"Thank you very much, sir." Mit dieser höflichen Anrede dürfen Autofahrer bei einer Kontrolle in den USA rechnen – sofern sie weißer Hautfarbe sind. Ein Afroamerikaner bekommt eher ein flapsiges "all right, my man" zu hören. Das berichteten jetzt Forscher von der Stanford University in der Fachzeitschrift "PNAS", nachdem sie rund 1000 Aufnahmen von Verkehrskontrollen analysiert hatten. Die Quintessenz: Polizisten sprechen mit Weißen respektvoller als mit Afroamerikanern. Dabei ist es egal, welche Hautfarbe der Beamte selbst hat oder wie es zu der Kontrolle kam.

Das so genannte Racial Profiling und andere Formen der Diskriminierung sind eine verbreitete Erfahrung ethnischer Minderheiten in den USA. Menschen würden wegen ihrer Herkunft weiterhin benachteiligt, unter anderem auch im Bildungssystem und bei der Jobsuche, stellten Sozialforscher der Harvard University 2017 in der Fachzeitschrift "The Lancet" fest.

Daraus erwachsen ihnen nicht nur praktische und ökonomische Nachteile. Auch die psychische Gesundheit leide unter der Behandlung, mahnen Wissenschaftler von der George Washington University. Sie hatten rund 1200 Afroamerikaner aus Ohio befragt und festgestellt: Je öfter diese nach eigenen Angaben von der Polizei diskriminiert worden waren, desto eher litten sie unter depressiven Beschwerden wie Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Wiederholen sich verbale oder körperliche Attacken, steigt die psychische Belastung gleich um ein Vielfaches, ergab im Vorjahr auch eine britische Längsschnittstudie mit rund 4000 Haushalten von ethnischen Minderheiten.

Minderheiten werden nicht alle über einen Kamm geschoren

So weit, so erwartbar. Allerdings betrachten Studien dieser Art ethnische Minderheiten bislang als eine Gruppe. Eine US-Studie ergründete nun zu Grunde liegende Vorurteile und zeigte, dass sich rassistische Stereotype auf zwei Dimensionen verorten lassen. Anders gesagt: Wenn US-Amerikaner ihre Mitbürger nach deren Herkunft beurteilen, legen sie unbewusst zwei Merkmale zu Grunde. Das demonstrierten Linda X. Zou und Sapna Cheryan von der University of Washington in Seattle nun im "Journal of Personality and Social Psychology".

In einer Studienreihe untersuchten die Psychologinnen zunächst, mit welchen Vorurteilen sich Menschen in den USA überhaupt konfrontiert sehen. Dazu kategorisierten sie Erlebnisberichte von knapp 500 Probanden der Onlineplattform Amazon Mechanical Turk, die sich selbst eindeutig als Afroamerikaner, Lateinamerikaner ("Latino"), Asiaten oder Weiße ("Caucasian") bezeichneten.

Die Top-5-Stereotype für ethnische Gruppen in den USA

Afroamerikaner: athletisch, kriminell, groß, gewalttätig, gefährlich

Lateinamerikaner: illegal, sprechen mit Akzent, arm, familienorientiert, zu viele Kinder

Asiaten: mathematisch, nerdy, intelligent, Streber, sprechen mit Akzent

Weiße: privilegiert, rassistisch, reich, fett, selbstsicher

Eine typische Erzählung: "Wann immer ich etwas berührte, beobachtete sie mich. Sie dachte wohl, dass Schwarze nicht genug Geld haben könnten, um in diesem Laden einzukaufen." Situationen dieser Art, die ein Vorurteil der "Unterlegenheit" nahelegen, kannte jeder zweite Afroamerikaner. Hingegen berichteten Asiaten am häufigsten von Erfahrungen, bei denen sie als Fremde behandelt wurden, zum Beispiel: "Ein alter Mann sprach mit mir so, als ob ich kein Englisch könnte." 40 Prozent der Asiaten kannten solche Situationen, doch nur ein einziger Afroamerikaner. Asiaten wurden außerdem oft als überlegen angesehen. Lateinamerikaner erlebten nach eigenen Angaben etwa gleich oft Situationen, in denen man sie als unterlegen oder als fremdartig behandelte. Hingegen lautete die häufigste Antwort bei weißen Probanden: kein Ereignis diese Art.

Dem Vorurteil, "unamerikanisch" zu sein, sind in den USA demnach vor allem Asiaten und Lateinamerikaner ausgesetzt, nicht aber Afroamerikaner. Davon unabhängig werden sie als mehr oder weniger unterlegen wahrgenommen, wie das Bild des "amerikanischen, unterlegenen Schwarzen" und das des "unamerikanischen, überlegenen Asiaten" verdeutlichen.

In einer weiteren Teilstudie bewerteten Psychologiestudierende 80 Rassenstereotype daraufhin, wie stark sie mit den vier Gruppen assoziiert werden (siehe "Die Top-5-Stereotype für ethnische Gruppen in den USA"). Dann gaben auf der Plattform Amazon Mechanical Turk weitere 1000 Probanden an, wie häufig ihnen Vorurteile in Hinblick auf typische Stereotype begegneten. Die Ergebnisse zeigen die Widersprüchlichkeit der Vorurteile auf. Afroamerikaner gelten als amerikanisch, obschon sie in den Augen der Mehrheit häufig das protestantische Arbeitsethos verletzen. Aber sie seien meist in den USA geboren und bildeten einen Teil der historischen Identität, erklären die Autorinnen.

"Das Leben vieler Latinos und Asiaten wird weiterhin von ihrem physischen Anderssein beeinflusst. Auch wenn sie kulturell ziemlich gut angepasst sein mögen, werden sie als ewige Fremde wahrgenommen"

Asiaten erfüllen eigentlich den idealen Ami-Prototyp: Fleiß, Respekt und Engagement zählen dazu, neben englischer Sprache, Christentum und Demokratie. Doch ihr fremdes Aussehen beeinflusse weiterhin das Leben vieler Latinos und Asiaten, erklären die Psychologinnen. "Auch wenn sie kulturell ziemlich gut angepasst sein mögen, werden sie als ewige Fremde wahrgenommen."

So ließe sich auch Diskriminierung von Frauen beim Militär und in höheren Managementetagen erklären, vermuten die Autorinnen. "Sie treffen dort nicht nur auf das Vorurteil, dass sie über geringere Kompetenzen verfügen, sondern auch, dass sie nicht genügend mit dem männlichen Prototyp in dem Berufsfeld übereinstimmen."

Paradoxerweise würden auch Indianer als weniger amerikanisch angesehen als Weiße. Das zeige, so Zou und Cheryan, dass es nicht um den Geburtstort geht, sondern um den symbolischen amerikanischen Prototyp. Das schlossen sie aus einer weiteren Befragung, in der auch Afroamerikaner, Asiaten und Latinos einschätzen sollten, wie sehr Ethnien in den USA mit Vorurteilen behaftet sind. Die Teilnehmer waren sich weitgehend unabhängig von ihrer Herkunft einig, welche Stereotype welche Gruppe kennzeichnen. Es spielte auch keine Rolle, ob es um Frauen oder Männer ging, mit einer Ausnahme: Als überlegen gelten eher männliche Asiaten.

Den negativsten Vorurteilen begegnen demnach arabischstämmige Amerikaner. Ihr Image, laut dieser US-Studie: allen anderen unterlegen und am unamerikanischsten. Die Vorurteile gegen Araber interpretieren die Autorinnen mit Blick auf den IS, der zum Zeitpunkt der Erhebung 2016 das öffentliche Bild von Muslimen in den USA prägte. Die Befunde spiegelten womöglich einen Moment, in dem Menschen arabischer Herkunft besonders gering geschätzt wurden, vermuten Zou und Cheryan.

Negative Etiketten tendieren dazu, sich zu bewahrheiten

Der amtierende US-Präsident bezeichnet Muslime als gefährlich und mexikanische Einwanderer als kriminell. In der deutschen Integrationsdebatte verbergen sich Vorurteile hinter verblümten Stichworten wie "Einwanderung in die Sozialsysteme" und "kulturelle Überfremdung". Das Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung dürfte zuverlässig dafür sorgen, dass die Erwartungen nicht enttäuscht werden. Aus der psychologischen und kriminologischen Forschung ist bekannt, dass negative Etiketten dazu tendieren, sich zu bewahrheiten. Wer Menschen zu Versagern oder Verbrechern machen möchte, braucht sie nur immer wieder als solche abzustempeln.