Seit 2016 diskutieren Astronomen verstärkt, dass sich jenseits von Pluto ein weiterer Planet in unserem Sonnensystem befinden könnte: je nach Zählung Planet Neun oder Planet X genannt. Direkte Hinweise darauf gibt es bislang allerdings nicht, weshalb sich Wissenschaftler auf indirekte Nachweismethoden wie die Bahndaten von Objekten im Kuipergürtel konzentrieren müssen. In diesem gigantischen Ring aus Eis und Staub kreisen auch größere Brocken um unsere Sonne, doch ist deren Anziehungskraft dort bereits so schwach, dass die Bahnen dieser Himmelskörper stark von den sonst im Sonnensystem üblichen abweichen können. Aus den Daten mancher dieser Objekte schließen Kathryn Volk und Renu Malhotra von der University of Arizona, dass es da draußen neben dem mysteriösen Planeten X tatsächlich noch so etwas wie einen marsgroßen Planeten geben müsste. Dessen Gravitation würde die Kuiperbrocken entsprechend beeinflussen und auf alternative Routen um die Sonne zerren, so ihr Ergebnis, das in "Astronomical Journal" veröffentlicht werden soll.

Mit der Studie von Bahndaten haben bereits Mike Brown vom California Institute of Technology in Pasadena und sein Team die Existenz von Planet X prognostiziert. Laut den Berechnungen müsste er ungefähr die zehnfache Masse der Erde aufweisen und im Abstand von 700 Astronomischen Einheiten (AE) die Sonne umkreisen. Eine Astronomische Einheit entspricht dem mittleren Abstand zwischen Erde und Sonne. Volk und Malhotra gehen dagegen nicht ganz so weit an den Rand des Sonnensystems: Sie betrachteten die Region jenseits von 50 AE. Auch dort weiche der Winkel zwischen der Bahnebene der untersuchten Himmelskörper und einer Referenzebene von den Vorhersagen um durchschnittlich acht Grad ab. Diese Inklination entspreche nicht dem, was man erwartet, wenn man nur die bekannten Planeten unseres Sonnensystems ins Kalkül ziehe, so Volk gegenüber dem "New Scientist". Die logische Konsequenz: Ein weiterer Planet müsse sich dort verstecken, so die Forscherin.

Um die beobachtete Abweichung zu erklären, muss der Himmelskörper ungefähr die Masse des Mars haben. Er wäre also kleiner als Planet X. Falls dies zutrifft, stammt er wahrscheinlich aus Regionen weiter innerhalb unseres Sonnensystems und wurde dann durch gravitative Einflüsse vor allem der vorhandenen Gasriesen nach außen gestoßen. Verschiedene astrophysikalische Modellierungen des Sonnensystems legen ohnehin nahe, dass in dessen Frühzeit einige Planeten "verstoßen" wurden – beispielsweise durch die Wanderung von Neptun bis zu dessen heutiger Position.

Wie immer bei derart steilen Thesen stoßen sie bei vielen Fachkollegen nicht auf ungeteilte Zustimmung. "Ich bezweifle, dass ein derart naher und wahrscheinlich heller Planet so lange unbemerkt geblieben wäre", kritisiert etwa Alessandro Morbidelli vom Observatoire de la Cote d'Azur ebenfalls im "New Scientist". Seiner Meinung nach ließe sich zumindest ein Teil der abweichenden Bahnparameter mit dem Einfluss von Planet Neun erklären – dessen Existenz ja ebenfalls noch unklar ist. Weitere Hinweise versprechen sich die Astronomen von den Ergebnissen des Outer Solar System Origins Survey, das Tausende von Objekten im Kuipergürtel beobachten und nachverfolgen soll.