"Unterlassene Hilfeleistung" nennen es die einen. Andere sagen: "Wer diese Methode erfunden hat, der muss Kinder gut kennen und sie gerne haben." Das Unterrichtskonzept "Lesen durch Schreiben" und seine Ableger entzweien Eltern, Lehrer und Wissenschaftler deutschlandweit. Bereits seit Jahren werfen sich Sprachwissenschaftler und Pädagogen gegenseitig Studien und Theorien um die Ohren – für und gegen die Methode, mit der heute viele Kinder zum Schulbeginn ans Lesen und Schreiben herangeführt werden. Doch je nach Untersuchung, Studienleiter und Interpretation variieren die Befunde. Die Gemüter sind erhitzt, und die zentrale Frage bleibt bis heute offen: Wie sollten Kinder denn nun am besten Lesen und Schreiben lernen?

Seit dem frühen 19. Jahrhundert wechselten deutsche Schulen mehr als ein halbes Dutzend Mal die Methode, mit der Erstklässler die Schriftsprache lernen. In den 1970er Jahren drängten zunehmend reformpädagogische Ansätze auf den Markt. Kinder sollten mehr Freiräume beim Schreiben- und Lesenlernen erhalten und eigene Wege zum geschriebenen Wort finden.

Die Methode "Lesen durch Schreiben" nach Jürgen Reichen war damals wie heute umstritten – aber durchsetzungsstark. Seine Idee: Kinder lernen Schriftsprache genauso wie das Sprechen, durch Ausprobieren und ganz selbstständig. Sie sollten Wörter daher zunächst einfach schreiben, wie sie diese aussprechen. Dafür zerlegen sie diese in ihre Laute. Eine Tabelle zeigt ihnen, welchem Laut welcher Buchstabe oder welche Buchstabenkombination zugeordnet wird, wie etwa das "S" am Anfang des Wortes Sonne und das "B" bei Ball. Die Kinder beginnen nach einigen Wochen draufloszuschreiben, während die Lehrer angehalten werden, Fehler nicht zu korrigieren, sondern die Kinder allein für ihren Schreibfleiß und die Kreativität in Texten zu loben.

Inzwischen wird die Methode nach Angaben des Grundschulverbands als alleinstehendes Verfahren kaum noch angewendet, sondern meist in weitere Rechtschreib- und Leseübungen eingebettet. Geblieben ist jedoch der Ansatz des "freien Schreibens" – zu Schulbeginn dürfen die Kinder Wörter so schreiben, wie sie sie sprechen, ohne dass Lehrer auf die korrekte Rechtschreibung pochen.

Früher schreiben

"Das ist eine sehr aktive Form, das System unserer Schriftsprache kennen zu lernen", sagt Hans Brügelmann, bis 2012 Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Siegen. Er engagiert sich im Grundschulverband und ist Vertreter des Spracherfahrungsansatzes, der ebenfalls das freie Schreiben am Anfang in den Schreibunterricht integriert. Die Kinder könnten sich damit innerhalb kürzester Zeit über alles schriftlich äußern, was sie bewegt, und beliebig Texte erlesen. "Das motiviert sie, mehr zu schreiben, und zeigt ihnen, wie gut und wichtig es ist, das zu können", sagt Brügelmann. Vor allem für Kinder aus bildungsfernen Haushalten sei das eine Chance. "Selbst wenn sie zu Hause wenig Kontakt mit Sprache und Schrift haben, können sie dann in der Schule herausfinden, dass Schreiben etwas bewirkt und dass sie es auch können", sagt Brügelmann.

Die Möglichkeiten des freien Schreibens scheinen enorm: Eine Lehrerin, die in den 1990er Jahren streng nach dem Reichen-Konzept arbeitete, berichtete von Tiergeschichten und Märchen, die die Schüler schon in der ersten Klasse zu Papier brachten und sich gegenseitig im Unterricht vorlasen. Sie gestalteten und schrieben sogar Bücher zu Weihnachten und Ostern, aber auch zu Sachthemen aus der Natur. Die Kinder verfassten zudem fast täglich Briefe an sie und gaben darin Rückmeldung zum Unterricht.

"Das Konzept führt die Kinder in eine Sackgasse, aus der einige nur schwer herauskommen" (Christa Röber)

"Was das Schreiben mit Anlauttabelle allerdings nicht kann, ist, die Orthografie zu vermitteln", sagt Brügelmann. Und das ist die große dunkle Wolke, die über den reformpädagogischen Ansätzen schwebt. "So wie Herr Reichen sich das vorgestellt hat, funktioniert es leider nicht. Schreiben wird nicht wie das Sprechen erlernt", sagt Agi Schründer-Lenzen, Professorin für Allgemeine Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Potsdam. Während Menschen eine genetische Veranlagung dafür haben, Sprachen zu lernen, sei ihnen die Schriftsprache mitnichten in die Wiege gelegt worden. Eine korrekte Rechtschreibung stelle sich daher auch nicht von allein ein, sondern müsse geübt werden. Kinder seien nie wieder so hoch motiviert wie zu Beginn der Schulzeit. Das müsse man nutzen. "Sie wollen lernen, wie Erwachsene zu schreiben, wollen richtig lesen können. Diese Lernchance sollten wir nicht durch eine Methode der maximalen Schonung verschenken, sondern durch wissenschaftlich basierte Lehrmethoden systematisch und strukturiert unterstützen", sagt Schründer-Lenzen. Gerade für Kinder mit Migrationshintergrund oder für jene mit einer Lernbeeinträchtigung sei eine gezielte Förderung der Schriftsprache unabdingbar.

Viele Kritiker des freien Schreibens und des Reichen-Konzepts befürchten, die Schüler würden sich durch das anfänglich Ausprobieren und unkorrigierte Falschschreiben von Wörtern diese auch fehlerhaft einprägen. Ganz falsch liegen sie damit einigen Experten zufolge nicht. "Greta verschriftet 'Schue wie tue'. Die Lehrerin sagt: 'Schön!' Das Kind hat ein Erfolgserlebnis. 'Schue' wird sich bei Greta nun nicht etwa als Wortbild abspeichern. Abspeichern wird sich bei Greta jedoch der Konstruktionsprozess", erklärt der Fachautor Günter Jansen in einem von 23 Elternbriefen, in denen er sich mit "Lesen durch Schreiben" und darauf aufbauenden Methoden auseinandersetzt. Das Mädchen werde nun auch ähnliche Wörter wie "Ruhe" nach diesem Prinzip konstruieren – und somit die falsche Regel festigen.

Leidet die Rechtschreibung?

Brügelmann widerspricht: "Die Kinder konstruieren anfangs ständig die Wörter völlig neu." Wie beim Sprechenlernen brauchen sie dann eine Rückmeldung. Um die Rechtschreibung zu lehren, braucht es daher weitere Methoden. "Das lautorientierte Schreiben schafft nur die Basis. Es soll Kindern erst einmal Schrift nahebringen und ihnen zeigen, wie Laute und Buchstaben zusammenhängen", sagt Brügelmann. Lehrer müssten dann weitere Arbeitsformen und Aufgaben in ihrem Repertoire haben, um flexibel auf unterschiedliche Kinder reagieren zu können. Persönliche Übungskarten mit korrekt geschriebenen Wörtern, die die Kinder häufig verwenden, wären eine Möglichkeit. Lehrer könnten zudem anfangs unter die Kindertexte immer eine "Übersetzung" in korrekter Schreibung für die Kinder ergänzen. Später müssten dann Faustregeln für die Rechtschreibung in der Klasse diskutiert und erarbeitet werden.

"Das Konzept führt die Kinder in eine Sackgasse, aus der einige nur schwer herauskommen", kritisiert Christa Röber. Sie ist die ehemalige Leiterin der Lehramtsinitiative der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft und Professorin an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Den Kindern werde mit den Anlauttabellen unter anderem suggeriert, Wörter wären nur aus diesen Lauten zusammengesetzt. Fakt ist aber: Forscher zählen in der deutschen Sprache bis zu 4000 Laute. In den Anlauttabellen finden sich lediglich ein paar Dutzend.
Aller Anfang ist schwer
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Über den besten Weg, Kinder an das Schreiben heranzuführen, sind sich auch Pädagogen nicht einig.

"Ich bekomme ständig Nachrichten von Müttern, die beklagen, dass die Kinder immer zur Nachhilfe müssten und die Eltern jedes Wochenende mit ihren Kindern zu Hause sitzen und pauken, um die Fehler aus der Schule auszugleichen", sagt Röber. Kinder aus Familien, die diese Kapazität oder Ressourcen nicht haben, um ausreichend gegenzusteuern, wären benachteiligt.

Umstände, die sich Kritikern zufolge auch in der allgemeinen Rechtschreibleistung der deutschen Schüler niederschlagen. Großes Aufsehen erregte unter anderem die Untersuchung von Wolfgang Steinig, Professor für Germanistik an der Universität Siegen. Er verglich die Schreibfähigkeiten von Viertklässlern aus dem Jahr 1972 mit denen von 2002 und 2012. Mehrere hundert Aufsätze untersuchte er auf Textgestaltung, Länge, Wortschatz, Rechtschreibung und Grammatik. Den oft propagierten Sprachverfall konnte er nicht erkennen. Die Kinder berichten demnach heutzutage nicht mehr nur von Ereignissen, sie kommentierten häufiger und griffen dabei auf deutlich mehr Wörter zurück als noch in den 1970er Jahren. Die Rechtschreibung hatte sich hingegen stark verschlechtert. Auf 100 Wörter kamen bei den Schülern vor 40 Jahren knapp sieben Rechtschreibfehler. Im Jahr 2002 waren es schon zwölf und zehn Jahre später rund 17 Fehler.

Brügelmann hält die Untersuchung nicht für repräsentativ. Die Aufsätze stammten alle von Kindern aus einer Region, und die wenigen Klassen seien nicht per Zufall ausgewählt worden. Er selbst hat eine Übersicht von Studien zwischen 1949 und 2012 angelegt. Die 17 Untersuchungen zur Rechtschreibung von Schülern in unterschiedlichen Klassenstufen zeigen in der Tat kein einheitliches Bild. Da gibt es Erhebungen, die einen Verfall nahelegen, andere bescheinigen konstante Leistungen der Schüler, wieder andere proklamieren Verbesserungen.

Ein weiteres Gegenbeispiel, das Brügelmann anführt: Die deutschlandweite leo.-Studie zur Lese- und Schreibfähigkeit von Erwachsenen, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde und 2012 erschienen ist. Darin werden auch verschiedene Altersgruppen verglichen, also Erwachsene, die in unterschiedlichen Jahrzehnten das Lesen und Schreiben gelernt haben, folglich auch mit ungleichen Methoden. Die Zahl der Analphabeten ist demnach bei den jungen Erwachsenen bis Ende 20 sogar etwas niedriger als bei den 50- bis 64-Jährigen. Fehlerhaftes Schreiben ist jedoch unter allen Altersklassen ähnlich stark verteilt. Knapp ein Viertel aller Erwachsenen bringt Wörter nur mit Fehlern zu Papier – egal, ob sie in den 1960er Jahren oder in den 1990er Jahren eingeschult wurden.

Und auch, wenn die Unterrichtsmethoden konkret miteinander verglichen werden, bringt die Forschung kein einheitliches Bild hervor. Reinold Funke, Professor für deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik an der Universität Heidelberg, hat 21 Erhebungen in einer Übersichtsarbeit zusammengefasst, in denen "Lesen durch Schreiben" mit anderen Verfahren wie dem "Fibel-Verfahren" für den Schriftsprachenerwerb verglichen wurde. Einige Studien sprechen für den Ansatz nach Reichen, andere dagegen. Funkes Fazit ist, "dass man allein aus der Kenntnis, welche Unterrichtsmethode angewandt wurde, Lernerfolge nur in geringem Umfang vorhersagen kann". So wie man die Qualität einer Reparatur nicht auf Grund der Werkzeuge beurteilen könne, die der Handwerker gebraucht hat, könne man die Lernerfolge bei Schülerinnen und Schüler nicht auf Grund der Methoden voraussagen, die die Lehrkraft eingesetzt hat.