er die Nieren schädigt, nun ist er oft die letzte Rettung.

Aber auch gegen diesen Wirkstoff gibt es immer mehr Resistenzen. Die rasante Verbreitung der erst 2011 aufgetauchten Resistenz gegen Colistin sollte hinlänglich belegen, dass die klassische Strategie scheitern wird: neue Antibiotika schneller zu erforschen, als sich Resistenzen entwickeln. Zum einen gibt es nach wie vor keine Einigkeit, wie man die brachliegende Forschung an Antibiotika wiederbelebt, zum anderen sind neue Antibiotika anscheinend deutlich schwerer zu finden, als man gemeinhin denkt. Drittens ist es wahrscheinlich einfach zu spät, um weiterzumachen wie bisher.

Für neue Antibiotika ist es zu spät

Selbst wenn man plötzlich eine Reihe neuer Wirkstoffe fände, es würde Jahre dauern, sie in die klinische Praxis zu bringen. Deswegen können Maßnahmen, die Forschung an Antibiotika zu fördern – zum Beispiel die in O'Neills Bericht empfohlenen milliardenschweren Prämien für neue Wirkstoffe und gut bestückte Forschungsfonds für die Grundlagenforschung –, nur ein Teil der Antwort sein. Antibiotikaforschung ist die bequemere Lösung für alle Beteiligten, aber wichtiger noch sind andere Ansätze, die auf verschiedene Art die Nachfrage nach den Medikamenten reduzieren.

Vor allem werden immer noch viel mehr Antibiotika verbraucht, als eigentlich nötig wären. Das betrifft einerseits den in dieser Hinsicht gerne an den Pranger gestellten Agrarsektor, aber mindestens ebenso groß ist das Problem in der Humanmedizin. Ein beträchtlicher Teil der Antibiotikaverschreibungen hier zu Lande ist schlicht unnötig, anderorts kauft man die Wirkstoffe sogar einfach im Supermarkt. Ohne einen allgemein verantwortungsvollen Umgang mit den Wirkstoffen wird keine Maßnahme jemals gegen Resistenzen ankommen.

Molekül in der Pille
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Die bedeutendste Entdeckung der Medizin, dass Infektionen und speziell Wundinfektionen einfach bekämpft werden können, ist nur auf den ersten Blick ein glücklicher Zufallsfund. Tatsächlich stehen bereits hinter dem ersten dieser Medikamente Jahre harter Arbeit. Das zeigt sich schon darin, dass Alexander Fleming bei seinen Experimenten irgendwann nicht nur auf eine verschimmelte Kultur stieß, sondern daraus auch die richtigen Schlüsse zog. Wirklich etwas anfangen konnte er mit seiner Entdeckung aber nicht – die eigentliche Arbeit machten andere.

Zuerst einmal versuchte sich ein Team um den Australier Howard Walter Florey daran, das Penizillin in einer Menge zu gewinnen, die für die Medizin auch interessant wäre – eine Aufgabe, mit der Fleming als Mikrobiologe hoffnungslos überfordert war. Florey und sein Team von Chemikern benötigten drei Jahre, bis sie endlich 1941 genug Material für Versuche bereitstellen konnten. Trotz der beeindruckenden Erfolge dauerte es noch drei weitere Jahre, bis das neue Medikament in den USA großtechnisch produziert wurde. Heute bekämpft man mit Antibiotika nicht nur gewöhnliche Krankheiten, sondern verhindert auch Infektionen nach medizinischen und chirurgischen Eingriffen und bei Patienten, deren Immunsystem durch Krebs, andere schwere Krankheiten oder Transplantationen geschwächt ist.

Dabei kommt der Diagnostik gleich eine doppelte Rolle zu. Einerseits braucht man neue, effektive Methoden, um sicher herauszufinden, wann Antibiotika sinnvoll zum Einsatz kommen und wann nicht; andererseits müssen Keime bei einer Infektion in Zukunft binnen sehr kurzer Zeit auf ihr Resistenzprofil getestet werden, um langwierige und teure Experimente mit wirkungslosen Präparaten zu unterbinden. Heutige mikrobiologische Untersuchungen dauern noch bis zu mehrere Tage – und gefährden so im Ernstfall sogar Menschenleben.

Die Zeit der Wundermittel ist vorbei

Neben dem Kampf gegen Verschwendung gibt es einen weiteren naheliegenden Weg, Probleme mit Resistenzen zu vermeiden: Hygiene. Wer sich nicht ansteckt, braucht auch keine Antibiotika. Hygiene allerdings ist ein großes Problem auch in den Gesundheitssystemen der reichsten Länder: Sauberkeit verursacht Aufwand, für den oft einfach das Personal fehlt – häufig aus Kostengründen. Vor wenigen Tagen erst veröffentlichte das Recherchezentrum Correctiv eine Auswertung der neuesten vorliegenden Krankenhausqualitätsberichte aus dem Jahr 2014. Demnach erfüllen nicht einmal drei Viertel der Kliniken die seit 2011 bindenden Empfehlungen zum Hygienepersonal des Robert Koch-Instituts.

Es ist zumindest ein Indiz dafür, dass Hygiene in der modernen Medizin auch dank Antibiotika einen vergleichsweise geringen Stellenwert hat. Je größer das Problem der Antibiotikaresistenzen wird, desto wichtiger wird jedoch in Zukunft, Infektionen von vornherein zu vermeiden. Dabei werden auch Impfungen eine große Rolle spielen; zwar wirken die meisten heutigen Impfstoffe gegen Virusinfektionen, das liegt aber auch daran, dass gegen Bakterien bisher Antibiotika leicht verfügbar waren. Das ändert sich nun, und damit wird es wohl auch mehr Impfungen wie gegen das Bakterium Haemophilus influenzae vom Typ b geben.

Die Zeit der Wundermittel ist jedenfalls vorbei. Nachdem Bakterien ein paar Jahrzehnte lang als endgültig besiegt galten, kehren die von ihnen verursachten Krankheiten nun mit Schwung zurück, sei es Tripper, sei es Tuberkulose. Die moderne Medizin wird sicher nicht alle Fortschritte des letzten Jahrhunderts wieder verlieren, wie manche angesichts der Entwicklung befürchten. Aber der Kampf gegen die Mikroben ist jetzt deutlich komplizierter geworden. Man wird vieles ändern müssen – nicht nur an den Abläufen in der Klinik und den Strukturen der Gesundheitssysteme, sondern vor allem in der Weise, wie wir als Gesellschaft bakterielle Infektionen wahrnehmen.