Eine neue Gentechnikdebatte bewegt in unserem Nachbarland Frankreich die Gemüter. Diesmal geht es nicht um Äcker und Nahrung, sondern um den Unterricht in der Schule: Seit 2010 können dort Zehntklässler im Unterricht eigenhändig transgene Bakterien herstellen. Dagegen regt sich Protest, besonders von der Gentechnik-kritischen Lobbyorganisation CRIIGEN (Committee for Independent Research and Information on Genetic Engineering). Der Widerstand offenbart wissenschaftsfeindlichen Fundamentalismus und richtet sich gegen eine Bildungsinitiative, die man im Sinne einer kritischen Öffentlichkeit eigentlich begrüßen sollte.

Die fragliche Technik ist jedenfalls harmlos und längst andernorts Routine. Die entsprechenden Lehrmaterialien samt lebender Organismen vertreibt der Lehrerverband APBG, sie enthalten einen ungefährlichen Stamm des Darmbakteriums Escherichia coli, dazu ein Plasmid mit einem Gen für Antibiotikaresistenz und ein bisschen Zubehör. Derartige Experimente haben französische Schüler auch vorher schon durchgeführt – das Experiment gehört zu einer Unterrichtseinheit über Gentechnik, die es in den allgemeinen Lehrplan geschafft hat, nachdem sie bisher Teil eines gesonderten Biologiekurses war.

Nichtsdestotrotz fragt sich CRIIGEN in ihrer Pressemitteilung ostentativ, ob derartige Experimente möglicherweise EU-Richtlinien widersprächen – als wenn sie es bei einer Frage belassen würden, wenn dem tatsächlich so wäre. Beim Thema Sicherheit hat die Organisation ebenfalls nichts Handfestes vorzuweisen und belässt es bei dunklen Andeutungen und der Frage, ob Lehrer wohl in der Lage seien, Experimente ordnungsgemäß durchzuführen. Das Raunen von Kontamination und Sterilisation steht im diametralen Gegensatz zur Realität dieser technisch wenig anspruchsvollen Versuche. Gentechnik solle nicht trivialisiert werden, fordert Gilles-Eric Séralini, Präsident des wissenschaftlichen Beirats von CRIIGEN, doch das Verfahren, das hier zur Debatte steht, ist längst trivial.

Um transgene Bakterien zu erzeugen, reicht es nämlich völlig aus, die Organismen samt Plasmid abzukühlen und anschließend für eine knappe Minute auf 42 Grad zu erhitzen. Wenn man es richtig gemacht hat, sieht man danach im Wachstumstest gesunde Kolonien auf einem zuvor tödlichen Nährboden, die den beteiligten Schülern hoffentlich das gewünschte Aha-Erlebnis vermitteln. Nach dem Experiment vernichtet man die Bakterien mit Chlorbleiche.

Ungeachtet der Banalität der Angelegenheit verlangt Séralini ein Moratorium, bis – nein, nicht etwa bis Sicherheitsbedenken ausgeräumt oder Autoklaven (gasdicht verschließbarer Druckbehälter) angeschafft sind, sondern bis "eine Debatte zu der Frage organisiert ist". Eine Debatte worüber? Die Kritik von CRIIGEN verliert sich im Abwegigen.

Bedauerlich sei es, dass die Schüler ihre Zeit auf praktische Biotechnologie verwenden, statt sich auf andere, möglichst theoretische Themen zu konzentrieren, heißt es weiter. Was ist das für ein Argument? Die Schüler sollen irgendetwas anderes machen, egal was, nur bitte keine Gentechnik. Selten klang Fundamentalismus verzweifelter. Vollends absurd ist die Empfehlung angesichts der Tatsache, dass praktische Arbeit ein Fünftel der Abschlussnoten französischer Schüler ausmacht.

Das von dem Lehrerverband konzipierte Experiment leistet dringend Notwendiges – es versetzt Schüler in die Lage, die Verbindung zwischen Erbgut und Eigenschaft aus erster Hand zu erfahren: ein Fenster in die Welt der Gene, deren Kenntnis für das theoretische Verständnis der Biologie ebenso unverzichtbar ist wie für das der modernen biotechnischen Methoden, von denen einige unverzichtbar, andere bis heute kontrovers sind.

Ein so sensibles Thema gehöre nicht in den Schulunterricht, schreibt CRIIGEN. Doch gerade Bildung kann den Schleier aus Furcht und Unwissenheit beseitigen, der Gentechnik – zumal an Bakterien – überhaupt erst zu einem angeblich sensiblen Thema macht. Erst diese praktischen Erfahrungen versetzen Schüler wirklich in die Lage, sich ein qualifiziertes Urteil zu umstrittenen Techniken wie der Grünen Gentechnik zu bilden.

Gerade das versucht die Anti-Gentechnik-Lobby nicht nur in Frankreich zu verhindern: Die Öffentlichkeit soll Gentechnik nicht verstehen, sondern fürchten. In Frankreich wehren sich Lehrer und Politik gegen diese antiaufklärerische Agenda. Und in Deutschland? Es wäre jedenfalls wünschenswert, wenn auch hierzulande eine Initiative für Gentechnik-Experimente im Unterricht dazu beitragen könnte, dass derartige Taktiken wie die von CRIIGEN weniger verfangen und eine sachlichere Diskussion über Gentechnik beginnt.