An einem Sommertag 1968 traf Professor Julian Stanley einen brillanten, aber leicht gelangweilten Zwölfjährigen namens Joseph Bates. Der Schüler aus Baltimore war seinen Klassenkameraden in Mathematik so weit voraus, dass seine Eltern ihn bei einem Computerkurs an der Johns Hopkins University anmeldeten. Doch selbst dieser Kurs reichte dem Jungen nicht. Nachdem er auch noch die erwachsenen Studenten überflügelt hatte, begann er anderen Schülern die Programmiersprache FORTRAN beizubringen.

Der Informatikdozent wusste sich nicht mehr zu helfen und stellte ihn deshalb Professor Stanley vor, der damals ebenfalls dort lehrte. Der Forscher war für seine Arbeiten zur Psychometrie, eine Methode zur Untersuchung kognitiver Leistungen, bekannt und wollte auch gleich mehr über das Talent des jungen Wunderkindes erfahren. Er ließ Joseph Bates eine Reihe von Tests absolvieren, darunter auch den SAT (Scholastic Assessment Test), an dem in der Regel 16- bis 18-jährige Studienanwärter teilnehmen.

Bates' Ergebnis lag deutlich über der Zulassungsgrenze der Johns Hopkins University, weshalb Stanley sich auf die Suche nach einer Schule mit passenden Kursen in Mathematik und Naturwissenschaften machte. Weil er aber nicht fündig wurde, erwirkte der Professor beim Dekan der Universität die Zulassung des damals 13-jährigen Bates als Student. Stanley nannte Bates liebevoll "Student Nummer null" seiner Studie für mathematisch hoch begabte Jugendliche (SMPY, Study of Mathematically Precocious Youth), die letztlich die Entdeckung und Unterstützung Hochbegabter durch das amerikanische Bildungssystem grundlegend verändern sollte. Es ist die bisher am längsten durchgeführte Längsschnittstudie zu intellektuell begabten Kinder und verfolgt nun schon seit 45 Jahren die Karrieren und Leistungen von etwa 5000 Teilnehmern, von denen viele im Lauf der Jahre zu erfolgreichen Wissenschaftlern wurden. Aus der stetig wachsenden Menge an Studienergebnissen resultierten nicht nur mehr als 400 Publikationen und mehrere Bücher, sondern auch bedeutende Hinweise zur Förderung von Hochbegabten in den Bereichen Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Technik, sprich den so genannten MINT-Fächern.

"Wie auch immer man das findet, die Schlauen beeinflussen unsere Gesellschaft"
Jonathan Wai

"Julian Stanley wollte wissen, wie man am besten Kinder mit dem höchsten Exzellenzpotenzial in den so genannten MINT-Fächern ausfindig machen könnte und ihre Chancen auf Bestleistungen noch steigert", erklärt Camilla Benbow, die ebenfalls Stanleys Schützling war und inzwischen zur Dekanin für Bildung und Persönlichkeitsentwicklung an der Vanderbilt University in Nashville in Tennessee wurde. Stanley wollte aber die intelligenten Kinder nicht nur testen, sondern auch ihren Intellekt fördern und die Chance steigern, dass sie die Welt verändern. Sein Motto lautete immer: "keine trockene Methodik".

Nun, da die ersten SMPY-Kandidaten auf dem Höhepunkt ihrer Karriere stehen, zeigt sich erst, welchen Einfluss sie auf den Rest der Gesellschaft haben. Bei vielen dieser Wegbereiter in Wissenschaft, Technologie und Kultur wurden die herausragenden kognitiven Fähigkeiten schon in frühen Jahren erkannt und durch Vertiefungsprogramme unterstützt, beispielsweise im Center for Talented Youth der Johns Hopkins University, das Stanley in den 1980er Jahren im Zusammenhang mit der SMPY-Studie eröffnete. Anfangs standen die Studie und das Zentrum allen jungen Leuten offen, die bei den Eingangsexamina an der Universität zu dem besten Prozent gehörten, den Top One. Die Mathematik-Pioniere Terence Tao und Lenhard Ng gehörten dazu, ebenso wie Mark Zuckerberg von Facebook, der Mitbegründer von Google Sergey Brin und die Musikerin Stefani Germanotta alias Lady Gaga – sie alle waren am Hopkins Center.

Frühe kognitive Fähigkeiten haben großen Einfluss auf den Erfolg

"Wie auch immer man das findet, die Schlauen beeinflussen unsere Gesellschaft", sagt der Psychologe Jonathan Wai vom Duke University Talent Identification Program in Durham in North Carolina, das mit dem Hopkins Center zusammenarbeitet. Wai kombinierte die Daten aus elf prospektiven und retrospektiven Längsschnittstudien einschließlich der SMPY-Studie, um den Zusammenhang zwischen frühen kognitiven Fähigkeiten und den Leistungen im Erwachsenenalter zu demonstrieren. "Kinder, die zu den Top One gehören, entwickeln sich oft zu unseren herausragenden Wissenschaftlern und Akademikern, unseren Fortune-500-CEOs und Bundesrichtern, Senatoren und Milliardären", erklärt er.

Schülerin schläft
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Überflieger brauchen eine besondere Förderung, damit sie nicht unterfordert sind. Das muss nicht gleich eine Sonderrolle sein. Häufig genügt es, wenn sie zusätzliche Aufgaben bekommen.

Seine Ergebnisse widersprechen aber den tief verwurzelten alten Vorstellungen. Bisher hieß es nämlich, gute Leistungen resultierten hauptsächlich aus praktischen Erfahrungen, weshalb es jeder mit dem passenden Einsatz nach ganz oben schaffen könne. Laut der SMPY-Studie haben nun jedoch frühe kognitive Fähigkeiten einen größeren Einfluss auf den Erfolg als Übung und Faktoren wie der sozioökonomische Status. Die Forscher heben deshalb die Bedeutung der Förderung begabter Kinder hervor, auch wenn nicht nur in den USA der Fokus derzeit eher auf der Leistungsverbesserung schwächerer Schüler liegt. Gleichzeitig werfen die Ansätze zur Entdeckung und Unterstützung akademisch hoch begabter Schüler schwierige Fragen auf: Wie hoch sind die Risiken der Stigmatisierung einzelner Kinder? Welche Probleme können bei der Auswahl der Begabten auftreten? Welche Defizite haben standardisierte Auswahltests, insbesondere beim Einsatz in armen und ländlichen Gegenden? "Wenn wir den Schwerpunkt nur auf die Suche und Auswahl der Besten legen, laufen wir Gefahr, all die von den Tests nicht erfassten Kinder abzuwerten", sagt die Entwicklungspsychologin Dona Matthews aus Toronto in Kanada, die das Center for Gifted Studies & Education am Hunter College in New York City mitbegründete. "Den getesteten Kindern tun wir keinen Gefallen damit, wenn wir sie als begabt oder unbegabt einstufen; ihre Motivation beim Lernen kann in beiden Fällen untergraben sein."

Wie alles begann

An einem schwülen Tag im August spazieren Benbow und ihr Ehemann, der Psychologe David Lubinski, über den Innenhof der Vanderbilt University und erzählen von den Anfängen der SMPY-Studie. Benbow war Doktorandin an der Johns Hopkins University, als sie Julian Stanley kennen lernte. Sie besuchte 1976 dort einen von ihm gehaltenen Kurs. Benbow und Lubinski brachten die Studie 1998 mit an die Vanderbilt University und leiten sie seit Stanleys Ruhestand gemeinsam.

"In gewisser Hinsicht schließt sich der Kreis von Stanleys Forschung, denn hier begann seine Karriere als Professor", sagt Benbow, als sie sich dem Psychologielabor der Universität nähert – dem ersten der USA, das sich der Forschung auf diesem Gebiet widmete. Das 1915 gebaute Haus hütet noch eine kleine Sammlung alter Rechenmaschinen; diese waren das Werkzeug der Wahl, als Stanley in den frühen 1950er Jahren mit seiner akademischen Arbeit im Bereich Psychometrie und Statistik begann.

Sein Interesse an wissenschaftlichen Talenten wurde durch eine der berühmtesten Längsschnittstudien in der Psychologie geweckt, der Genetic Studies of Genius von Lewis Terman. Für diese schon 1921 gestartete Untersuchung suchte Terman Teenager mit hohem IQ aus und verfolgte und förderte dann ihre Karriere. Doch zu seinem Ärger wurden nur wenige seiner Teilnehmer zu angesehenen Wissenschaftlern. Zu den abgelehnten Kandidaten aber, deren IQ unter 129 lag, gehörten der spätere Nobelpreisträger und Miterfinder des Transistors William Shockley und der Physiker Luis Alvarez, ebenfalls später Nobelpreisträger.

Laut Stanley wären Shockley und Alvarez damals Terman nicht durch die Lappen gegangen, wenn er sie zuverlässig und speziell auf quantitatives Denkvermögen hätte testen können. Deshalb wollte Stanley nun den Zulassungstest für amerikanische Hochschulen, den Scholastic Aptitude Test ausprobieren. Eigentlich war dieser für ältere Studenten gedacht; aber nach Stanleys Meinung sollte er auch zur Bestimmung des analytischen Denkvermögens jüngerer Eliteschüler geeignet sein. Im März 1972 versammelte er 450 intelligente 12- bis 14-Jährige aus der Gegend um Baltimore und gab ihnen den Mathematikteil des SAT als Aufgabe. Das war praktisch die erste standardisierte, akademische Talentsuche; erst später fügten die Forscher den mündlichen Teil sowie andere Leistungserhebungen hinzu.

"Meist brauchen diese Kinder gar keine innovativen oder neuen Methoden, sondern einfach nur früher Zugang zu den Themen, die sonst erst die älteren Kinder behandeln"
David Lubinski

"Die erste große Überraschung war, wie viele der Jugendlichen auch solche mathematischen Probleme lösen konnten, mit denen sie im Unterricht noch nie in Berührung gekommen waren", erklärt der Entwicklungspsychologe Daniel Keating, damals Doktorand an der Johns Hopkins University. "Die zweite Überraschung war, wie viele von ihnen mit ihren Ergebnissen deutlich über der Aufnahmegrenze vieler Eliteuniversitäten lagen."

Stanley hatte die SMPY-Studie nicht als jahrzehntelange Längsschnittstudie angelegt. Doch dann kam eine Folgestudie, und danach schlug Benbow noch eine Erweiterung der Analysen vor. So sollten die Teilnehmer ihr Leben lang begleitet werden, Kohorten hinzugefügt und Datenerhebungen über Interessen, Vorlieben sowie berufliche und andere Erfolge im Leben mit eingeschlossen werden. Die ersten vier Kohorten der Studie reichten von den besten 3 bis zu den besten 0,01 Prozent des SAT-Rangs. Das SMPY-Team fügte eine fünfte Kohorte mit den besten Studenten in Mathematik und Naturwissenschaften des Jahres 1992 hinzu, um prüfen zu können, ob sich das Talentsuche-Modell verallgemeinern und für die Suche nach wissenschaftlichem Potenzial einsetzen ließe. "Ich kenne keine andere Studie der Welt, die uns so umfassende Erkenntnisse dazu geliefert hat, wie und warum sich eine Begabung für die MINT-Fächer entwickelt", sagt der Psychologe Christoph Perleth von der Universität Rostock, der die Entwicklung von Intelligenz und Begabung untersucht.

Sagt das räumliche Denkvermögen den Erfolg voraus?

Die Daten zeigten sehr schnell, dass es keinen allgemein gültigen Ansatz zu Hochbegabtenförderung und Bildung gibt. "Die SMPY-Studie lieferte erstmals umfassende Ergebnisse, die uns dazu brachten, von der Beurteilung allgemeiner Intelligenz wegzukommen und zu einer Beurteilung spezifischer Arten des Denkvermögens, der Interessen und anderer Faktoren überzugehen", sagt Rena Subotnik, die das Center for Gifted Education Policy der American Psychological Association in Washington D. C. leitet.

1976 begann Stanley seine zweite Kohorte auf Fähigkeiten zum räumlichen Denken zu testen. Die 563 Jugendlichen im Alter von 13 Jahren gehörten beim SAT zu den besten 0,5 Prozent und sollten räumliche Beziehungen zwischen Objekten verstehen und sie sich merken. Zu diesen Tests gehört die Zuordnung von Objekten, die aus verschiedenen Perspektiven zu sehen sind, die Bestimmung des Querschnitts, der bei einer bestimmten Art, ein Objekt zu schneiden, entsteht, und das Abschätzen des Wasserpegels in schräg gestellten Flaschen unterschiedlicher Form. Stanley wollte wissen, ob Fähigkeiten des räumlichen Denkens eine bessere Vorhersage über den schulischen und beruflichen Erfolg ermöglichen als die Messungen von quantitativem und sprachlogischem Denken allein.

Nachfolgende Untersuchungen mit den Altersstufen 18, 23, 33 und 48 Jahre bestätigten seine Vermutung. Eine Analyse aus dem Jahr 2013 fand dann einen Zusammenhang zwischen der Anzahl von erlangten Patenten beziehungsweise begutachteten Publikationen und den früheren Ergebnissen im SAT-Test und in Tests zum räumlichen Denkvermögen. Die SAT-Tests erklärten zusammen eine Varianz von 11 Prozent, die Fähigkeiten zum räumlichen Denken trugen weitere 7,6 Prozent bei. Diese Ergebnisse passen hervorragend zu früheren Daten und lassen vermuten, dass unser räumliches Vorstellungsvermögen eine wichtige Bedeutung für Kreativität und technische Innovationsfähigkeit spielt. "Das könnte die größte bekannte, aber unerschlossene Quelle menschlichen Potenzials sein", sagt Lubinski. Doch er weiß auch, dass Studenten mit nur wenig beeindruckenden Fähigkeiten in Mathematik oder sprachlogischem Denken, dafür mit einem großen räumlichen Vorstellungsvermögen oft außergewöhnlich gute Ingenieure, Architekten oder Chirurgen sind. "Und trotzdem achtet keiner der mir bekannten Verantwortlichen bei der Hochschulzulassung darauf. Diese Fähigkeiten werden generell bei schulischen Beurteilungen übersehen."

Schüler und Lehrer
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Auch wenn sich Lehrer noch häufig dagegen wehren, zeigt die Langzeiterhebung: Gute Schüler sollten besonders gefördert werden und ruhig eine Klasse überspringen: Wer eine Klasse übersprungen hatte, dessen Chancen waren größer, später beispielsweise einen Doktortitel zu machen. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass hier noch andere Zusammenhänge wirken.

Obwohl Studien wie SMPY die Möglichkeit bieten, hoch begabte Jugendliche zu erkennen und zu unterstützen, ist das weltweite Interesse an dieser Gruppe sehr unterschiedlich. Im Mittleren Osten und in Ostasien haben Schüler mit guten Noten in den MINT-Fächern im letzten Jahrzehnt viel Aufmerksamkeit erhalten. Südkorea, Hongkong und Singapur suchen gezielt nach begabten Kindern und stecken sie in innovative Programme. China führte 2010 einen auf zehn Jahre angelegten nationalen Entwicklungsplan für Hochbegabte ein, um die besten Studierenden zu fördern und in Richtung Wissenschaft, Technologie und andere stark gefragte Gebiete zu lenken. In Europa ist die Unterstützung von Forschung und Bildungsprogrammen für hoch begabte Kinder abgeebbt, als sich der Fokus in Richtung Inklusion verschob. England entschied sich 2010, die nationale Akademie für hoch begabte Jugendliche zu schließen, und nutzt die Gelder seitdem für Bemühungen, verstärkt arme Schüler an führende Universitäten zu bringen.

Führt der Weg zum Doktortitel über eine übersprungene Klasse?

Als Julian Stanley seine Arbeiten begann, hatten hoch begabte Kinder in den USA nur recht begrenzte Entfaltungsmöglichkeiten; deshalb wollte er neue Wege finden, ihre Talente zum Blühen zu bringen. "Julian war klar, dass die Potenziale nicht nur entdeckt, sondern auch weiterentwickelt werden müssen, um sie wirklich nutzen zu können", erklärt Linda Brody, die mit Stanley arbeitete und nun ein spezielles Beratungsprogramm für hoch begabte Kinder an der Johns Hopkins University leitet. Anfangs ging es nur um einzelne Fälle; doch als die positive Entwicklung von Joseph Bates an der Universität bekannter wurde, wandten sich immer öfter Eltern hoch begabter Kinder an Stanley. Bates machte mit 17 Jahren seinen Master-Abschluss in Computerwissenschaften und promovierte dann an der Cornell University in Ithaca im Bundesstaat New York. Später, als Professor an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh in Pennsylvania, wurde er zum Pionier auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz.

"Ich war schüchtern und wäre mit dem sozialen Druck an der Schule nicht zurechtgekommen", erzählt der inzwischen 60-jährige Bates. "Aber ans College, mit all den anderen Wissenschafts- und Mathematik-Nerds, passte ich gut, auch wenn ich viel jünger war. Ich konnte mich auf sozialer und intellektueller Ebene in meinem eigenen Tempo entwickeln, weil mich das fachliche Tempo forderte und mir nicht langweilig wurde", fügt er hinzu. Die SMPY-Daten sprechen für die Idee, schnell lernende Kinder Schulklassen überspringen zu lassen. In einer Studie wurden zwei Gruppen vergleichbar cleverer Kinder beobachtet, von denen die einen eine Klasse übersprungen hatten und die anderen nicht: Die Wahrscheinlichkeit, einen Doktortitel zu erlangen oder Patente zu erzielen, war in der Gruppe der Überspringer 60 Prozent höher als bei den anderen Teilnehmern, und die für einen Doktortitel in einem der MINT-Fächer sogar mehr als doppelt so hoch. Die so genannte Akzeleration, das Überspringen von Klassen, findet sich häufig in der SMPY-Kohorte 1/10 000, deren Teilnehmer auf Grund ihrer intellektuellen Unterschiede und der hohen Lerngeschwindigkeit aber auch eine Herausforderung für die Lehrer sind. Diese Schüler zu fördern, kostet wenig bis nichts und spart in einigen Fällen der Schule sogar Geld, sagt Lubinski. "Meist brauchen diese Kinder gar keine innovativen oder neuen Methoden, sondern einfach nur früher Zugang zu den Themen, die sonst erst die älteren Kinder behandeln", erklärt er.

"Intelligenz erklärt nicht alle Unterschiede zwischen den Menschen; wichtig sind auch Motivation, Persönlichkeit, Engagement und weitere Faktoren"
Douglas Detterman

Viele Lehrer und Eltern glauben immer noch, Akzeleration sei nicht gut für Kinder, weil es ihre Entwicklung auf sozialer Ebene störe, sie aus der Kindheit katapultiere oder Wissenslücken verursache. Bildungsforscher dagegen sind in der Regel anderer Meinung und denken, die große Mehrheit der begabten Kinder könnte auf diese Weise nicht nur sozial und emotional profitieren, sondern auch in Ausbildung und Beruf. Klassen zu überspringen, ist aber nicht die einzige Option. Laut SMPY-Forschern hätten auch weniger drastische Maßnahmen schon einen erkennbaren Effekt, wie beispielsweise der Zugang zu anspruchsvollen Lernmaterialien des amerikanischen Advanced Placement Program. Hoch begabte Schüler, die bereits vor ihrem Studium häufiger an Extrakursen der MINT-Fächer teilgenommen hatten, erzielten im späteren Leben mehr wissenschaftliche Publikationen, erlangten mehr Patente und waren erfolgreicher als andere, die genauso schlau, aber nicht entsprechend gefördert worden waren.

Trotz der vielen Erkenntnisse aus der SMPY-Studie ist das Bild über Begabung und Erfolg immer noch unvollständig. "Wir wissen nicht, warum manche erfolgreich sind und andere nicht", erklärt der Psychologe Douglas Detterman von der Case Western Reserve University in Cleveland in Ohio, wo er am Thema kognitive Fähigkeiten arbeitet. "Intelligenz erklärt nicht alle Unterschiede zwischen den Menschen; wichtig sind auch Motivation, Persönlichkeit, Engagement und weitere Faktoren."

Der Weg zum Genie?
© Nature, nach: Ferriman-Robertson, K. et al., Current Directions in Psychological Science 19, S. 346-351, 2010; dt. Bearbeitung: Spektrum der Wissenschaft; Clynes, T.: How to raise a genius. In: Nature 537, S. 152-155, 2016
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Auch deutsche Studien arbeiten mit ähnlichen Methoden wie SMPY. Die Münchner Hochbegabtenstudie wurde beispielsweise schon Mitte der 1980er Jahre mit 26 000 Schülern gestartet. Laut ihren Ergebnissen bestimmen kognitive Faktoren den Erfolg am meisten, aber auch persönliche Eigenschaften wie Motivation, Neugier und Stressresistenz sind nicht unwesentlich. Ebenfalls nicht unerheblich sind Faktoren aus der Umgebung wie Familie, Schule und Gleichaltrige. Die Daten solcher Untersuchungen geben zudem Hinweise darauf, wie Menschen Fachkenntnisse auf bestimmten Gebieten entwickeln. Einige Forscher und Autoren, insbesondere der Psychologe Anders Ericsson von der Florida State University in Tallahassee und der Autor Malcolm Gladwell, haben die Idee einer Fähigkeitsschwelle populär gemacht. Laut dieser Theorie ist bei Personen mit einem IQ oberhalb einer bestimmten Grenze (120 wird oft zitiert) intensive Übung für den Erwerb von Fachkenntnissen wichtiger als zusätzliche intellektuelle Fähigkeiten. Doch die Daten von SMPY und dem Duke Talent Program stehen dieser Hypothese entgegen. Eine 2016 veröffentlichte Studie verglich den Erfolg von Schülern aus den Top One hinsichtlich ihrer intellektuellen Fähigkeiten in der Kindheit mit denen der besten 0,01 Prozent. Während Erstere 25-mal häufiger einen höheren Bildungsabschluss erreichten als der Durchschnitt der Bevölkerung, erlangen die Studenten der zweiten Gruppe, die noch Begabteren, 50-mal häufiger einen Doktortitel als der Durchschnitt.

Testergebnisse sind umstritten

Doch so manche Untersuchungen werden auch sehr kontrovers diskutiert. Laut Ansicht von Kinderentwicklungsexperten aus Nordamerika und Europa ist die Forschung über Talententwicklung zu sehr von dem Bedürfnis getrieben, Vorhersagen zu den Besten zu machen. Außerdem haben Lehrer deutlich ihren Unmut darüber geäußert, dass einzelne Schülergruppen als besonders begabt oder talentiert hervorgehoben werden. "Ein gutes Testergebnis sagt lediglich aus, dass eine Person hohe Fähigkeiten besitzt und an einem bestimmten Zeitpunkt mit einem speziellen Test gut zurechtgekommen ist. Ein schlechtes Testergebnis sagt praktisch gar nichts aus, weil viele Faktoren die Leistung von Schülern negativ beeinflussen können, einschließlich ihres kulturellen Hintergrunds und des eigenen Gefühls zu der Teilnahme", erklärt Dona Matthews.

Wenn Kinder, die in den Rankings über ihre Erfolgsaussichten eher am oberen oder am unteren Ende der Skala liegen, nun auch noch speziell getestet werden, kann das ihre Lernmotivation schmälern, meint Matthews. Und es könnte zu einer Sichtweise beitragen, welche die Psychologin Carol Dweck von der Stanford University als statisches Selbstbild bezeichnet. Laut ihrer Ansicht sollte besser ein dynamisches Selbstbild gefördert werden. Dabei gehen die Kinder davon aus, dass ihr Gehirn und Talent bei null beginnen und sie ihre Fähigkeiten durch harte Arbeit und das Eingehen von intellektuellen Risiken entwickeln können.

"Die Schüler fokussieren sich dann mehr darauf, besser zu werden, als auf ihre Intelligenz und die Jagd nach Erfolg. So lernen sie mehr, um schlauer zu werden", meint Dweck. Wie ihre Untersuchungen zeigen, sind Schüler mit einem solchen Selbstbild in der Schule wesentlich motivierter und erzielen bessere Noten und Testergebnisse. Auch in Benbows Augen sollte man die Möglichkeiten der Schüler nicht durch standardisierte Tests begrenzen, sondern lieber Lern- und Lehrstrategien entwickeln, die den Fähigkeiten der Einzelnen angemessen sind und es Schülern aller Stufen erlauben, ihr Potenzial voll auszuschöpfen.

2017 wollen Camilla Benbow und David Lubinski eine Auswertung der Kohorte besonders Begabter (1/10 000) ab deren Lebensmitte beginnen. Der Schwerpunkt soll dabei auf beruflichem Erfolg und Lebenszufriedenheit liegen. Außerdem wollen sie erneut diejenigen befragen, die 1992 in die fünfte Kohorte der SMPY-Studie aufgenommen wurden. Die bevorstehenden Untersuchungen könnten neue Ergebnisse zu der immer noch verbreiteten, aber falschen Meinung bringen, dass hoch begabte Kinder auch ohne viel Hilfe erfolgreich werden. "Die Bildungsgemeinschaft ignoriert diese Botschaft weiterhin", gibt der auf mathematisches Lernen spezialisierte Entwicklungspsychologe David Geary von der University of Missouri in Columbia zu bedenken. "Viele meinen, Kinder mit kognitiven oder anderen Begabungen müssten nicht extra gefördert werden, und wir sollten uns eher um die weniger erfolgreichen kümmern."

Obwohl die Spezialisten für Hochbegabtenförderung viel über verbesserte Möglichkeiten zur Talententwicklung in den USA reden, profitieren bis jetzt nur jene Schüler, die nicht nur vom Talent her, sondern auch sozioökonomisch zur Spitze gehören. "Wir wissen eigentlich, wie wir begabte Kinder entdecken und ihnen helfen können. Trotzdem übersehen wir viele der Schlauesten in unserem Land", meint Lubinski.

Als Lubinski und Benbow durch den Innenhof laufen, schlägt es gerade zwölf Uhr, und jede Menge begeisterter Jugendlicher strömen in Richtung Mensa. Viele nehmen am Programm der Vanderbilt University für hoch begabte Jugendliche teil, an den dreiwöchigen Vertiefungskursen, in denen sie sich den Stoff eines ganzen Jahres in Mathematik, Wissenschaft oder Literatur einverleiben, oder sie durchlaufen ein spezielles Training im Vanderbilt-Sportcamp. "Jeder entwickelt gerade sein Talent, doch von der Gesellschaft gefördert werden eher die sportlichen als die intellektuellen Begabungen", sagt Lubinski, der früher in der Schule und am College Ringer war. Und trotzdem können diese hoch begabten Schüler – die "Mathleten" der Welt – unsere Zukunft mitgestalten. "Wenn man sich die heutigen Probleme in der Gesellschaft anschaut, sei es das Gesundheitswesen, die Klimaveränderung, der Terrorismus oder die Energiefrage, dann haben sie die größten Chancen, Lösungen zu finden", meint Lubinski. "Auf sie sollten wir setzen."