Dass die Maya über profunde astronomische Kenntnisse verfügten, darüber legen originale Handschriften aus dem 14. und 15. Jahrhundert beredtes Zeugnis ab. Ob und wie die Astronomen der mesoamerikanischen Hochkultur zuvor Berechnungen anstellten, war aber bislang nicht gesichert. In Guatemala haben US-amerikanische Forscher nun an Wänden in der Ruinenstadt Xultún Zahlenreihen aus dem frühen 9. Jahrhundert entdeckt, die offenbar die älteste bekannte astronomische Niederschrift der Mayakultur darstellen.

Das Haus
© Tyrone Turner/National Geographic 2012
(Ausschnitt)
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Die eingeritzten und gemalten Hieroglyphen prangen an den teilweise beschädigten Wänden eines Raums, die vor allem Bilder von menschlichen Figuren zeigen. Wie der Ausgräber William Saturno von der Boston University und der Altamerikanist David Stuart von der University of Texas in Austin vermuten, entstanden die Bilder um das Jahr 814 n. Chr. Diese an der Wand verzeichnete Datumsangabe stehe in enger Beziehung zu den Darstellungen.

Stuart gelang es, an einer der Wände noch lesbare Zeichenfolgen zu entziffern, die jeweils eine bestimmte Summe an Tagen ergeben und untereinander um 177 beziehungsweise 178 Tage differieren. Diese Spanne bezeichne genau ein "Mondsemester" von sechs Mondmonaten. "Die Zahlen 177 und 178 sind zudem bedeutend für die Astronomie der alten Maya", so die Forscher. Insgesamt würden die Angaben einen Zeitraum von 13 Jahren umfassen – die Zahl 13 wiederum bezeichnet die Dauer eines Hauptintervalls der so genannten "Langen Zählung". Hierbei handelt es sich um eines der wichtigsten Kalendersysteme der Maya.

Die senkrechten Kolumnen ähneln zudem stark den kalendarischen Aufstellungen im so genannten Codex Dresdensis, einer Mayahandschrift aus dem 15. Jahrhundert. Mit dem Unterschied, dass der jüngere Mondkalender auch Korrekturphasen von 148 Tagen enthält, um auf Mond- und Sonnenfinsternisse hinzuweisen. Daher geht Saturno davon aus, dass die Maya ihre Zahlenaufstellungen über viele Generationen hinweg überlieferten und immer wieder anpassten. Womöglich gehe auch der Codex Dresdensis selbst auf Berechnungen der klassischen Zeit zurück.

Diese vier Zahlenfolgen
© William Saturno und David Stuart/National Geographic 2012
(Ausschnitt)
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Das Interesse der Wissenschaftler weckten noch vier weitere Ziffernkolumnen auf einer der Wände. Diese ließen sich als Zeitperioden verstehen, die durch astronomische Zyklen teilbar sind und sich offenbar auf die Bewegungen von Sonne, Mond und Planeten beziehen – vermutlich Venus, Mars und Merkur. Sie umfassen Zeitspannen von 935 bis 6703 Jahren. "An welchem Zeitpunkt diese Zeitspannen ansetzen und ob sie sich in die Zukunft oder die Vergangenheit richten, ist unklar", erklärt Saturno. "Sie bezeugen jedoch, dass die Maya in viel größeren Zeiteinheiten dachten, als ihnen die moderne Populärkultur zuschreibt", so der Archäologe weiter. Saturno und seine Kollegen vermuten überdies, dass Schreiber oder Astronomen das Zimmer nutzten. Wie aus den späteren Mayakodizes hervorgeht, lag deren Aufgabe darin, Himmelsereignisse mit den Daten von Kultritualen in Einklang zu bringen.

Dass die Mayakalender indes den Weltuntergang für 2012 prophezeien würden, wie es seit einiger Zeit in populären Medien beschworen wird, weisen die Forscher strikt zurück. In diesem Jahr endet lediglich eine Einheit der "Langen Zählung". Die zyklische Zeitrechnung der Maya sei an der Kontinuität und Wiederholung von Zeiteinheiten ausgerichtet. Sie schließe aber keine apokalyptischen Enddaten ein.