Als der anatomisch moderne Mensch das warme Afrika verließ, stieß er auf Neandertaler in Europa, auf die Denisova-Menschen in Asien und vielleicht auch auf andere, noch unbekannte Gruppen, die ihm eins voraus hatten: Die Alteingesessen hatten sich über Jahrhunderttausende optimal dem rauen Klima des Nordens angepasst. Daraus entstand ein genetisches Survival Kit für das Leben außerhalb Afrikas, das schließlich auch den Zuzüglern aus dem Süden zugutekam. Als sich Angehörige der Menschengruppen miteinander fortpflanzten, wanderten (neben vielen schädlichen) auch einige sehr nützliche Erbfaktoren in den Genpool der modernen Menschen.

Das zeigt sich bis heute bei den Inuit oder Eskimos in der Nordpolarregion. In ihrem Fettstoffwechsel tragen sehr viele von ihnen zwei besondere Genvarianten, die global selten oder fast gar nicht auftauchen, und von denen man annimmt, dass sie eine entscheidende Rolle bei der Kältetoleranz spielen. Sie wirken daran mit, aus Körperfett Wärme zu erzeugen.

Wie Rasmus Nielsen von der University of California in Berkeley und sein Team nun herausfanden, sind diese beiden Varianten denen der Denisova-Menschen sehr ähnlich. Die Forscher vermuten daher, dass die Vorfahren der Inuit die beiden Varianten von den archaischen Menschen übernommen haben, die diese womöglich schon in Reaktion auf die Kältephasen der letzten Eiszeiten entwickelt hatten. Damals waren große Teile Eurasiens vergletschert, dennoch gelang es den archaischen Menschengruppen den harschen Bedingungen zu trotzen.

Da heutzutage nahezu jeder Inuit die beiden Genvarianten trägt, scheinen sie einer positiven Selektion unterworfen gewesen zu sein. Anders ist dies in anderen Bevölkerungsgruppen, etwa den nordamerikanischen Indianern, bei denen sich die Varianten ebenfalls finden, aber nur in geringerer Häufigkeit. Hier spielte Kältetoleranz vermutlich keine derart wichtige Rolle.

Konkret handelt es sich um die Gene TBX15 und WARS2. Ihnen spürte das Team um Rasmus in mehreren Datenbanken nach. Die Informationen zur Genetik der Inuit stammen aus einer groß angelegten Untersuchung, bei der DNA von fast 200 grönländischen Inuit gesammelt wurde. Als Vergleich dienten Daten aus dem 1000 Genomes Poject, in dem moderne Menschen aus allen Teilen der Welt erfasst werden.

Auf einen ähnlich gelagerten, kuriosen Fall genetischen Austauschs stießen Forscher unlängst in Tibet. Dort hatten Studien gezeigt, dass die Einheimischen ihre außergewöhnliche Toleranz für die Höhe mutmaßlich von den Denisovanern übernommen hatten. Nun ergaben Forschungen, dass die nicht minder erstaunliche Höhentoleranz ihrer Haushunde, der Tibetischen Mastiffs, auf eine Anpassung in denselben Genen zurückgeht. Und auch die Mastiffs hatten sich dazu bei Alteingesessenen bedient: Sie kreuzten sich mit den einheimischen Mongolischen Wölfen (Canis lupus chanco), die sich bereits über einen wesentlich längeren Zeitraum an die dünne Luft der Berge angepasst hatten.