Die Opferung von Menschen war vermutlich zentraler Bestandteil der politischen Selbstdarstellung im China der Bronzezeit. Insbesondere am Ende der Shang-Dynastie im 12. und 11. vorchristlichen Jahrhundert festigte die Oberschicht damit ihre Macht: Schätzungen zufolge wurden in den 200 Jahren über 13 000 Menschen ermordet. Ihre Gräber finden sich heute in den königlichen Friedhöfen, die seit den 1930er Jahren ausgegraben werden.

Stammten diese Menschen aus den Reihen der Ortsansässigen, oder waren sie Fremde? Wurden sie – als Geschenke an die Götter – mit Bevorzugung behandelt? Oder fristeten sie bis zu ihrem Ende ein Dasein als Sklaven? Diesen Fragen sind nun Wissenschaftler mit Hilfe von Isotopenanalysen nachgegangen.

Das Team um Christina Cheung von der kanadischen Simon Fraser University bestimmte dazu in Proben aus Oberschenkeln und Rippenknochen das Verhältnis verschiedener Isotope. Die Elementzusammensetzung verrät, woher ein Mensch stammt und wie er sich ernährte – und zwar in seiner Jugendzeit (laut Oberschenkelprobe) und in den letzten Jahren vor dem Tod (laut Rippenprobe). Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler im "Journal of Anthropological Archaeology".

Tatsächlich unterscheidet sich das Isotopenverhältnis in den langen Schenkelknochen merklich von dem der Einheimischen. Offenbar stammten die späteren Opfer aus entfernteren Regionen. Das Verhältnis in den Rippen hingegen ähnelt dem der Bewohner Yinxus. Demnach hatten die Getöteten über längere Zeit in Yinxu gelebt. Auch ihre Ernährung glich sich im Lauf ihres Lebens der ortsüblichen an – mit einem Unterschied: Denn während selbst die Ärmsten in Yinxu noch einen gewissen Anteil tierischen Proteins zu sich nahmen, scheinen die 68 untersuchten Menschenopfer praktisch ausschließlich von Hirse gelebt zu haben.

Das alles deutet nach Meinung von Cheung und Kollegen darauf hin, dass es sich bei den Geopferten um Kriegsgefangene handelte, die über Jahre in Yinxu interniert wurden – für Gelegenheiten, bei denen Bedarf an Menschenopfern bestand. Diese Deutung stützt sich auch auf die zeitgenössischen Schilderungen, die mit den frühesten chinesischen Schriftzeichen auf Orakelknochen festgehalten wurden. Adlige und Vasallen baten den König um die Erlaubnis für Menschenopfer, die dieser gewährte, wenn ein Orakel günstige Bedingungen versprach. Mal wurden 30 Menschen für die eine Gottheit, mal zehn für eine andere geopfert. Starb der König, brachte man sogar mehrere hundert Menschen um. Neben diesen geköpften, verstümmelten und ohne Beigaben bestatteten Opfern folgten dem Herrscher auch noch Vertraute oder Familienmitglieder ins Grab, die wesentlich aufwändiger bestattet wurden.

Unklar ist, ob die Menschenopfer in spe auch zur Arbeit gezwungen wurden. Vermutlich ja, meinen Cheung und Kollegen, denn es sei unökonomisch, eine große Zahl junger Männer in Gefangenschaft zu halten und zu ernähren, ohne sie Arbeiten verrichten zu lassen. Eventuell wertete eine Bevorzugung gegenüber Sklaven aber auch den Status des Opfers und desjenigen, der es zur Verfügung stellte, auf.

Die Kriegsgefangenen scheinen zudem ein und derselben Bevölkerungsgruppe angehört zu haben. Das deckt sich ebenfalls mit den Schilderungen auf den Orakelknochen. Dort werden viele Menschenopfer als Qiang bezeichnet; es dürfte sich allgemein um mit den Shang verfeindete Gruppen im Westen gehandelt haben, möglicherweise auch um eine bestimmte Ethnie.

Die Shang-Dynastie war keineswegs die einzige Kultur, die Menschen opferte. Entsprechende Praktiken finden sich weltweit zu unterschiedlichen Zeiten. Die Shang-Dynastie war das erste richtige Staatengebilde im heutigen China. Mit der exzessiven Menschenopferung beabsichtigten die Shang-Könige womöglich, ihre Macht zu festigen und das neue hierarchische Gesellschaftsmodell aufrechtzuerhalten.