Wer nicht an Götter glaubt, muss keine übernatürliche Bestrafung fürchten und handelt deswegen weniger moralisch – dieses Vorurteil ist nahezu überall auf der Welt so fest im kulturellen Kanon verankert, dass selbst atheistische Menschen daran glauben. Zu diesem Schluss jedenfalls kommt eine Arbeitsgruppe um Will M. Gervais von der University of Kentucky in einer Studie an 3256 Menschen aus 13 Ländern. Der jetzt in "Nature" veröffentlichte Befund erfasst sowohl stark religiös geprägte Länder als auch überwiegend säkulare Staaten – und Vorurteile gegen Atheismus sind in allen von ihnen nachweisbar. Das liegt keineswegs nur daran, dass religiöse Gruppen Nichtgläubige aus Prinzip ablehnen würden: Lediglich in einem der 13 untersuchten Länder – Finnland – waren Atheisten frei von dem Vorurteil gegen die eigene Gruppe.

Moralität überprüfte die Gruppe um Gervais anhand von als extrem verwerflich empfundenen Akten wie Tierquälerei oder Serienmord, die religiösen oder atheistischen Menschen zugeschrieben werden konnten. Um mit der Umfrage unterschwellige, kulturell geprägte Vorurteile zu erfassen, nutzte das Team eine indirekte Fragetechnik, bei der eine Zuordnung nach Weltanschauung zu einem logischen Fehlschluss über Wahrscheinlichkeiten führt. Dabei erwies sich die Rate an Fehlern als konsistent höher, wenn amoralische Akte Atheisten zugewiesen werden durften. In einer Nachfolgestudie zeigte sich sogar, dass Versuchspersonen selbst bei Priestern, die Kinder missbrauchen, dazu neigen, ihnen fehlenden Glauben zu attestieren. Die Ursache für den Befund ist unklar, passt aber zu früheren Ergebnissen von Arbeitsgruppen um Gervais, zum Beispiel dass nicht religiöse Menschen allgemein als weniger vertrauenswürdig angesehen werden.