In dem alten Haus stinkt es erbärmlich. Eine tote Maus liegt hinter dem Wohnzimmerschrank, unbemerkt von der Hausbewohnerin, die ihren Geruchssinn vor einigen Jahren nach einem Sturz auf den Kopf komplett verlor. Nicht mehr riechen zu können, bedeutet, Gefahrenquellen wie Gas, Feuer oder verdorbenen Speisen oft ohne Warnung ausgesetzt zu sein. Auch das soziale Miteinander kann eine "Anosmie" schwer stören. "Aus Angst vor Körpergeruch lege ich immer wieder Parfüm auf, dusche täglich und traue mich kaum noch raus", berichten Betroffene [1]. Mit einem mehr oder weniger stark eingeschränkten Geruchssinn leben hier zu Lande bis zu erstaunlichen 20 Prozent der Bevölkerung [2]. Viele bemerken nichts oder nur wenig davon, weil ein großer Anteil der Riechinformationen unbewusst aufgenommen wird. Andere dagegen leiden sehr.

"Nicht riechen zu können, isoliert mich von meiner Umwelt. Ich höre, sehe und fühle. Doch etwas fehlt. Manchmal nehme ich mein Leben wahr wie eine Dokumentation im Fernsehen. Ich fühle mich mittendrin, bin aber irgendwie nicht ganz dabei. Denn mit dem Riechen verhält es sich so wie mit dem Hören. Oft erreicht ein Laut das Ohr, ohne dass man bewusst danach gehorcht hat. Ebenso steigen einem die Dinge manchmal einfach in die Nase. Der Aufzug riecht nach dem Menschen, der zuvor darin gefahren ist. Man riecht das Parfüm der Freundin, die morgens schon früh das Haus verlassen hat", schreibt der Journalist Christian Löer, der nach mehreren Infekten plötzlich nicht mehr riechen konnte.

Frau riecht an Rosenblüte
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(Ausschnitt)
 Bild vergrößernDer Geruchssinn

Riechen ist das, was wir besonders gut können

Der Geruchssinn spielt für den Menschen besonders auch im Miteinander keineswegs nur eine untergeordnete Rolle, wie man lange Zeit annahm. "Vermutlich ist Riechen das, was wir besonders gut können und was uns besonders beeinflusst", sagt Bettina Pause vom Institut für Experimentelle Psychologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Eine neuere Forschungsarbeit etwa zeige, dass der moderne Mensch, der Homo sapiens, größere Hirnareale für die Verarbeitung von Gerüchen zur Verfügung hat, als es der Neandertaler hatte [3]. Der Mensch, das zivilisierte Wesen, sieht sich selbst gern als Augen- und Ohrenwesen, dem allein das Wort "Körpergeruch" schon Unbehagen bereitet. Dabei ist der Leim, der eine Gemeinschaft zusammenhält, vielfältiger Natur, und Menschen nutzen Chemosignale für die soziale Kommunikation, da ist sich die Wissenschaft heute einig.

Das Riechepithel im hinteren Teil der Nasenhöhle und die Areale, die für die Verarbeitung der Reize im Gehirn verantwortlich sind, leisten dabei Außerordentliches. Nicht nur 10 000 (wie lange gedacht), sondern mehr als eine Billion verschiedene Düfte kann der Mensch einer aktuellen Forschungsarbeit zufolge unterscheiden [4]. Die Welt der Düfte, in der wir leben, ist laut Andreas Keller von der Rockefeller University in New York also viel größer als die visuelle und die auditive Umwelt – der Mensch kann "nur" bis zu 7,5 Millionen Farbtöne und rund 340 000 Tonqualitäten unterscheiden. Zwar ist die Riechempfindlichkeit bei Menschen aus Industrienationen gegenüber Naturvölkern herabgesetzt, Umweltverschmutzung und mangelndes Training mögen Ursachen dafür sein [5]. Aber auch unsere moderne, von vielen synthetischen Düften umgebene Nase kann so einiges, was man ihr nicht zugetraut hätte.

Die individuelle Duftmarke

Der jedem Menschen wie sein Fingerabdruck eigene Körpergeruch wird hauptsächlich über die Haut freigesetzt. Drüsen geben Stoffe ab, die auf der Haut von Bakterien in duftende Substanzen umgewandelt werden. Der menschliche Körpergeruch setzt sich aus ungefähr 120 verschiedenen Komponenten zusammen, die Informationen über das Geschlecht, das Alter, den Gesundheitszustand, die Fruchtbarkeit und Verwandtschaft enthalten. Ein Neugeborenes erkennt seine Mutter am Geruch, Zwillinge einander und Eltern ihre verschiedenen Kinder [6]. Mit über 90-prozentiger Trefferquote kann ein Mensch seinen eigenen Körpergeruch unter anderen erkennen.

Die Sozialpsychologin Bettina Pause war eine der Ersten, die untersucht hat, wie das Gehirn menschliche Körpergerüche verarbeitet. "Das Gehirn leistet enorm viel, wenn es auf die komplexe chemische Umwelt reagiert", sagt Pause. Die Informationen, die der eigene oder ein fremder Körper über Chemosignale aussendet, behandele das Gehirn in besonderer Art und Weise. Nicht nur die klassischen Duftverarbeitungsareale im Großhirn werden angesprochen. "Körpergerüche aktivieren vor allem auch Nervennetzwerke mit hoher verhaltensmäßiger Relevanz, solche, die die Gefühle und das Verhalten des Menschen beeinflussen", sagt Pause.

Wir riechen nach den Trümmern unserer Immunmoleküle

Der individuelle Geruch eines Menschen wird erzeugt durch die Art und Weise, wie er sich ernährt, durch seinen Gesundheitszustand, die Körperpflege und durch seine Gene. "Das, was wir riechen, sind im Prinzip Abbauprodukte des Immunsystems", sagt Gerhard Buchbauer, Duftexperte und ehemals Professor am Department für Klinische Pharmazie an der Universität Wien. Jede Körperzelle trägt typische Erkennungszeichen, die MHC-Moleküle. Sie ermöglichen es dem Immunsystem, zwischen eigenen und fremden Molekülen (womöglich Krankheitserreger, die angegriffen werden müssen) zu unterscheiden. Daraus entstehende Abbauprodukte werden zusammen mit Lipiden über die Haut ausgeschieden.

"Im Kontakt mit dem anderen Geschlecht wird der Geruch umso angenehmer empfunden, je verschiedener die MHC-Moleküle sind", erklärt Buchbauer. Laut einer Studie finden Frauen den Duft verschwitzter Männer-T-Shirts umso attraktiver, je stärker sich die MHC-Moleküle der Testmänner von den eigenen unterscheiden. "Das macht Sinn", erklärt Buchbauer. "Denn die Natur will für die Fortpflanzung eine möglichst große Streuung der Gene erreichen." Wie eine Frau den männlichen Körpergeruch wahrnimmt, variiert während des Menstruationszyklus. "Der männliche Achselschweiß enthält Testosteron, das für die meisten Frauen einen unangenehmen, urinähnlichen Geruch hat. Nur in der empfängnisfähigen Phase wird der Geruch neutral oder sogar positiv empfunden", sagt Buchbauer.

In welcher Zyklusphase sich die Frauen in einem Speed-Dating-Experiment befanden, ist nicht überliefert [7]. Auf jeden Fall fanden Frauen die ihnen gegenübersitzenden Männer dann attraktiver, wenn ihnen vor der Begegnung ein wenig des Testosteron-Ablegers Androstadienon auf die Oberlippe gegeben wurde. Androstadienon und der weibliche Verwandte, das Östratetraenol, übermitteln Informationen an den Empfänger, die unbemerkt die visuelle Wahrnehmung beeinflussen, wie ein aktuelles Experiment von Forschern der Chinese Academy in Peking zeigt [8]. Digital bearbeitete, an der Grenze zwischen weiblich und männlich befindliche Gangmuster, wurden von heterosexuellen Frauen und homosexuellen Männern eher als männlich eingestuft, wenn sie während des Experimentes Androstadienon rochen. Heterosexuelle Männer (nicht aber heterosexuelle Frauen) nahmen den Gang als eher weiblich wahr, wenn ihnen etwas Östratetraenol unter die Nase gehalten wurde.

Menstruelle Synchronizität

Im Verlauf des Zyklus senden Frauen offenbar unterschiedliche Chemosignale aus. Männer finden den weiblichen Duft im Allgemeinen um den Eisprung herum angenehmer als in anderen Phasen. Das Phänomen der "menstruellen Synchronizität" zeigt, dass auch Frauen untereinander unbewusst auf die Chemosignale anderer naher weiblicher Personen reagieren. Die Psychologin Martha McClintock veröffentlichte 1971 eine Studie, in der sie zeigte, dass 135 junge Frauen, die in einem College zusammenlebten, dazu neigten, ihre Menstruation im gleichen Zeitraum zu haben [9]. Ähnliches wurde und wird immer wieder unter engen Freundinnen oder Müttern und Töchtern, die unter einem Dach leben, beobachtet.

Dies ist der Auftakt unserer sechsteiligen Serie über unterschätzte "Sinne und Organe" des Menschen, die wir in den nächsten Wochen auf "Spektrum.de" fortsetzen.

Wahrscheinlich wird dieser Effekt über chemische Signale vermittelt. Das muss nicht heißen, dass man beziehungsweise frau die ausgesendeten Signale tatsächlich riecht. "Chemisches Signal oder Wahrnehmung ist der Überbegriff und der 'Geruch' nur eine Teilmenge des Phänomens, in der die Duftmoleküle so stark konzentriert sind, dass sie als Geruch wahrgenommen werden", erklärt Bettina Pause. In Experimenten ließen sich mit geruchlosen Proben aus weiblichen Achseln die Zyklen anderer Frauen verlängern beziehungsweise verkürzen, so dass sie am Ende des Versuchs zum gleichen Zeitpunkt ihre Regelblutung bekamen wie die Spenderin der Duftproben.

Emotionen werden über chemische Signale unbewusst wahrgenommen

Nicht alle Studien zum Thema lieferten so eindeutige Resultate. Einige Forscher vermuten, dass es neben den Chemosignalen auch eine gewisse emotionale Verbundenheit geben muss, um eine Synchronisation des Zyklus hinzubekommen. Unklar ist auch, ob es innerhalb einer Frauengruppe eine Art Führungsperson gibt, die den Ton angibt und an deren Rhythmus sich die anderen orientieren. Und: Warum gibt es dieses Phänomen überhaupt? Eventuell ist es von Vorteil, wenn sich Frauen einer Gemeinschaft mehr oder weniger gleichzeitig durch prämenstruelle Beschwerden kämpfen und Zeiten des Rückzuges und der Aktivität im Einklang stehen.

Geruch und Emotion

Dass wir mit unserem Körperduft unser Gegenüber auch über unseren emotionalen Zustand informieren, zählt zu den neueren Erkenntnissen der Geruchsforscher. In einem gut zehn Jahre alten Experiment schaute eine Gruppe von Frauen einen Horrorfilm mit Wattebäuschen unter den Achseln [10]. Andere Frauen konnten später diesen Angstgeruch mit ziemlicher Treffsicherheit aus einer Reihe unterschiedlicher Proben identifizieren. Der Geruch wurde als stärker beziehungsweise unangenehmer empfunden als die Ausdünstungen von Frauen, die keinen Horrorfilm geschaut hatten. "Dabei ist es unerheblich, ob die Moleküle einen Geruch haben oder nicht", sagt Bettina Pause. Zu behaupten, dieser Mensch rieche nach Angst und jener nicht, funktioniere so nicht. "Emotionen werden über die chemischen Signale meist unbewusst wahrgenommen und aktivieren im Empfänger Systeme, die auf Rückzug und Verhaltensvermeidung abzielen", sagt die Psychologin.

"Wenn uns zum Beispiel jemand anlächelt, aber Angst ausströmt, reagieren wir mit Rückzug", sagt Pause. In einem Experiment hatten Mitglieder ihrer Arbeitsgruppe Testpersonen am Computer zunächst unterschwellig fröhliche Gesichter präsentiert. "Genauso ist der Alltag, wir sind ständig von unterschwelligen Eindrücken umgeben", erklärt Pause das Studiendesign. Das danach präsentierte neutrale Gesicht wurde von den Kandidaten wegen des vorherigen "Priming" als fröhlich wahrgenommen. Genau das funktionierte nicht, wenn die Testpersonen das Experiment zusammen mit einem Angstgeruch in der Nase durchführten. Wie wir die chemischen Signale anderer wahrnehmen, hängt stark vom Kontext, also von der Situation, den vielen anderen Signalen, die wir empfangen, und den Erfahrungen, die wir gemacht haben, ab. Welche chemischen Signale wir aussenden, können wir nicht beeinflussen. "Gerüche helfen uns immer dann, wenn es um biologisch besonders wichtige Dinge geht. Dann lässt sich die Körperwahrnehmung nicht betrügen", sagt Bettina Pause. Von der Erforschung der chemischen Kommunikation erhofft sich die Wissenschaftlerin auch Fortschritte für die Diagnose und Behandlung psychischer Erkrankungen. Denn an deren Anfang stünden oft Störungen im sozialen Miteinander.