Vor rund drei Wochen erlebte Island den heftigsten Schneesturm seit einem Vierteljahrhundert, jetzt steht die Insel erneut im Zentrum extremer Wettererscheinungen: Eines der stärksten nordatlantischen Orkantiefs seit Beginn der Wetteraufzeichnungen zieht über die Region hinweg. In seinem Gefolge strömt subtropische Warmluft bis zum Nordpol und lässt dort die Temperaturen um mehr als 25 Grad Celsius steigen: Statt klirrender Kälte setzt Tauwetter ein, auf der zu Norwegen gehörenden Insel Spitzbergen werden Höchstwerte von bis zu sechs Grad Celsius erwartet.

Ausläufer des "Eckard" genannten Tiefs erreichen die Britischen Inseln und verschärfen dort die Hochwassersituation. Der Wetterdienst Met Office erwartet in Teilen Englands – etwa in der Provinz Cumbria – bis zu 150 Millimeter Niederschlag. Die Behörde hat daher Warnungen für verschiedene Regionen herausgegeben: Wegen der seit Wochen vorherrschenden Wetterlage zogen immer wieder Tiefs über Großbritannien hinweg und sorgten dort für ergiebige Regenfälle. Teilweise wurde mehr als 300 Millimeter Regen und damit ungefähr das Dreifache der normal üblichen Menge beobachtet. Viele Bäche und Flüsse traten deswegen über die Ufer und überfluteten Dörfer und Städte; teilweise wurde Katastrophenalarm ausgerufen. Erst in den letzten Tagen trat Entspannung ein, doch das könnte sich mit der Ankunft von "Eckards" Begleitern wieder ändern.

Über Island wiederum fiel der Kerndruck des Tiefs in den Morgenstunden nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes auf 935 Hektopascal (hPa). Da er sich noch weiter verstärken könnte, könnte dieser Wert noch auf 930 hPa fallen. Das macht den Sturm zu einem der kräftigsten, die je über dem Nordatlantik gemessen wurden. Er reicht allerdings nicht an den so genannten "Braer-Sturm" heran, der im Januar 1993 das Seegebiet aufpeitschte und nach dem damals gestrandeten Öltanker benannt ist: Er erreichte sogar nur 914 hPa und gilt als der stärkste außertropische Sturm, für den Daten vorliegen. Und selbst der isländische Rekord aus dem Jahr 1929 liegt mit 924 hPa noch darunter. Der niedrigste jemals in Deutschland gemessene Luftdruck beträgt übrigens rund 950 hPa.

Im Gegensatz zu diesen beiden Stürmen zieht das Orkantief mit seinem Zentrum allerdings direkt über die Insel hinweg. Der Wind kann in Böen Spitzengeschwindigkeiten von mindestens 150 Kilometer pro Stunde erreichen. Dazu kommen kräftige Regen- und Schneefälle; an den Küsten werden starke Wellen mit bis zu 15 Meter Höhe erwartet.

Zwischen diesem Tief und einem kräftigen Hoch namens "Christine" über dem Baltikum strömt subtropische Warmluft weit nach Norden, weshalb es in der Arktis kurzzeitig zu Tauwetter kommt. Entgegen der an verschiedenen Stellen verbreiteten Meldung, dass es am Nordpol zu einem Temperatursprung von 50 Grad komme, steigen die Werte jedoch "nur" um die Hälfte und liegen dann knapp über dem Gefrierpunkt. Diese Sprünge seien jedoch für die Region nicht völlig unüblich, so der Meteorologe Thomas Sävert von Kachelmannwetter.com. Schließlich reicht der Golfstrom bis in die Nähe von Spitzbergen und führt wärmere Wassermassen heran. Schon in wenigen Tagen sollen die Temperaturen am Nordpol wieder auf minus 25 bis minus 30 Grad Celsius sinken. Immerhin: Seit 1948 hat es wohl nur drei Fälle gegeben, bei denen im Dezember der Gefrierpunkt am Nordpol überschritten wurde.

Am Ostrand von "Christine" strömt hingegen polare Kaltluft bis zum östlichen Mittelmeer. Zum Jahreswechsel breiteten sich Frost und teilweise kräftige Schneefälle bis zum Peloponnes, zur Ägäis und zur türkischen Riviera aus. Besonders viel Schnee gebe es im Bergland Griechenlands, der Türkei sowie im Kaukasus, warnt der Deutsche Wetterdienst.

Und Deutschland? Zwischen beiden Wetterextremen bleibt die Lage hier zu Lande sehr entspannt. Während im Südwesten weiterhin milde atlantische Luftmassen vorherrschen, könnte zumindest im Nordosten der Winter leicht anklopfen. Hier droht eventuell in der Silvesternacht Glatteis. Insgesamt kommt Deutschland jedoch weiterhin glimpflich davon.