Pferde können offenbar einen aggressiv dreinblickenden Menschen von einem freundlichen unterscheiden, wie Forscher um Karen McComb von der University of Sussex in Brighton jetzt herausfanden. Die Wissenschaftler haben dazu 28 Pferden lebensgroße Fotos von Menschen vorgehalten und ihre Reaktion beobachtet. Bislang kannte man eine solche Fähigkeit eher von Hunden.

McComb und Team besuchten Stallungen in Großbritannien und ließen 28 Pferde (21 Wallache und 7 Stuten), vom Halter am Halfter geführt, vor das jeweilige Foto treten. Pferde, denen ein aggressiver Mann gezeigt wurde, wandten dem Bild häufiger ihr linkes Auge zu. Das deuten die Wissenschaftler als Reaktion auf den Gesichtsausdruck: Mit der rechten Gehirnhälfte (die die Informationen vom linken Auge als erste erhält) verarbeiten die Tiere Emotionen. Indem sie dem Foto dieses Auge zukehrten, wollten sie vermutlich das bedrohliche Bild genauer inspizieren – ein ähnliches Verhalten habe man auch bei Hunden beobachtet, so die Forscher. Ein freundliches Gesicht hingegen studierten die Pferde mit beiden Augen gleich lang, vielleicht weil davon keine Bedrohung ausgeht, die genaueres Hinsehen nötig machen würde.

Zudem maßen die Wissenschaftler den Herzschlagrhythmus der Tiere. Auch er unterschied sich beim Betrachten des aggressiven Mannes von dem beim Betrachten des freundlichen: Hier verzeichneten die Wissenschaftler einen schnelleren Anstieg auf eine beschleunigte Schlagfrequenz, die dann allerdings unter beiden Bedingungen gleich hoch ausfiel.

Der Unterschied im Verhalten der Pferde ist also offenbar nicht sonderlich groß – allerdings mussten die Wissenschaftler auch relativ unnatürliche Versuchsbedingungen erzeugen, um die Reaktion auf die Körpersprache des Menschen auszuschließen. In aller Regel haben es Pferde jedoch mit echten Menschen samt Körper zu tun. Hier könnte die Reaktion eventuell deutlicher ausfallen.

Wieso die Tiere den Gesichtsausdruck des Menschen richtig deuten können, wissen die Forscher nicht. Möglich sei, dass sich dies die Tiere im Lauf ihres Lebens antrainieren. Vielleicht steckt dahinter jedoch auch eine angeborene Fähigkeit. Die Abbildung des "aggressiven Mannes" zeigte diesen mit deutlich gefletschten Zähnen, eine gewisse Ähnlichkeit zu Wölfen und anderen natürlichen Feinden des Pferdes ist dabei unverkennbar. Bekannt ist allerdings auch, dass Pferde untereinander ausgiebig mit Hilfe ihres Gesichtsausdrucks kommunizieren. Gesichtssignale sind also für sie relevant. Studien ergaben, dass ihnen dazu ein Repertoire von 17 verschiedenen "Bewegungseinheiten" zur Verfügung steht.