Satellitendaten bestätigen es: Vom Larsen-C-Schelfeis an der Antarktischen Halbinsel hat sich am 11. Juli ein riesiger Eisberg gelöst, dessen Fläche doppelt so groß wie die Luxemburgs beziehungsweise siebenmal so groß wie die von Berlin ist. Der neu entstandene Gigant gehört damit zu den drei größten Eisbergen, die bislang von Menschen rund um den Südpol registriert wurden. Der Abbruch hat sich über Monate hinweg abgezeichnet, nachdem sich ein seit Jahren bekannter Riss beschleunigt fortgesetzt und ausgeweitet hatte. Der Eisberg hat eine Fläche von 5000 bis 6000 Quadratkilometern; Larsen C verliert damit rund ein Zehntel seiner ursprünglichen Ausdehnung. Etwa 30 Meter des 190 Meter dicken Pakets ragen dabei über die Wasserfläche.

Zum Ende hin hatte sich der Riss wohl mehrfach aufgespalten, nachdem er zuvor als einfache Linie aufgetreten war. Deshalb driften neben dem Riesen mehrere kleinere Eisberge im Meer. Unklar ist noch, was der Abbruch für Larsen C bedeutet: Immerhin ist es das viertgrößte Eisschelf der Antarktis. Die weiter nördlich an der Antarktischen Halbinsel gelegenen Larsen A und Larsen B zerfielen 1995 beziehungsweise 2002 vollständig, nachdem größere Teile davon abgebrochen und in den Ozean gestürzt sind. Martin Siegert vom Imperial College London betonte gegenüber dem "Guardian" allerdings, dass dies bei Larsen C nicht zwangsläufig auch passieren müsse. "Schelfeis zerbricht, wenn es sich weiter auf das Meer hinaus ausdehnt. Ich bin nicht übermäßig besorgt, denn es handelt sich nicht um den ersten Mega-Eisberg, der sich jemals gebildet hat."

Schelfeis selbst trägt auch nach dem Abschmelzen praktisch nicht zum Meeresspiegelanstieg bei, das Schmelzwasser ersetzt nur das zuvor vom Eis verdrängte Volumen im Meer. Das Eis dient allerdings als Barriere für landeinwärts gelegene Gletscher, die nach einem Zerfall ungehindert in den Ozean fließen und tauen können – was dann zu Pegelzunahmen führt. Dieser Prozess war nach dem Ende der beiden anderen Larsen-Schelfeise zu beobachten. "Sollte Larsen C auf Dauer komplett kollabieren, dann werden wir einen entsprechenden Beitrag zum Meeresspiegelanstieg beobachten", sagt David Vaughan vom British Antarctic Survey (BAS). Bei Larsen B hat es vom Abbruch des ersten Giganten bis zum vollständigen Zerfall sieben Jahre gedauert; zudem wurde dieser Prozess durch zahlreiche Schmelzwassertümpel auf dem Eis beschleunigt. Auf Larsen C sind diese jedoch seltener und kleiner.

Der BAS erhofft sich von dem Ereignis neue Einblicke in die Dynamik der Antarktis. Es biete eine einzigartige Gelegenheit für biologische Studien, etwa dazu, wie schnell sich Lebensgemeinschaften in den neuen eisfreien Nischen am Meeresgrund vor der aktuellen Eiskante bilden und welche Arten sich dabei einfinden. Das weitere Schicksal des neuen Eisbergriesen ist noch ungewiss. Je nach Meeresströmungen könnte er weiter nach Norden treiben und dann langsam in wärmeren Gewässern schmelzen. Auch eine Kollision mit dem Festland oder einem anderen Schelfeis ist möglich – dann überdauert er Jahrzehnte.