Wer offenen Auges durch einen tropischen Regenwald geht, entdeckt leicht bis dahin noch unbeschriebene, neue Arten. Für besondere Funde braucht es dagegen manchmal auch Glück – so wie der Biologe Andrew Snyder, der im Rahmen einer Expedition von WWF und Global Wildlife Conservation im Kaieteur-Nationalpark Guayanas unterwegs war. "Ich war nachts unterwegs, als mein Taschenlampenlicht mit einem kleinen brillanten, kobaltblauen Leuchten aus einem schmalen Loch in einem verrottenden Baumstumpf reflektiert wurde", erzählt Snyder. "Erst habe ich das schnell verworfen – ich war mir sicher, dass es nur der Augenglanz einer Spinne war. Irgendetwas war aber anders, und unterbewusst muss ich doch aufgepasst haben. Deshalb ging ich zurück." Bei näherer Betrachtung stellte sich dann heraus, dass es tatsächlich eine Spinne war, allerdings nicht ihre Augen, sondern die schillernd blauen Beine einer kleinen Vogelspinne. "Ich wusste sofort, dass diese Art ganz anders war, als alle anderen, die ich zuvor gesehen hatte", so der Experte.

Noch trägt die Art keinen wissenschaftlichen Namen, doch der Biologe vermutet, dass sie zur Unterfamilie der Ischnocolinae gehört. Dazu passt eine weitere Besonderheit des Achtbeiners, denn Snyder bemerkte in dem Baumstumpf noch weitere Löcher, in denen jeweils ein Vertreter der blauen Spinnen saß. Die Spezies könnte also in Gemeinschaft leben, wie dies auch bei weiteren Vertretern der Ischnocolinae der Fall ist. Die Neubeschreibung aus Guayana ist allerdings nicht die einzige Vogelspinne mit blauer Färbung; die Blaue Burma-Vogelspinne (Cyriopagopus lividus) oder die Blaue Ornament-Vogelspinne (Poecilotheria metallica) aus Indien sind bei Haltern sehr beliebt. Eine Studie zeigte vor wenigen Jahren, dass die Vogelspinnen ihre blaue Farbe auf unterschiedliche Art erworben haben. Unklar ist allerdings noch, warum sie so auffällig gefärbt sind.

Neben der Spinne erbrachte die Expedition noch weitere Arten, die die Wissenschaft noch nicht verzeichnet hatte, wie ein Report des WWF auflistet. Neben verschiedenen Pflanzen und Libellen befand sich darunter beispielsweise auch ein Frosch sowie sechs Fische. Die Studie zeigte zudem, wie bedeutend der Nationalpark ist, denn er beheimatet die Hälfte aller Vogel- und ein Drittel der Säugetierarten Guayanas. Wegen seiner Lage zwischen den Tieflandregenwäldern und einem Hochplateau existieren hier zahlreiche endemische Spezies. Die Regenwälder Guyanas gehören zu den am besten erhaltenen in Südamerika, sie sind aber zunehmend durch (illegalen) Goldabbau bedroht.