Welche Ironie: Eigentlich fährt diese Berliner S-Bahn in Richtung "Gesundbrunnen", aber in der Bahn sitzen viele Virenschleudern: Es ist Winter und Grippesaison, die in diesem Jahr besonders heftig ausfällt: Mehr als 18 000 Fälle zählte das Robert Koch-Institut (RKI) bisher in ganz Deutschland – gut zweieinhalbmal so viele wie in der gesamten vorangegangenen Grippesaison 2013/14. Erschwerend kommt hinzu, dass der aktuelle Influenzaimpfstoff nicht so gut schützt wie geplant, weil sich die zirkulierende Virusvariante A/H3N2 seit Herstellung des Vakzins verändert hat. Und während dieser Tage in Deutschland so manche Schule vorsorglich geschlossen bleibt, damit schniefende Schüler und Lehrer sich nicht gegenseitig anstecken, sind Busse und Bahnen in Berlin voll wie eh und je. Warum nur habe ich nicht das Fahrrad genommen?

Manchmal niest ein Fahrgast so heftig, dass ich lieber in Deckung gehen möchte, aber Zeitungen im ÖPNV-tauglichen Berliner Format liest hier kaum noch jemand. Andere Fahrgäste halten sich beim Husten die Hand vor den Mund. Gut erzogen, aber das ist wohl trotzdem falsch, denke ich mir dann. Denn immer wieder beobachte ich: Der Schniefende oder Keuchende hält sich an einer Metallstange fest und drückt an der nächsten Haltestelle auf den Türöffner – die Keimschleuder steigt aus, ihre Körperflüssigkeiten bleiben hier. Schon kommt der Nächste und hält sich an der Stange fest oder drückt den Türöffner: ein Fest für die Viren. Dennoch sieht hier niemand besorgt oder gar hygienisch zwangsgestört aus.

Die Grippewelle baut sich in Deutschland gerade massiv auf. Und der Höhepunkt soll noch nicht erreicht sein, laut Medizinern. Unglücklicherweise überleben Influenza-Viren tatsächlich bis zu zwei Tage außerhalb des menschlichen Körpers – beispielsweise auf Türklinken, die Infizierte nach dem Niesen angefasst haben.
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Die Grippewelle baut sich in Deutschland gerade massiv auf. Und der Höhepunkt soll laut Medizinern noch nicht erreicht sein. Unglücklicherweise überleben Influenzaviren tatsächlich bis zu zwei Tage außerhalb des menschlichen Körpers – beispielsweise auf Türklinken, die Infizierte nach dem Niesen angefasst haben.

Grippeviren werden über Tröpfcheninfektion übertragen: Wenn jemand grippekrank oder erkältet ist, sind Speichel und Nasenschleim mit den Viren kontaminiert. Hustet oder niest dann diese Person, werden die Tröpfchen durch die Gegend geschleudert. Ein Meter Abstand reicht immer noch, damit ein Gegenüber diese Aerosole einatmen kann und damit auch Erreger – von Rhino- und Coronaviren, die normalen Husten und Schnupfen verursachen, bis hin zum fiesen Influenzavirus für eine richtige Grippe, die einen innerhalb weniger Stunden flachlegen kann.

Doch nicht nur die direkte Übertragung funktioniert, auch der indirekte Weg ist oft von Erfolg gekrönt – also ohne dass man direkt angeniest oder angehustet wird, warnt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Die Viren würden auch übertragen, wenn man jemandem die Hand schüttelt, der zuvor in die Hand gehustet hat oder immer wieder ein benutztes Taschentuch zückt. Und weil sich eigentlich jeder ständig ins Gesicht fasst, werden die Erreger auf die Schleimhäute in Mund, Nase und Augen transportiert. Die BZgA rät deswegen: Besser in die Armbeuge husten und niesen – auch wenn es nur indirekte Belege dafür gibt, dass diese Geste sinnvoller ist als das anerzogene "Hand vor den Mund!".

Eine Fachpublikation aus dem Jahr 2008 zum Beispiel legt das nahe: Schweizer Influenzaforscher hatten sich gefragt: Wenn täglich überall auf der Welt Milliarden von Geldscheinen von Hand zu Hand gereicht werden – wie lange überleben dann menschliche Grippeviren darauf und werden weitergegeben? Das Ergebnis nach einigen Experimenten: Wenn Nasensekret von infizierten Kindern verwendet wurde, war nach 48 Stunden noch jeder dritte Geldschein infektiös. Und als die Viren mit Schleim der Atemwege auf die Geldscheine übertragen wurden, konnten die Erreger auch noch nach 17 Tagen gefunden werden.

Paradies für Grippeviren

Bereits in den 1940er und 1980er Jahren wurde nachgewiesen, dass Influenzaviren infektiös blieben, wenn sie in einer Pufferlösung mit Schleim aufbewahrt wurden. Und nachdem im Jahr 2009 die Schweinegrippe um die Welt ging, kamen Forscher mit Zahlen wie diesen daher: Auf nichtporösen Oberflächen – etwa Metallstangen in einer S-Bahn – konnte das Schweinegrippevirus bei 35 Grad Celsius bis zu sieben Tage infektiös bleiben und bei vier Grad Celsius sogar bis zu 66 Tage.

All diese Forschungsergebnisse sind jedoch im Labor zu Stande gekommen. Die Wirklichkeit an der Supermarktkasse und in der S-Bahn ist eine andere, wie ebenfalls die Schweinegrippepandemie zeigte: In allen untersuchten Haushalten, in denen mindestens ein laborbestätigter Kranker lebte, konnte bei 17 Prozent der dortigen Kinder Erbmaterial der Viren auf den Fingerspitzen nachgewiesen werden. Daraufhin untersuchten die Schweizer Forscher, die bereits mit Grippeviren auf Geldscheinen experimentiert hatten, wie lange derartige Erreger auf Fingern von Menschen überleben können. Und da Viren keine Lebewesen sind, meinten die Experten, dass die Viren nach einer bestimmter Zeit noch kopiert werden können und aktiv sind.

Für die Experimente – wieder im Labor – wurde jeweils ein Tröpfchen auf alle Fingerspitzen gegeben, mal mit dem Influenzavirus A/H3N2, mal mit dem Erreger der Schweinegrippepandemie von 2009, einem A/H1N1-Virus. Eine Minute nachdem die Viren auf die Fingerspitzen aufgetragen worden waren, waren sie noch leicht nachzuweisen und infektiös, schrieben die Forscher Anfang 2014 im Fachjournal "Clinical Microbiology and Infection". "Aber nach 30 Minuten waren infektiöse Viren nur noch bei einer kleinen Minderheit zu entdecken." Je höher die Viruskonzentration in einem Tröpfchen war und je größer dieses war, umso länger waren Viruspartikel nachweisbar, berichteten die Forscher. Aber hier ging es um einzelne winzige Tröpfen, die auf einer Fingerkuppe in Ruhe trockneten.

Wer die Hand beim Niesen vor das Gesicht hält, wirkt dennoch als Virenschleuder – denn über die Hand verteilen sich die Erreger ebenfalls großflächig. Oberste Regel daher: Immer in die Armbeuge niesen.
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Wer die Hand beim Niesen vor das Gesicht hält, wirkt dennoch als Virenschleuder – denn über die Hand verteilen sich die Erreger ebenfalls großflächig. Oberste Regel daher: immer in die Armbeuge niesen.

In die Armbeuge!

Grippeviren mögen eine feuchte Umgebung. Auf dem porösen Stoff des Wintermantels oder eines Pullovers trocknen verkeimter Schleim und Spucke schneller als auf glatten Haltegriffen in Bus und Bahn. Wenn das Sekret getrocknet ist, gehen die Viren kaputt. "Da macht es also nichts, wenn man den Wintermantel nicht so oft wäscht", sagt Cornelius Bartels. Der Experte für Infektionsschutz hatte im Jahr 2009 die deutschlandweite Aktion "Wir gegen Viren" geleitet und auch evaluiert. Die Aktion wurde seinerzeit von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zusammen mit dem Robert Koch-Institut durchgeführt. Auf Plakaten und Werbespots wurde zum Beispiel gezeigt, wie sich Grippeviren von einer Person aus weiterverbreiten und wie man sich nach allen Regeln der Hygiene die Hände richtig wäscht. In den Jahren 2008 und 2009 wurde jeweils eine Telefonumfrage mit gut 1000 Menschen durchgeführt. Und eine der Fragen war, welches als die beste Art zu husten angesehen wurde: in die Hand, in ein Taschentuch oder eben in den Ärmel, genauer gesagt in die Ellenbeuge?

Zwischen beiden Umfragen tauchte die Schweinegrippe, die Influenza A/H1N1, auf. In Deutschland hatten sich nachweislich rund eine viertel Million Menschen mit diesem neuen Grippevirus infiziert, 258 starben daran. Insofern war die Bevölkerung für eine Aktion wie "Wir gegen Viren" wohl sensibilisiert. Das Evaluationsergebnis, das schließlich in der Fachzeitschrift "BMC Public Health" publiziert wurde: Im Jahr 2008 hatten knapp fünf Prozent "in den Ärmel husten" als die beste Art angegeben, 2009 waren es immerhin schon 38 Prozent.

Allerdings sage das nichts darüber aus, ob die Menschen denn nun auch tatsächlich öfter in die Armbeuge husten, so Cornelius Bartels. Mittlerweile arbeitet er beim Europäischen Zentrum für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten ECDC, einer Agentur der Europäischen Union. Um sich gegen die saisonale Grippe zu schützen, empfiehlt der Mediziner mehr, als nur in den Ärmel zu husten oder zu niesen: sich gegen die Grippe impfen zu lassen; darauf zu achten, dass man sich nicht ständig ins Gesicht fasst und so Viren von anderen einfängt; Taschentücher nur einmal benutzen und gleich entsorgen, anstatt immer wieder ein feuchtes, verseuchtes Taschentuch aus der Hosen- oder Jackentasche zu ziehen; sich regelmäßig die Hände zu waschen. Cornelius empfiehlt, regelrecht Rituale zu entwickeln: "zum Beispiel, dass es ganz automatisch die erste Handlung ist, wenn man nach Hause kommt oder an den Arbeitsplatz, sich die Hände zu waschen".

In der S-Bahn nach Berlin-Gesundbrunnen jedenfalls sitzen nach wie vor Schniefnasen, und die Grippewelle ist noch lange nicht vorüber. Nach wie vor niesen und husten sie in die Hand oder frei heraus. Gesundheit!