Herr Schmidt-Chanasit, das US-amerikanische Centers for Disease Control and Prevention (CDC) warnt davor, dass es bis November 50 000 bis 100 000 neue Ebolafälle geben könnte. Bis Ende Januar steigt die Zahl vielleicht sogar auf unvorstellbare 1,4 Millionen Fälle. Müssen wir wirklich mit einem derart dramatischen Anstieg rechnen?

Ja, das ist leider durchaus wahrscheinlich. Genaue Vorhersagen sind allerdings sehr schwierig, da die vor Ort erhobenen Fallzahlen sehr ungenau sind: Sie werden mangels vorhandener Kapazitäten nur mangelhaft erhoben und weitergegeben. Das erklärt auch die enorme Schwankungsbreite der Prognosen. Zudem wissen wir nicht welchen Effekt die geplanten medizinischen Maßnahmen kurz- und mittelfristig haben können. Wenn aber nicht schnell ein massiver Hilfseinsatz erfolgt, treten eher die dramatischen Prognosen ein – und danach sieht es momentan aus.

Was wäre denn nötig?

Es fehlt an allem: an Material, an Ärzten. Momentan schätzen wir, dass allein an medizinischem Personal 4000 Menschen nötig wären. Und all dies müsste rasch über eine Luftbrücke nach Westafrika verfrachtet werden. Wie sollte dies in einer oder auch zwei bis drei Wochen zur Verfügung gestellt werden können? Das ist unmöglich. Die USA veranschlagen allein für ihre Hilfsmaßnahmen einen Zeitrahmen von 50 bis 100 Tagen, bis vor Ort alles einsatzfähig ist.

Ebolavirus
© Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM)
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Breitet sich das Ebolavirus unter anderem deshalb so schnell aus, weil es bereits mutierte und so leichter übertragbar wurde?

Viren mutieren ständig. Aber wir können nicht sagen, ob diese oder jene Veränderung im Erbgut dazu beiträgt, dass sich der Erreger schneller ausbreitet. Das lässt sich nur mit Grundlagenexperimenten und im Tierversuch herausfinden: Mit gentechnischen Methoden würden wir dann bestimmte Positionen im Genom mutieren und überprüfen, welche Folgen dies anschließend hat – etwa eine leichtere Übertragbarkeit. Derartige Experimente werden aber scharf kritisiert und auch abgelehnt: Es wird befürchtet, dass man Viren gezielt verändern und missbrauchen könnte.

Alternativ bleibt nur noch, klinische Daten mit Virendaten abzugleichen, was angesichts der verheerenden Situation in Westafrika schwierig ist. Ein Beispiel: Träten nun mehr Fälle mit Hirnhautentzündung auf, könnte man diese Ebolavirusstämme mit anderen Stämmen abgleichen, die vor mehreren Monaten isoliert wurden und in denen dies nicht der Fall war. Doch selbst dann können wir nicht sagen, dass diese oder jene Mutation verantwortlich ist – meist sind mehrere Veränderungen beteiligt.

Forschen Sie an aktuellen Stämmen?

Wir bekommen regelmäßig Ebolavirusstämme aus Laboren in Nigeria, Guinea oder Liberia. Hier analysieren wir deren Genome und sequenzieren sie. Uns interessieren beispielsweise die Zusammenhänge zwischen diesen einzelnen Stämmen und die Beziehungen zu verwandten Ebolavirusstämmen. Die Proben erhalten wir per Luftfracht, wobei höchste Sicherheitsstufe gilt: Das Material ist hochgradig gesichert.

Jonas Schmidt-Chanasit
© Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM)
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Die Vereinten Nationen sehen bereits den Weltfrieden bedroht. Besteht überhaupt eine Chance die Epidemie mittelfristig einzudämmen?

Nein, die geleisteten und versprochenen Hilfseinsätze reichen bislang überhaupt nicht aus, hier muss viel mehr Unterstützung erfolgen. In den nächsten drei bis vier Monaten bekommen wir diesen Ausbruch nicht in den Griff, wenn nicht schnell weit reichende Maßnahmen ergriffen werden. Wir rechnen mittlerweile damit, dass die Krise mindestens 18 Monate andauern wird: Jeder Ebolapatient steckt zwei weitere Menschen an – je länger es dauert, desto katastrophaler wird die Epidemie. Wir erwarten weiterhin exponentielles Wachstum.

Dazu kommt die allgemeine schlechte Versorgung: Viele Ebolapatienten sterben nicht direkt an der Virusinfektion, sondern an begleitenden Krankheiten wie Lungenentzündung oder Durchfall. Auch deshalb beträgt die Sterblichkeit 50 Prozent und mehr, während sie in Europa mit 20 bis 30 Prozent deutlich darunter läge.

Manche Entscheidungen muten mittlerweile wie Verzweiflungstaten an, etwa die Zwangsquarantäne in Sierra Leone. Dabei gibt es mittlerweile auch Forscher, die Ausgangssperren als kontraproduktiv betrachten.

Derartige Zwangsquarantänen verschlimmern die Situation. Unabdingbar ist das Vertrauen der Bevölkerung – um Ebola zu bekämpfen, ist dies zwingend notwendig. Mit Ausgangssperren verlieren wir dagegen das Vertrauen der Menschen in die Ärzte und das medizinische Personal. In Europa mit unserer Infrastruktur wäre eine komplette Quarantäne vielleicht möglich, aber mit den in Westafrika vorhandenen Kapazitäten lässt sie sich niemals durchsetzen. Es gibt bereits Berichte, dass während der dreitägigen Ausgangssperre in Sierra Leone wohl zehntausende Menschen über die weit gehend offene Grenze nach Guinea geflohen sind. Das könnte die Epidemie dort wieder anheizen, obwohl das Land von den drei betroffenen Staaten noch am besten ausgesehen hat: Ebola ist in Guinea nicht flächendeckend vorhanden, aber mit starken Flüchtlingsbewegungen kann sich das schlagartig ändern.

Patient null, also der erste Fall, scheint sich bei einem Flughund angesteckt zu haben. Diese Tiere gelten als natürliches Reservoir.

Ja, allerdings müssen die Menschen infizierte Tiere nicht einmal direkt essen; es reicht bereits, wenn sie mit Kot oder Speichel kontaminierte Bananen verspeist haben. Die Wahrscheinlichkeit für derartige Zoonosen, also von Tieren übertragene Krankheiten, dürfte zukünftig noch weiter steigen: Wir dringen immer tiefer in Regenwälder ein und kommen dort mit tierischen Reservoirwirten in Kontakt, die wir vor 30 oder 40 Jahren praktisch noch nicht kannten. Zoonosen sind auf dem Vormarsch!

Ebolavirus
© NIAID
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Einzelaufnahme eines Ebolavirus mit seiner typischen Fadenform: Ebola und verwandte Viren kennzeichnet, dass damit Infizierte mit hoher Wahrscheinlichkeit sterben.

Existierte also Ebola vielleicht auch schon länger in Westafrika, als wir bislang dachten?

Es gibt zwei Erklärungsansätze: Ein Teil meiner Kollegen vermutet, dass das Virus erst vor relativ kurzer Zeit aus Zentral- nach Westafrika gelangte. Anhand unserer eigenen Analysen sagen wir hingegen, dass es schon mindestens seit einigen Jahrzehnten dort vorkommt. 1994 entdeckte man beispielsweise in der Elfenbeinküste einen verwandten Ebolavirusstamm. Das Verbreitungsgebiet der als Reservoir in Frage kommenden Flughunde ist sehr groß und reicht bis nach Südasien – überall dort kann Ebola in verschiedenen Stämmen und Arten vorhanden sein. Vielleicht zirkulierte es in Westafrika einfach still im Regenwald, ohne dass es auf Menschen überging. Oder Infizierte starben einfach so schnell, dass sich das Virus nicht in größere Orte ausbreiten konnte. Aber das sind alles noch offene Fragen: Wir verstehen viel zu wenig von der Ökologie des Ebolavirus.

Besteht überhaupt noch eine Chance, Ebola langfristig wieder aus der menschlichen Population zu verdrängen – oder geht das Virus den gleichen Weg wie HIV, das sich fest etabliert hat?

Wir sind bei den Impfstoffen eigentlich auf einem guten Weg: Sie kommen für diesen Ausbruch zu spät und werden nicht dazu beitragen, diesen Ausbruch in den nächsten Monaten zu beenden. Aber für die Zukunft bin ich optimistisch. Sobald Vakzine verfügbar sind, benötigen wir groß angelegte Impfprogramme vor Ort wie bei Gelbfieber oder den Pocken, dann können wir Ebola wieder zurückdrängen.

Ist es nur eine Frage der Zeit, bis Ebola sich aus Westafrika in andere Erdteile ausbreitet?

Das ist natürlich wieder nur sehr schwer vorherzusagen, aber durchaus möglich. Nigeria beispielsweise hatte bislang nur einige wenige lokale Fälle, die rasch isoliert wurden. Es sieht aus, als hätte das Land momentan Ebola unter Kontrolle. Doch sollte es dort, in Ghana, der Elfenbeinküste oder dem Senegal neue, schwere Ausbrüche geben, steigt das Risiko für eine weitere Ausbreitung nach Asien – nicht unbedingt für Europa oder Nordamerika. Doch existieren intensive Beziehungen nach Süd- und Ostasien oder Arabien, von denen einige Staaten mehr schlecht als recht auf ein Auftreten von Ebola vorbereitet wären.

Was müsste Deutschland leisten?

Die Bundesrepublik muss endlich mehr tun. Es sollen jetzt Krankenhausbetten zur Verfügung gestellt werden, aber keine Ärzte – das ist Mumpitz und bringt gar nichts. Die Menschen brauchen eine Luftbrücke, um Material und Personal nach Westafrika zu schaffen. Die Versorgung ist ja nicht nur auf medizinischem Gebiet katastrophal, mittlerweile wird auch die Nahrung knapp. Und die Helfer müssen Gewissheit haben, dass man sie sicher herausholt, wenn sich die Lage zuspitzt.

Wir könnten zudem auf anderen Gebieten konkret helfen: In Deutschland existieren sechs Tropeninstitute, die auch Stationen vor Ort haben. Diese müssen als Ausbildungszentren fungieren, damit vor Ort kompetentes Personal zur Verfügung stehen wird. Das kostet natürlich zusätzliches Geld, das diese Tropeninstitute im Moment nicht haben. Das wurde leider bislang vernachlässigt. Hier in Deutschland gibt es nur rund zehn Diagnostiker, die mit Ebola umgehen können – von diesen kann keiner nach Afrika, um hier zu Lande die Notfallversorgung aufrechtzuerhalten und bei Verdachtsfällen tätig zu werden. Aber wir könnten für die Zukunft Kompetenzen hier wie in Afrika aufbauen. Hier sind Investitionen sinnvoll.

Vielen Dank für das Gespräch.