Die einen bauen im Unterricht einen akrobatischen Roboter, die anderen tüftelt an einem alten Porsche-Traktor oder werden für eine Woche zu Förstern: In den vergangenen Jahren schossen in zahlreichen Bundesländer Initiativen aus dem Boden, die Schule und Berufswelt enger miteinander verzahnen sollten. Das Ziel: Mehr fürs Leben lernen anstatt nur für Klassenarbeiten.

Denn: In Deutschland gilt etwa jeder fünfte Schulabgänger als nicht ausbildungsreif. Diese Jugendlichen können am Ende ihrer Schullaufbahn nicht ausreichend lesen, schreiben oder rechnen, haben Probleme, Zusammenhänge zu verstehen und Aufgaben selbstständig zu bearbeiten. Aber auch Schüler mit guten Abschlusszeugnissen lassen den Ausbildungsbetrieben zufolge zu wünschen übrig. Die Schule habe sie zu wenig auf das reale Leben vorbereitet, lautet er Vorwurf.

"Firmen berichten uns zunehmend, dass Lehrlinge ihr Schulwissen nicht anwenden können", sagt Berit Heintz, Leiterin des Referats Schulpolitik des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Auch an so genannten Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit oder Kreativität mangele es den Schulabgängern, heißt es von den Ausbildungsleitern. Schulen müssten dem entgegensteuern, fordern Bildungsexperten und Interessenverbände wie der DIHK. "Lehrer sollten nicht nur im Unterricht Gesetzmäßigkeiten und Regeln der Naturwissenschaften und Mathematik vermitteln, sondern auch mit den Jugendlichen aus dem Klassenraum herausgehen und schauen, wo diese Lehrsätze im echten Leben Anwendung finden", sagt Heintz.

"Zu wenig Praxis" lautete ihre Diagnose für das deutsche Schulsystem. Projekte wie das "Praxislernen", das inzwischen in manchen Bundesländern Einzug in den Lehrplan erhält, sollen die Symptome lindern. Doch ist es mit Betriebserkundungen, Schülerpraktika und Projektarbeiten in den Schulen bereits getan? Wie viel Anwendung und Alltagsnähe braucht Schulunterricht, um auf das Leben vorzubereiten? Und können Schüler in der Praxis überhaupt genauso viel Wissen sammeln, wie an ihrem Sitzplatz im Klassenzimmer? Experten sind sich uneins.

Schule und Alltag verbinden

"Allein im Kopf entsteht nicht automatisch alltagstaugliches Wissen", heißt es etwa in einer Broschüre von 2006 zum Praxislernen in Brandenburg. Zum Unterricht gehöre es, dass Lernen mit dem praktischen Leben verbunden oder wenigstens lebensnah und anwendungsbereit gestaltet wird. Die Initiatoren des Brandenburgischen Praxislernens stützen sich dabei auf verschiedene pädagogische und psychologische Theorien, nach denen Menschen vor allem lernen, in dem sie etwas tun, nach denen Denken und Tun immer eine Einheit bilden.

Wie und wofür ein Kind sein Gehirn nutze, sei entscheidend dafür, welche Verschaltungen zwischen den Milliarden von Nervenzellen besonders gut und welche unzureichend entwickelt würden, erklärt der Pädagoge und Professor Herbert Beck. "Um diese Verschaltungen ausbilden zu können, müssen Kinder möglichst viele und möglichst unterschiedliche eigene Erfahrungen machen", schreibt er in einem Aufsatz über Neurodidaktik. Das Wort "eigene" hebt er dabei fett hervor.

Auf dieser theoretischen Basis fußt auch das Praxislernen, das hauptsächlich an den Sekundar- oder Oberschulen eingeführt wurde, also dort, wo die Fachkräfte von morgen zur Schule gehen. In der 9. und 10. Klasse haben die Schüler beispielsweise für mehrere Wochen jeweils an drei Tagen regulär Schulunterricht und arbeiteten die übrige Zeit in einem selbstgewählten Betrieb mit. Nicht selten ist das für Schüler auch ein Sprungbrett in den Beruf, denn einige sichern sich während dieser Praxislerntage bereits einen Ausbildungsplatz.

Ab in den Garten
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Schon die Arbeit im Schulgarten kann eine gute praktische Ergänzung zum trockenen Theorieunterricht sein. Hier kommen die Schüler gleich mit mehreren Berufen in Berührung, sagen Experten: Landschaftsgestalter, Biologe und Landwirt zum Beispiel.

Ganztätige Exkursionen in Betriebe, Mitarbeit in Schülerlaboren oder der Aufbau einer eigenen Schülerfirma gehören ebenfalls zum Praxislernen. Auch Projekte innerhalb der Schule bieten Gelegenheit, Wissen und Können zu verknüpfen: "Schon die Arbeit im Schulgarten kann eine sinnvolle praktische Übung sein. Darin verstecken sich gleich mehrere Berufe: Landschaftsgestalter, Biologe, Landwirt zum Beispiel", sagt Berit Heintz von dem DIHK. Doch was ist mit dem regulären Unterricht? Sollte der nicht auch näher am realen Leben ausgerichtet sein, um die Kinder auf die Realität außerhalb des Klassenzimmers vorzubereiten?

"Auch wenn immer wieder mehr Praxisorientierung im Unterricht gefordert wird, nötig ist das nicht", sagt Eckhard Klieme, Direktor am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung. Er verweist auf die Ergebnisse der PISA-Studie von 2006, an der er mitgearbeitet hat. Seine Forscherkollegen fanden darin drei typische Unterrichtsmuster in den naturwissenschaftlichen Fächern.

In Deutschland besonders häufig: Wenige praktische Tätigkeiten wie Experimentieren und eigene Experimente entwickeln, dafür viel Denken – also Schlussfolgerungen ziehen aus Experimenten des Lehrers, Ideen generieren und Erkenntnisse auf den Alltag übertragen. Doch das ist nicht schlecht. Denn Länder mit diesem Unterrichtsmuster schnitten in der PISA-Studie bei den Naturwissenschafttests deutlich besser ab, so auch Deutschland. Jene Staaten, in denen genauso viel praktisch gearbeitet wie nachgedacht wird, stellten sich hingegen als am schwächsten heraus. "Praxis im Unterricht ist für die Schüler schön, aber die Forschung sagt ganz klar: Achtung! Es bringt nichts, viel zu experimentieren und anzuwenden, denn vor allem durch Reflektieren und Diskutieren verstehen Schüler Inhalte", sagt Klieme.

Praxis und Theorie sind nicht per se gut oder schlecht

"Kognitive Aktivierung" heißt das Zauberwort. Dahinter steckt, dass die Kinder Informationen durcharbeiten, indem sie sie strukturiert aufmalen, Fragen dazu stellen, Inhalte zusammenfassen oder einander Sachverhalte erklären. "Je intensiver sich Schüler mit einem Thema beschäftigen und es vertiefen, umso mehr bleibt schließlich hängen und umso besser verstehen sie es", erklärt die Psychologin Katrin Hille, die am TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm forscht. Praxisbezug und Theorie seien nicht per se gut oder schlecht. Die Umsetzung sei entscheidend. Auch in einem Praktikum könne ein Schüler wenig lernen, wenn er sich nicht mit seinem Tun auseinandersetzt. Gleichzeitig könne theorielastiger Unterricht nachhaltig sein, wenn er gut gemacht ist.

Es sei auch egal, ob die Aufgabe lautet "Wie schnell kühlt eine Tasse Tee in einer Schneehütte ab?" oder "Wie viel Taschengeld sparst du im Sommerschlussverkauf bei 30 Prozent Rabatt?", meint die Psychologin: "Nur weil eine Aufgabenstellung lebensnah klingt, heißt das nicht, dass die Schüler auch beim Lösen etwas für ihr Leben gelernt haben."

Praxis-Projekte retten vielleicht nicht die PISA-Ergebnisse – dafür aber Lebensläufe

Eine Erkenntnis, welche die Lernforscherin unter anderem aus der umfassenden Forschungsarbeit von John Hattie ableitet, Professor an der Melbourne Graduate School of Education in Australien. Darin hat der Pädagoge mehr als 800 Übersichtsarbeiten mit insgesamt 50 000 einzelnen Studien zusammengefasst. Besonders erfolgreiche Unterrichtsmethoden sind demnach: Metakognitive Strategien, also das Wissen über eigene Lernwege und –abläufe, und reziprokes Lernen, das einen umfassenden Dialog zwischen Schülern und Lehrern meint, in dem auch der Schüler Fragen stellen darf. Ebenfalls Erfolg versprechend: Problemlösen, bei dem die Schüler Vorwissen anwenden, um etwa eine herausfordernde Mathematikaufgabe zu knacken. Alle diese Strategien aktivieren schließlich das vertiefende Denken der Kinder und Jugendlichen, so das Urteil der Forscher.

Einige Verfahren, die praktische Elemente betonen und den Schülern Raum fürs Ausprobieren geben, schneiden dagegen Hatties Übersichtsarbeit zufolge weniger gut ab. Aktivitäten außerhalb des Lehr- und Stundenplans wie AGs, Pfadfinderlager oder auch ehrenamtliche Tätigkeiten haben demnach kaum einen Einfluss auf die schulischen Errungenschaften der Kinder und Jugendlichen. Aber auch Unterrichtsmethoden wie das "forschende Lernen" zeigen nur durchschnittliche Effekte. Experimentieren wie in den Fächern Chemie, Physik oder Biologie fördert demnach zwar, dass die Schüler wissen, wie sie eine wissenschaftliche Untersuchung durchzuführen haben, ihr Verständnis für das, was sie da erforschen, verbessert es aber nicht.

Auch kann es Hatties Analyse zufolge mitunter sogar schaden, wenn Schülern neues Wissen erwerben, indem sie eine Knobelaufgabe erhalten, zu deren Lösung ihnen das Vorwissen fehlt. So blieben nämlich nur wenige oder sogar auch falsche Informationen bei den Schülern hängen.

Dennoch haben die praxisbetonten Unterrichtsformen auch klare Vorteile. Sie fördern zwar nicht unbedingt den konkreten Wissenserwerb, dafür aber andere wichtige Eigenschaften. "Seit ich an dem Projekt teilgenommen habe, strenge ich mich in der Schule mehr an", sagten immerhin knapp 40 Prozent aller Schüler, die in Brandenburg am Praxislernen teilgenommen hatten. Einer Projekt-Evaluation durch die Universität Erfurt zufolge schätzten sie anschließend auch ihre Teamfähigkeit und Selbstständigkeit höher ein.

Auch Schüler, die keine Lust mehr auf Schule hatten, wenig Einsatz im Unterricht zeigten oder sogar nur noch unregelmäßig daran teilnahmen, konnten durch schulbegleitende Praktika dazu motiviert werden, ihren Schulabschluss wieder in Angriff zu nehmen und mehr dafür zu leisten. "Die Folge sind hohe Abschlussquoten von Schülerinnen und Schülern, denen weit gehend ein Scheitern ihrer Schulkarriere prognostiziert wurde", berichtet eine Lehrerin in der Broschüre "Duales Lernen" der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Die Schüler haben ihre Noten verbessert und hatten wieder Spaß am Lernen, ziehen auch die Brandenburger Initiatoren als Fazit. Die PISA-Ergebnisse lassen sich mit solchen Praxisprojekten vielleicht nicht retten – dafür aber Lebensläufe.