Es ist eine Geschichte von Verrat, Betrug, Verzweiflung, Detektivarbeit und Erfolg. Im Jahr 1884 hatte der britische Offizier James Davidson in indischen Teakwäldern einige Exemplare einer ungewöhnlichen Eule geschossen, die erst wenige Jahre zuvor von dem Naturhistoriker F. R. Blewitt entdeckt worden war: den Blewitt- oder Bändersteinkauz (Heteroglaux blewitti). Danach verschwand er für 113 Jahre von der Bildfläche. Und nachdem mehrere Suchexpeditionen erfolglos zurückgekehrt waren, galt der Vogel als ausgestorben.

Der akribischen Recherche von Pamela Rasmussen, Ben King und Robert Prys-Jones von der Smithsonian Institution in Washington ist es zu verdanken, dass der Kauz 1997 doch wieder auf der Bildfläche erschien: Alle Ornithologen hatten zuvor an den falschen Orten nach dem Tier geschaut, was sie den betrügerischen Machenschaften Richard Meinertzhagens zu verdanken hatten – einer schillernden Figur, die als Offizier und Geheimagent in Indien eingesetzt war und sich ebenfalls für die Vogelkunde interessierte (und gleichermaßen für die Läuse, die auf Vögeln hausen).

Dreifarben-Stummelfußkröte
© Jom Kohler/Conservation International
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Zu den gefährdetsten Amphibiengattungen zählen die Stummelfußkröten, zu der auch (Atelopus tricolor) gehört. Eine aggressive Pilzkrankheit und Klimaveränderungen bringen sie in ihrer Andenheimat in Bedrängnis.
Meinertzhagen hatte im Lauf der Zeit wohl tausende Vogelpräparate des Natural History Museum in London entwendet, umetikettiert und neu beschrieben, um sie als eigene Funde auszugeben – darunter auch ein Exemplar des Bändersteinkauzes, dem der ornithologische Hochstapler ein neues Herkunftsgebiet in Ostindien verpasste. Auf Grund dieses Vermerks reisten zahlreiche Forscher schlicht in die falsche Region, wo sie die Art natürlich nicht aufspüren konnten. Erst als sich Rasmussen und King den Wäldern auf der anderen Seit des Subkontinents zuwendeten und den Spuren eines noch älteren Museumsexemplars folgten, hatten sie Erfolg: 1997 beobachteten sie in einem Waldstück im Bundesstaat Maharashtra ein Exemplar der Eule: Der Bändersteinkauz war wieder da.

Hunderte Arten gelten als verschollen

Obwohl nicht alle Fälle so kompliziert sind und mit kriminalistischem Gespür aufgeklärt werden müssten, so gelten doch weltweit hunderte Vogel-, Säugetier-, Amphibien- oder Pflanzenarten als verschollen: Teils wurden sie erst in den letzten Jahren nicht mehr gesehen, teils vermissen Biologen ihren gesicherten Nachweis seit mehr als einem Jahrhundert. Darunter befinden sich mit dem Tasmanischen Tiger oder Beutelwolf (Thylacinus cynocephalus) oder dem südamerikanischen Türkisara (Anodorhynchus glaucus) ebenso illustre wie auffällige Arten, während viele Menschen wohl noch nie vom Omaniundu-Riedfrosch aus dem Kongo oder von Australiens Kleiner Häschenratte (Leporillus apicalis) gehört haben.

Sie wieder aufzuspüren, hat sich beispielsweise Robin Moore zur Aufgabe gemacht, der für die US-Organisation Conservation International die Fahndung nach vermissten Amphibienarten in 18 Ländern koordiniert: "Manche wurden einfach nie gesucht, andere an den falschen Orten. Viele der Lurche kennt man nur von ein, zwei Museumsexemplaren – nichts ist bekannt über ihr Verhalten oder ihren bevorzugten Lebensraum."

Makifrosch
© Piotr Naskrecki/Conservation International
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Etwa ein Drittel aller Amphibien gilt weltweit als vom Aussterben bedroht – und viele Arten wurden teils seit Jahrzehnten nicht mehr beobachtet. Dieser Makifrosch besitzt immerhin ein sehr großes Verbreitungsgebiet in Südamerika, das ihn einigermaßen schützt.
Etwas Abenteuerlust müssen die Forscher daher bisweilen an Tag legen – so wie bei der Wiederentdeckung von Chiropterotriton mosaueri, einem lungenlosen Salamander aus Mexiko, der 1941 letztmals beobachtet worden war: Sean Rovito von der Universidad Autónoma de México musste sich beispielsweise in eine große Höhle abseilen, um in deren Gewässersystem nach dem Salamander zu fahnden. Immerhin fand er nicht nur ein, sondern mehrere Exemplare im unterirdischen Feuchtgebiet, das von der lokalen Bevölkerung als wertvolles Trinkwasserreservoir genutzt wird. Der Mount-Nimba-Riedfrosch (Hyperolius nimbae) wiederum tauchte auf einer sumpfigen Weide in der Nähe eines Dorfes auf: Er war mehr als 40 Jahre vermisst.

Die glücklichen Ausnahmen?

"Das sind glückliche Einzelfälle  viele andere Arten, nach denen wir suchen, verschwanden wohl leider schon auf Nimmerwiedersehen", sagt Moore – etwa aus der Gattung der Stummelfuß- oder Harlekinkröten (Atelopus): Die farbenprächtigen Lurche leiden unter eingeschleppten Krankheiten und steigenden Temperaturen gleichermaßen. "Von den 120 Mitgliedern dieser Gattung weist nur eine Hand voll gesunde Bestände auf, viele andere sind dagegen verschwunden und gelten als vermisst."

Tasmanischer Tiger (Beutelwolf)
© John Gould, 1863 / public domain
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Das letzte bekannte Exemplar des Tasmanischen Tigers – auch Beutelwolf genannt – starb 1936 im Zoo von Hobart. Seitdem kommen immer wieder Gerüchte auf, dass Tiere in den Wäldern der australischen Insel gesichtet worden sind. Der endgültige Beleg für ihr Überleben fehlt aber bis heute.
Möglicherweise halten aber hier und da in Ecuador oder Kolumbien noch einige versprengte Populationen aus, welche die Wissenschaftler nun schnell finden wollen, um zu retten, was noch zu retten ist. "Falls die Tiere durch Lebensraumzerstörung bedroht werden, suchen wir nach Möglichkeiten, dort rasch Schutzgebiete einzurichten. Weltweit gelang uns dies schon einige Male", so Moore.

Gezielte Suchprogramme wie "Lost Frogs" von Conservation International existieren für Säugetiere oder Vögel nicht – dennoch dürfen sich die Biologen immer wieder freuen. Erst kürzlich hat eine Studie von Diana Fisher und Simon Blomberg von der University of Queensland in St. Lucia belegt, wie viele Säuger von den (vermeintlich) Toten wiederauferstanden sind: Von 187 Säugerarten, die in den letzten 500 Jahren ausgestorben sein sollen, tauchten 67 später wieder auf und haben bis heute überlebt – mit Ausnahme des Nacktbrustkängurus (Caloprymnus campestris), das 90 Jahre vermisst war, 1931 aufgespürt wurde, um 1935 wohl endgültig auszusterben, als Füchse seine letzte Zuflucht in der australischen Wüste eroberten. Vier weitere Arten gelten außerdem erneut als vermisst.

Dünnschnabelbrachvogel
© Chris Gommersall/RSPB Images
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Die letzte Sichtung eines Dünnschnabelbrachvogels fand 2005 in einer Saline in Montenegro statt – seitdem suchen Ornithologen verzweifelt nach der Art. Sie fiel der übermäßigen Jagd und der Trockenlegung von Feuchtgebieten zum Opfer. Es besteht allerdings Hoffnung, dass doch ein paar Tiere vielleicht irgendwo überleben.
Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Spezies noch existiert, sei zudem umso höher, je niedriger zuvor ihre Bestandsdichte war und wenn sie ein großes Verbreitungsgebiet besessen hatte, so die beiden Zoologen. Und: "Es ist praktisch aussichtslos, dass eine Art überlebt haben könnte, wenn Menschen schon 20-mal und öfter nach ihr gesucht haben", erklärt Fisher. Der Tasmanische Tiger dürfte also tatsächlich verloren sein, während gute Chancen für die Kleine Häschenratte bestehen – es schickt einfach niemand eine Expedition nach ihr aus.

Mit Wissenschaft und Kirche

Dass man zumindest bei Vögeln die Hoffnung nie aufgeben dürfe, meint hingegen Paul Donald von der britischen Royal Society for the Protection of Birds (RSPB): "Natürlich erwartet niemand, dass der Dodo oder der Riesenalk plötzlich wieder auftauchen – sie sind tatsächlich für immer ausgestorben. Aber beim Elfenbeinspecht gibt es berechtigte Aussichten auf positive Nachrichten." Selbst in Regionen, die von zahlreichen Wissenschaftlern und Naturliebhabern besucht werden, können sich Arten erfolgreich verstecken. "Im Danum-Tal auf Borneo bemerkten Ornithologen letztes Jahr eine außergewöhnliche neue Vogelart – in einem Gebiet, das zu den am besten untersuchten ganz Südostasiens gehört", erzählt der Ornithologe: "Wir sollten es deshalb nicht unterschätzen, dass sehr kleine Bestände von Vogelarten vom Radar der Ornithologen verschwinden können – ohne dass die Art deswegen schon ausgestorben ist."

Salomonensturmvogel
© Hadoram Shirihai/Birdlife International
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Fast 80 Jahre lang blieb der Salomonensturmvogel (Pseudobulweria becki) verschollen, bis er einigen Vogelbeobachtern während eines Bootstrips im Meer vor Australien vor die Ferngläser flog. Unbekannt ist bislang noch das Brutgebiet der Art.
Birdlife International, ein Dachverband von Naturschutzorganisationen, hat sich daher ein ambitioniertes Ziel gesetzt, an dessen Verwirklichung auch Paul Donald mitarbeitet: "Das 'Preventing Extinction Program' soll die am stärksten vom Aussterben bedrohten Vögel retten – und darunter sind viele, die schon lange nicht mehr gesehen worden sind wie der Elfenbeinspecht oder der Dünnschnabelbrachvogel." Denn erst wenn man weiß, dass diese Arten noch existieren und was sie bedroht, kann man geeignete Schutzmaßnahmen ergreifen.

Der Gelbohrpapagei (Ognorhynchus icterotis) aus Kolumbien beispielsweise galt ebenfalls einige Jahre als verschollen, bis Vogelforscher in den Anden einen letzten Schwarm aufspürten. Rasch bemerkten sie, dass es den Tieren an Nistmöglichkeiten mangelte: Die Palmen, in denen sie brüteten, wurden gefällt, weil die Wedel ein beliebter Palmsonntagsschmuck bei Kirchenprozessionen waren. Eine Aufklärungskampagne mit Unterstützung der Kirche hatte Erfolg: Heute benutzen die Gläubigen andere Wedel, und Nistkästen bieten der wachsenden Zahl an Papageien eine Alternative. Nachdem ihr Bestand nun mehr als tausend Tiere beträgt, wurde die Art in der Roten Liste in eine weniger kritische Kategorie herabgestuft.