Fake-News gibt es nicht erst, seit Facebook und andere soziale Netzwerke sich im Aufwind befinden: Theorien zu Echsenmenschen, die die Welt beherrschen, oder dass die erste Mondlandung nie stattgefunden hat, waren schon davor bekannt. Nun haben Damaris Gräupner und Alin Coman von der Princeton University ein weiteres Puzzleteil gefunden, das die so genannte "Verschwörungsmentalität" besser zu erklären vermag: Wer sich vom Sozialleben ausgeschlossen fühlt, will eher einen Sinn im Leben finden, und diese Sinnsuche verstärkt den Glauben an Verschwörungstheorien.

In Gehirn&Geist 09/2016 wurde diese Verschwörungsmentalität ausführlich beschrieben und welche Persönlichkeitsmerkmale die "Geheimniswitterer" auszeichnen. So hegen abergläubische Menschen meist Vorurteile gegen Personen mit hohem gesellschaftlichem Status wie Banker oder Politiker und finden in zufälligen Anordnungen häufiger Muster beziehungsweise unterstellen Zusammenhänge, wo keine sind (zum Beispiel "Das große rote Dreieck versucht, dem kleinen blauen Angst einzujagen").

Wie Kolumnist Adrian Lobe schreibt, haben Menschen ein gewisses Bedürfnis nach Fake-News – und wohl auch nach Verschwörungstheorien. Dass dieses Bedürfnis davon herrühren könnte, dass Menschen vermehrt nach der Bedeutung hinter ihrer gefühlten Außenseiterposition suchen, konnten Gräupner und Coman nun in einer Korrelations- und einer experimentellen Studie zeigen.

Außenseiter wollen Sinn finden

Am ersten Teil der Studie nahmen 119 Personen teil. Sie mussten zu Beginn eine für sie unangenehme Begebenheit beschreiben, an der ein oder mehrere enge Freunde beteiligt waren. Danach gaben sie an, wie sie sich gerade fühlten. Dabei wurde auch das Gefühl der Ausgeschlossenheit abgefragt. Außerdem gaben sie an, wie stark sie sich in ihrem Leben nach Bedeutung sehnten (sie mussten beispielsweise bewerten, wie sehr sie der Aussage "Ich suche nach einem Lebensziel oder Lebenszweck" zustimmten). Zuletzt fragten die Forscher, wie sehr sie an drei Verschwörungstheorien glaubten, wie etwa, dass die Regierung versucht, Bürger durch Botschaften unterhalb der bewussten Wahrnehmungsschwelle zu beeinflussen.

Laut der Datenanalyse der Forscher suchten Versuchspersonen, die sich nach der unangenehmen Erinnerung ausgeschlossen fühlten, stärker nach dem Sinn des Lebens – und das führte in der Folge auch dazu, dass sie dem Sog der Verschwörungstheorien stärker anheimfielen.

Um die Ergebnisse zu überprüfen, führten Gräupner und Coman ein weiteres Experiment mit 102 Probanden durch und konnten denselben Effekt feststellen. Die Studienteilnehmer wurden in Dreiergruppen ins Labor gebeten. Alle mussten sich zuerst selbst beschreiben, dann wurde ihnen vorgegaukelt, diese Beschreibungen würden von den anderen beiden Versuchspersonen bewertet und auf dieser Basis würde ein Team gebildet. In Wahrheit legten aber die Forscher fest, wer ins Team kam und wer nicht. Die Kontrollperson erhielt keine Informationen über die Gruppenzusammensetzung.

Tatsächlich fühlten sich jene Personen, die nicht ins Team gewählt wurden, stärker ausgeschlossen – und suchten vermehrt nach Bedeutung in ihrem Leben. Sodann sollten die Probanden drei Szenarios bewerten, in denen eine mehrdeutige Situation beschrieben wurde, und angeben, ob das Glück oder Unglück des Protagonisten durch eine Verschwörung hinter seinem Rücken zu Stande gekommen war. Daran glaubten die Ausgeschlossenen auch diesmal eher als diejenigen, die ins Team gewählt worden waren.

Randgruppen wieder eingliedern

Die Forscher warnen, es könne zu einem Teufelskreis führen, wenn sich Personen ausgegrenzt und vernachlässigt fühlen: Wenn diese dann verrückten Verschwörungstheorien verfallen, werden sie noch stärker an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Bei der Suche nach Gleichgesinnten mit ebenso stark ausgeprägtem Aberglauben werden ihre Überzeugungen in Bezug auf Echsenmenschen, Terroranschläge oder Chemtrails zunehmend zementiert. "Der Versuch, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, wäre die beste Idee, um Verschwörungstheorien in der Gesellschaft auszumerzen", meint Coman. Das könnte zum Beispiel dadurch geschehen, dass diese Personen gezielt wieder ins gesellschaftliche Leben eingebunden werden. "Sonst könnten diese Gemeinschaften noch anfälliger dafür werden, falsche und verschwörerische Überzeugungen zu teilen." Ob Inklusionsbemühungen auch gegen die Bekämpfung von Fake-News helfen könnten, bleibt derweil abzuwarten.