Hans Brügelmann
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spektrumdirekt: Wie bewerten Sie die Bildungslage in Deutschland?

Hans Brügelmann: Es wird oft behauptet, dass die Leistung an den Schulen immer schlechter wird. Dafür haben wir keine empirischen Belege. Nach den wenigen Daten, die es gibt, scheint es, dass es die Fähigkeiten im Rechtschreiben und Rechnen etwas abgesunken sind. Gleichzeitig aber hat die Bildungsexpansion auch eine große Breite an neuen Fächern und neuen Inhalten gebracht. Auch bei PISA ist die Lage nicht so dramatisch, wie sie oft dargestellt wird: Die Sekundarstufe lag im Mittelfeld, der Grundschulbereich im oberen Viertel.

spektrumdirekt: Also sehen Sie Deutschland im internationalen Vergleich gut aufgestellt?

Brügelmann: Jedenfalls nicht so, dass man es dramatisieren müsste. Mich jedenfalls wundert die Korrelation zwischen angeblich nicht vorhandener Qualifikation und dem Erfolg des deutschen Wirtschaftssystems auf dem Weltmarkt. Weil es so viele Arbeitslose gibt, kann es sich die Wirtschaft leisten, höhere Forderungen zu stellen. Aber die Tatsache, dass es auch viele hoch qualifizierte Arbeitslose gibt, zeigt doch: Es ist nicht die Schule, die versagt.

spektrumdirekt: Beim Fernsehduell zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier kam das Thema Bildung kaum vor. Wie erklären Sie sich das?

Brügelmann: Das hat ganz viel mit Zuständigkeiten zu tun. Die Parteien verwenden zwar Stichworte wie die "Bildungsrepublik" in ihren Wahlprogrammen, können aber in Wahrheit außer Rhetorik nur wenig bieten, weil die Bildungspolitik aufgrund der Föderalismusreform im Wesentlichen Ländersache ist.
"Man muss sehr genau überlegen, ob ein Gremium wie die Bund-Länder-Kommission nicht wieder nötig ist"
Die Ministerien auf Bundesebene haben relativ wenig Möglichkeiten.

spektrumdirekt: Und wie bewerten Sie das föderalistische Prinzip?

Brügelmann: Der Föderalismus hat seine Stärken und Schwächen. Die Stärke ist sicher, dass es durch das Nebeneinander verschiedener Systeme leichter ist, Neuerungen zu entwickeln. Andererseits ist es aber auch schwierig, größere Programme in Gang zu setzen, weil sich eben alle Länder darauf verständigen müssen.

spektrumdirekt: Wie könnte man hier eingreifen?

Brügelmann: Es muss ein Gegengewicht geben. In den 1970er Jahren war hierfür die damalige Bund-Länder-Kommission zuständig. Dort konnte der Bund mit Fördermitteln Impulse setzen. Diese Möglichkeit gibt es nicht mehr. Die Föderalismusreform, in der die CDU-Länder eine Wegnahme von Bundeskompetenzen durchgesetzt haben, hat das Problem noch verschärft. Man muss sehr genau überlegen, ob ein Gremium wie die BLK nicht wieder nötig ist. Aber aus Einsicht in die Systemmängel wird es von Seiten der Bundesländer wohl kein Einlenken geben.

spektrumdirekt: Nun stehen die Schulen immer höheren Anforderungen gegenüber.
"Gewalterziehung. Oder Gender-Erziehung. Oder Friedenserziehung: Ein Bildungsprogramm jagt das nächste"
Ist es sinnvoll, die Bildungspolitik angesichts dieser Aufgaben weiterhin föderalistisch zu organisieren?

Brügelmann: Das hat weniger mit dem Föderalismus zu tun als mit der Tendenz, dass wir gesellschaftliche Probleme gerne auf die Schule abschieben. Sobald etwas Negatives passiert – ein Amoklauf etwa – führen wir Gewalterziehung ein. Oder Gender-Erziehung. Oder Friedenserziehung. Ein Bildungsprogramm jagt das andere. Die Schulen und Universitäten haben aber keine Chance, daraus etwas zu entwickeln, weil die Politiker wegen der kurzen Wahlzyklen darauf angewiesen sind, einen Erfolg zu präsentieren. Im sozialen Bereich sind Reformen aber nicht mit dem Umdrehen einer Schraube zu regeln.

spektrumdirekt: Was sollte sich hier ändern?

Brügelmann: Bildungspolitik sollte ruhiger und damit auch verlässlicher werden, so dass die Schulen auch langfristig planen können. Nehmen Sie das Beispiel Ganztagsschule: Plötzlich gibt es hierfür Geld. Man baut ganz schnell Küchen, organisiert eine Nachmittags-Betreuung. Aber es fehlt die Zeit für die Entwicklung von Konzepten, die Anspannung und Entspannung abwechseln und den Zeitdruck aus dem Vormittag heraus nehmen. Stattdessen haben wir einen dichten Vormittag und einen Nachmittag mit Freizeitangeboten, die zum Teil von Ein-Euro-Kräften bestritten werden. Wo bleibt da die Qualität?

spektrumdirekt: Glauben Sie, dass Kinder in der Schule zu stark unter Druck stehen?

Brügelmann: Wir haben G-8 bekommen, also das Gymnasium in acht Jahren, bei kaum reduziertem inhaltlichem Programm.
"Unser Schulsystem ist zu selektiv. Immer wieder stellen wir den Kindern die Frage: Passt du hier rein?"
Zudem wird darauf gedrängt, Kinder früher in die Schule zu schicken – ohne dass es zeitgleich eine Entspannung der Grundschulzeit gibt. Das empfinde ich als deutlichen Druck. Zumal auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt hoch riskant sind, und viele Eltern die Sorge haben, ohne Abitur könne ihr Kind seine Berufsausbildung und Existenz nicht sichern.

spektrumdirekt: Was läuft hier schief?

Brügelmann: Unser Schulsystem ist zu selektiv. Wir lassen Kinder Schulklassen wiederholen, überweisen sie in Förderschulen, teilen sie nach der vierten Klasse auf verschiedene Schulsysteme auf. Immer wieder stellen wir ihnen also die Frage: Passt du hier rein? Für die Kinder bedeutet das eine große Last, sich zu beweisen. Repräsentative Umfragen zeigen, dass viele Kinder unter diesem Leistungsdruck leiden. Das sind Kinder, die Bauchschmerzen haben, die morgens weinen, wenn sie zur Schule sollen, die sich diskriminiert fühlen. Wir haben ein Problem mit dem Respekt gegenüber der kindlichen Persönlichkeit.

spektrumdirekt: Welche anderen Konzepte würden Sie sich wünschen?

Brügelmann: Eine Verlängerung des gemeinsamen Lernens. Wir haben ja nun auch die Anforderungen der Behindertenkonvention, so genannte Behinderte in den Unterricht zu integrieren. Ich glaube aber nicht, dass man das mit einem einzigen Rezept schaffen kann, sondern dass jedes Bundesland auf dem aufbauen muss, was vorhanden ist. In Bundesländern, in denen der Schülerrückgang ein zentrales Problem ist, wird man beispielsweise eher Schulen zusammen legen als in Großstädten.

spektrumdirekt: Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf in der Bildungspolitik?

Brügelmann: Für uns ist in den letzten Jahren die Fachleistung zum dominanten Kriterium guter Schule geworden. Darüber ist immer mehr in den Hintergrund getreten, dass Schule auch ein Ort ist, an dem sich die Persönlichkeit entwickelt. Hier passieren entscheidende soziale Lernprozesse. In der Schule müssen Kinder zum ersten Mal lernen, mit ganz unterschiedlichen Menschen umzugehen. Hier wächst eine Demokratie zusammen. Darum haben wir uns viel zu wenig gekümmert in den vergangenen Jahren. Wir sollten die Schule wieder begreifen als einen Lernort, in dem es nicht nur um Fachleistung geht, sondern auch um Persönlichkeitsentwicklung und soziales Lernen.