Gerade noch sind Sie mit bloßer Armkraft um die Welt geflogen, haben im Dschungel gegen einen Säbelzahntiger gekämpft oder Ihren Wocheneinkauf im Supermarkt versehentlich ohne Hosen durchgeführt. Dann klingelt der Wecker, und Sie stellen – mal enttäuscht, mal erleichtert – fest, dass alles nur ein bizarrer Traum war. Anders ist das bei Klarträumen, auch bekannt als luzide Träume. Hier sind sich die Schlafenden von Anfang an bewusst, dass sie gerade eine künstliche Welt durchreisen. Mehr als jeder Zweite hat schon irgendwann einmal in seinem Leben einen solchen Klartraum erlebt. Je nach Befragung berichtet etwa ein Viertel von regelmäßigen Klarträumen, also häufiger als einmal pro Monat.

Viele können sogar den Inhalt ihrer Träume selbst bestimmen. Diese Fähigkeit wird dann recht unterschiedlich genutzt, wie eine Befragung von Tadas Stumbrys und Daniel Erlacher aus dem Jahr 2016 mit mehr als 500 Teilnehmern ergab: Knapp die Hälfte erfüllt sich damit im Traum Wünsche, die im wahren Leben nur schwer zu verwirklichen sind, etwa besondere sexuelle Abenteuer oder eine Reise durch den Weltraum. Andere nutzen sie, um Albträume zu bewältigen und einen anfangs Furcht erregenden Traum so in ein angenehmes Erlebnis umzuwandeln. Ein kleinerer Teil versucht, im Schlaf ganz konkrete Problemstellungen anzugehen. Dazu zählen beispielsweise Sportler, die an ihren motorischen Fähigkeiten feilen wollen. Tatsächlich gibt es Belege dafür, dass ein rein mentales Training die Leistung von Sportlern erhöhen kann – selbst dann, wenn sie die entsprechenden Bewegungen überhaupt nicht ausführen. Einige erhoffen sich nun, auch noch im Traum trainieren zu können und somit ihre Performance sprichwörtlich über Nacht zu verbessern.

Träume haben eine eigene Dynamik

Doch das ist schwieriger, als es zunächst klingt. "Auch erfahrene Klarträumer stellen fest, dass Träume oft eine ganz eigene Dynamik haben", sagt Daniel Erlacher. Der Sportwissenschaftler erforscht an der Universität Bern, wie Sportler mit Hilfe von Klarträumen ihre Leistung verbessern könnten. Was nach einem buchstäblichen Traumjob klingt, ist in Wirklichkeit ein kompliziertes Vorhaben. Denn luzide Träume lassen sich nicht ohne Weiteres im Labor reproduzieren. Davon zeugt etwa eine Pilotstudie, die Erlacher gemeinsam mit seinen Kollegen Melanie Schädlich und Michael Schredl 2016 veröffentlichte. Geübte Klarträumer sollten im Schlaflabor das Werfen von Dartpfeilen trainieren – während sie schliefen. Doch das stellte die Probanden vor einige Probleme. Denn auch in einer Traumwelt müssen zunächst einmal eine Dartscheibe und die dazugehörigen Pfeile gefunden werden. Von den 15 Teilnehmern gelang es immerhin neun, im Schlaf Darts zu trainieren. Aber nur vier von ihnen schafften das ohne größere Ablenkung. Die Übrigen hatten teils mit bizarren Erscheinungen zu kämpfen, die ihnen im Wachzustand wohl kaum begegnet wären. Einer der Probanden träumte beispielsweise von einer Puppe, die begann, ihn mit Pfeilen zu bewerfen – ein störungsfreies Training sieht anders aus. Bei einem anschließenden Leistungscheck im Wachzustand hatten nur diejenigen vier Probanden ihre Performance verbessert, die im Traum ablenkungsfrei trainieren konnten. Die anderen Probanden waren mit der Aufgabe augenscheinlich überfordert: Was im wahren Leben einfach ist, muss es im Traum noch lange nicht sein. "Danach haben wir versucht, Aufgaben zu finden, bei denen man nur den eigenen Körper braucht", erzählt Erlacher. "Selbst da kommt es allerdings zu Problemen: Einige konnten dann ihre Hände plötzlich nicht mehr bewegen oder hatten das Gefühl, dass sich die Finger verknoten."

Bislang mangelt es an schlagkräftigen Belegen dafür, dass ein Klartraum-Training die Performance von Sportlern im Wachzustand merklich beeinflusst. Denn Studien mit derart wenigen Probanden lassen kaum allgemeine Schlüsse zu. Der kleine Stichprobenumfang zeugt davon, dass Traumforschung ein aufwändiges Unterfangen ist. "Um auch nur einen Datenpunkt zu bekommen, verbringen wir gleich eine ganze Nacht im Schlaflabor", so Erlacher. Auch ist bislang noch nicht geklärt, warum manchen Menschen das luzide Träumen so viel leichterfällt als anderen. Gewisse Unterschiede scheint es in der Persönlichkeitsstruktur der Träumer zu geben, wie eine 2017 veröffentlichte Online-Befragung des Mannheimer Schlafforschers Michael Schredl mit knapp 2500 Teilnehmern nahelegt. Die intensiven Klarträumer zeigten laut dem "Big Five"-Persönlichkeitstest eine stärkere Offenheit für neue Erfahrungen. Daneben zeichneten sie sich aber durch eine geringere Verträglichkeit aus, erschienen also etwas weniger kooperationsbereit und rücksichtsvoll als die übrigen Befragten. Derartige Tests beruhen jedoch auf reinen Selbstbeschreibungen. Außerdem fielen die Unterschiede eher moderat aus.

Traumwelt
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Einen Klartraum bewusst herbeizuführen, ist gar nicht so einfach. Bei vielen Probanden endete das in absurden Situationen. Deshalb ist die Forschung im Bereich der Klarträume aufwändig und kompliziert.

Andere Traumforscher konzentrieren sich bei ihren Erklärungen auf so genannte Metakognitionen. Darunter fallen zum Beispiel das Nachdenken und das kritische Hinterfragen der eigenen Bewusstseinsinhalte. Genau das könnte auch den entscheidenden Unterschied zwischen herkömmlichen und luziden Träumen ausmachen. Denn im Normalfall nehmen wir vieles, was in der Traumwelt passiert, für bare Münze – und sei es noch so bizarr. Klarträumer hingegen scheinen sich ihres eigenen mentalen Zustands gewahr zu sein – ganz ähnlich, wie es bei Menschen im Wachzustand üblicherweise der Fall ist. Der Schlafforscher Allan Hobson sieht den Klartraum deswegen als eine Mischform zwischen REM-Schlaf und Wachzustand an. Die REM-Phase steht für eine besondere Episode des Nachtschlafs, die sich durch rasche Augenbewegungen und hochfrequente Hirnwellen auszeichnet – übrigens genau die Phase, in der auch "gewöhnliche" Schlafende die meisten ihrer narrativen Träume durchleben. Befunde aus dem Elektroenzephalogramm (EEG) zeigen, dass während eines Klartraums im vorderen Hirnbereich starke Aktivitätsmuster mit einer Frequenz von etwa 40 Hertz auftreten – so genannte Gammawellen. Laut Hobson könnten Metakognitionen, die üblicherweise nur während des Wachzustands auftreten, mit diesen Gammawellen zusammenhängen.

Elektrische Stimulation kann die Bewusstheit verändern

Die Frankfurter Psychologin Ursula Voss veröffentlichte 2014 eine wegweisende Studie, in der sie versuchte, dieses besondere Gefühl von Bewusstheit während des Träumens experimentell zu erzeugen. Dafür bediente sie sich der so genannten transkranialen Wechselstromstimulation (tACS). Bei diesem Verfahren bringen die Forscher auf der Kopfhaut ihrer Probanden Elektroden an, die dann mittels schwacher elektrischer Impulse die Hirnaktivität beeinflussen können. Das Team von Voss stimulierte das Gehirn der Versuchspersonen, während diese sich gerade in einer REM-Schlafphase befanden. Kurz darauf weckten die Versuchsleiter ihre Probanden auf und befragten sie über ihre Traumerlebnisse.

Offenbar führte die elektrische Stimulation tatsächlich dazu, dass sich die Teilnehmer während des Träumens bewusst wurden, dass sie sich gerade in einem Traum befanden – allerdings nur dann, wenn die elektrische Stimulation mit einer Frequenz um die 40 Hertz erfolgte. Einer der Studienteilnehmer erzählte etwa von einem comicartig animierten Zitronenkuchen und von einem Plausch mit dem Schauspieler Matthias Schweighöfer. Im Angesicht dieser sonderbaren Ereignisse habe er dann erkannt, dass das alles nur ein Traum sein könne. Auch viele der übrigen Probanden berichteten von derartigen Erlebnissen. Mit anderen Frequenzbändern konnten die Forscher diesen Effekt nicht erzielen. Das spricht dafür, dass das 40-Hertz-Frequenzband speziell für diese metakognitive Bewusstheit verantwortlich sein könnte. Allerdings handelt es sich bei den Träumen von Voss' Probanden möglicherweise nicht um Klarträume im engeren Sinne: Inwiefern sie ihre Traumwelt gezielt beeinflussen konnten, geht aus der Studie nicht hervor.

Bislang fehlt es an einer zuverlässigen Methode, um Klarträume gezielt herbeizuführen. Viele Forscher setzen auf eine Taktik namens "Wake Back to Bed", darunter auch Daniel Erlacher. Dabei werden die Probanden im Schlaflabor nach etwa der Hälfte der üblichen Schlafzeit aufgeweckt und dürfen sich nach einer Stunde im Wachzustand noch einmal drei bis vier Stunden Morgenschlaf hingeben. Je nachdem, wie streng die Kriterien für einen Klartraum waren, hätten immerhin 25 bis 50 Prozent seiner Probanden mit dieser Methode einen luziden Traum erlebt, so Erlacher.

Der Traum vom Klartraum aus dem Netz

Doch auch jenseits der Schlaflabore tüfteln viele an ihren luziden Träumen und tauschen sich im Netz über Tipps für das perfekte Klartraum-Erlebnis aus. Gerade unter Sportlern scheint die Klartraum-Methode besonders beliebt zu sein. "Vor allem in technisch-kompositorischen Sportarten wird das Klartraum-Training gerne eingesetzt – etwa von Turnern oder Kampfsportlern", sagt Erlacher. Viele würden es nutzen, um neue Tricks auszuprobieren oder alte Techniken unter Bedingungen zu üben, die im wahren Leben kaum möglich sind – etwa in Zeitlupe.

Dass die Wirksamkeit dieser experimentellen Trainingsmethoden keineswegs belegt ist, scheint die Sportler dabei kaum zu stören. Inzwischen ist sogar ein regelrechter Markt an Klartraum-Zubehör entstanden. Findige Köpfe haben zahlreiche Geräte entwickelt, die sie über das Internet als "Klartraum-Maschinen" vertreiben. Einige Geräte orientieren sich an einer Erfindung des Klartraum-Pioniers Stephen LaBerge aus den 1980er Jahren. Hierbei sendet das Gerät während des Schlafs schwache Lichtblitze, die dann als "Schlüsselreiz" für ein luzides Traumerlebnis dienen sollen. Es gibt mittlerweile mehrere Abwandlungen dieser Idee zu kaufen: in Form von Traummasken, Helmen, Kissen oder entsprechenden Smartphone-Apps. Andere Geräte arbeiten mit elektrischen Impulsen, etwa nach dem Vorbild von Ursula Voss' Studie.

Diese Elektrostimulatoren hält Daniel Erlacher geradezu für gefährlich – es sei nicht ausgeschlossen, dass sie einen epileptischen Anfall auslösen. Auch sonst hält er nur wenig von den elektronischen Gadgets: "Meist bauen sie auf der Idee auf, REM-Schlaf zu detektieren. Doch schon daran scheitern viele dieser Geräte, im Labor braucht es dafür eine Polysomnografie", sagt er mit Verweis auf die komplexen Apparaturen im Schlaflabor. Die Geräte nach LaBerges Vorbild hätten zudem häufig Probleme damit, die Lichtsignale exakt in der richtigen Intensität zu senden: "Es ist nicht einfach, einen Reiz in den Traum einzubringen. Ist er zu schwach, bekommt man ihn überhaupt nicht mit. Ist er hingegen zu stark, wacht man auf. Der Thalamus filtert da recht stark. Denn eigentlich soll das Hirn ja schlafen."