Im Ballsaal herrscht Hochstimmung. Die Musik hat soeben ihre Ziellautstärke erreicht, die Gäste stürmen die Tanzfläche. So auch eine Frau mit tief ausgeschnittenem Kleid, die sofort ausgelassen, ja beinahe ekstatisch tanzt. Mit geschlossenen Augen gibt sie sich dem Rhythmus hin und scheint keinen Gedanken daran zu verschwenden, wie sie wirkt. Einer anderen jungen Frau gefällt die Musik ebenfalls, doch sie bleibt unauffällig am Rand stehen, wippt dezent mit dem Fuß und prüft hin und wieder, ob sie nicht beobachtet wird. Schon zuvor beim Essen offenbarten die beiden ihr unterschiedliches Wesen. Während die eine das Gespräch dominierte, beschäftigte sich die andere mit dem Tischschmuck oder unterhielt sich leise mit ihrem Sitznachbarn.

Warum sind Menschen so verschieden? Warum gibt es die Rampensau und das Mauerblümchen, den Fels in der Brandung und das Fähnlein im Wind? Das grund­legende Temperament eines Menschen zeichnet sich meist schon früh in der Kindheit ab. Manche Kinder sind schüchtern und verschlossen, andere wiederum treiben uns in den Wahnsinn mit ihrem Übermut und ihrem Bewegungsdrang.

Forscher wissen schon lange: Sowohl die Gene als auch die ersten Erfahrungen im Mutterleib und kurz nach der Geburt beeinflussen, wie ein Kind auf seine Umwelt reagiert. Doch wie formen diese Einflüsse das Gehirn, den Sitz unserer Persönlichkeit? Wie können frühe Stresserlebnisse auf Nervenzellen und Botenstoffe einwirken, und wie prägen sie uns bis ins späte Leben hinein?

Wann immer wir fühlen, denken oder handeln und auch dann, wenn wir uns einbilden, gerade nichts zu tun, sind im Gehirn zahlreiche Netzwerke von Nervenzellen tätig. All das, was in uns und um uns herum vorgeht, aktiviert Schaltkreise, die sich sowohl aus weit entfernten als auch aus benachbarten Neuronen zusammensetzen. Dabei übertragen jeweils die Synapsen die Informationen von einer Zelle zur nächsten …