Wenn die sonst liebreizende Partnerin plötzlich launisch wird, machen Männer bisweilen die Hormone dafür verantwortlich – inklusive schlechter Witzchen, welche die Stimmung sicher nicht verbessern. Denn die wenigsten können über solche Sprüche lachen. Das gilt vor allem für Betroffene, die ihre Periode als starke Belastung durchleben müssen: Während viele Frauen vor der Regelblutung "nur" über Wassereinlagerungen oder Heißhunger klagen, kämpfen einige mit schweren psychischen Symptomen und sind reizbar, teilweise hochaggressiv: Sie leiden an der schwersten Form des prämenstruellen Syndroms (PMS), der so genannten prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS).

"Frauen mit PMDS erleben sich in der zweiten Zyklushälfte als anderer Mensch: Sie tun oder sagen Dinge, von denen sie genau wissen, dass sie falsch sind. Im Extremfall schlagen sie ihr Kind, schreien ihren Partner an, werfen mit Gegenständen", sagt Anke Rohde, Leiterin der Abteilung für Gynäkologische Psychosomatik am Universitätsklinikum Bonn: "Immer wieder beschrieb eine Betroffene: Ich komme mir vor wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde." Besonders grämen sich Frauen, wenn sie ihre Kinder ungerecht behandeln: "Wenn der Sozialpädagogin, die Wert auf achtsame Erziehung legt, die Hand ausrutscht, ist das richtig schlimm für sie", so Rohde. Da die Symptome monatlich wiederkehren, sind familiäre und berufliche Probleme vorprogrammiert.

Meist sind es dann auch diese zwischenmenschlichen Konflikte, wegen denen sich die Betroffenen schließlich in Behandlung begeben. Doch obwohl PMDS leicht zu diagnostizieren ist, finden viele Betroffene jahrelang keine Hilfe. Oft attestieren ihnen Ärzte fälschlicherweise eine "Impulskontrollstörung" oder bagatellisieren ihre Beschwerden als übliche Stimmungsschwankungen, die zum Frausein dazugehören. Was man Psychiatern nicht einmal vorwerfen kann: PMS gilt generell als nicht behandlungsbedürftig, und PMDS ist im deutschen Sprachraum nur unzureichend bekannt – was vor allem daran liegt, dass die Störung nicht in der gängigen Diagnosebibel ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten) auftaucht.

Als psychische Störung anerkannt

Doch es keimt Hoffnung: Vor zwei Jahren wurde PMDS als eigenständige affektive Störung im diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen, dem DSM-5, aufgenommen. "Das sollte die Diagnosestellung in Zukunft erleichtern", hofft Stephanie Krüger, Chefärztin am Zentrum für Seelische Frauengesundheit in Berlin.

Etwa drei Viertel aller Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter leiden nach dem Eisprung, also in der zweiten Zyklushälfte, unter körperlichen und psychischen Symptomen wie Wassereinlagerungen, Spannungsschmerzen, Niedergeschlagenheit, Müdigkeit oder Reizbarkeit. Diese hören meist schlagartig nach dem Einsetzen der Menstruation auf, was als so genanntes On-off-Phänomen bezeichnet wird. Die Bandbreite und Schwere der Symptome variiert stark. Seltener ist die PMDS, die Übergänge sind allerdings fließend: Zwischen drei und acht Prozent der Frauen erfüllen die engen Diagnosekriterien des DSM-5: Ihre Symptome – vornehmlich Reizbarkeit, Anspannung und Aggression – tauchen in mehreren aufeinander folgenden Zyklen auf, stehen nicht in Zusammenhang mit einer anderen psychiatrischen Erkrankung und sind so stark ausgeprägt, dass sie das soziale Miteinander in Familie und Beruf negativ beeinflussen.

"Das Schlimmste für betroffene Frauen ist der Kontrollverlust. Deshalb organisieren einige ihr Leben so, dass sie Behördengänge und andere wichtige Tätigkeiten in der ersten Zyklushälfte erledigen", sagt Rohde. "Ab Zyklusmitte haben sie das Gefühl, dass wieder das Damoklesschwert PMDS über ihnen schwebt." Zur Diagnosesicherung muss die Frau mindestens zwei Monate lang ein Zyklustagebuch führen. "Damit lässt sich PMDS leicht diagnostizieren und von anderen psychischen Krankheiten abgrenzen", so Rohde. "Für betroffene Frauen ist das Tagebuch oft ein Ahaerlebnis: Sie erkennen, dass ihre Symptome klar mit ihrem Zyklus zusammenhängen, und sind oft ungeheuer erleichtert, dass es eine biologische Grundlage für ihre Beschwerden gibt", erklärt Krüger. Auch für den Partner und die Kinder ist die Diagnose oft erleichternd.

Woher kommen die Gemütsschwankungen?

Wie PMS in all seinen Ausprägungen genau entsteht, ist bis heute nicht vollständig verstanden. Dass die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron eine Rolle spielen, ist offensichtlich: Frauen, die diese Hormone nicht produzieren, bilden die Störung nicht aus – etwa nach den Wechseljahren oder der operativen Entfernung der Eierstöcke. Auch schwangere Frauen sind frei davon. Die verbreitete Meinung, dass bei Frauen mit PMS nur die Hormone verrückt spielen, trifft allerdings nicht zu: Studien zeigen, dass stark beeinflusste Frauen die gleichen Hormonschwankungen aufweisen wie symptomfreie Personen. Die reine Hormonkonzentration im Körper scheidet daher als Ursache aus.

Viele Wissenschaftler nehmen daher an, dass PMS- und vor allem PMDS-Betroffene sensibler auf die natürlichen Hormonschwankungen im Menstruationszyklus reagieren. Peter Schmidt, der an den National Institutes of Health in Bethesda den Einfluss von Geschlechtshormonen auf das Gehirn und das Verhalten erforscht, zeigte das eindrucksvoll in einem allerdings schon Jahre zurückliegenden Experiment: Er versetzte PMDS-Betroffene und symptomfreie Frauen künstlich in die Menopause, indem er ihnen das Hormon Gonadoliberin (GNRH, Gonadotropin releasing hormon) verabreichte und damit die Produktion der Geschlechtshormone unterdrückte. Die PMDS-Symptome bei den betroffenen Frauen verschwanden vollständig. Gab man ihnen wieder Östrogen und Progesteron in der körperüblichen Dosierung, traten die Symptome erneut auf. "Frauen, die nicht an PMDS leiden und die gleiche Hormonmanipulation durchmachen, zeigen aber keine Symptome", so Schmidt. "Wir gehen deshalb heute davon aus, dass Frauen mit PMDS die Hormonsignale im Gehirn anders verarbeiten. Warum manche Frauen so viel sensibler auf diese Signale reagieren als andere, ist unklar. Wir sind erst dabei, das zu erforschen."

Stephanie Krüger weist auch auf das Hirn als Auslöser hin: "Früher wusste man nicht, dass weibliche Geschlechtshormone mit dem Gehirn kommunizieren. Heute ist klar, dass sie auf das Neurotransmittersystem im Gehirn wirken und auf diese Weise Schlaf, Sexualität und auch die Stimmung beeinflussen." Diese Neurotransmitter dienen der Signalverarbeitung und -weitergabe im zentralen Nervensystem. Studien weisen darauf hin, dass Östrogen und Progesteron vor allem den Neurotransmitter Serotonin beeinflussen. Serotonin wirkt sich direkt auf die Stimmung aus und sorgt für innere Ruhe und Zufriedenheit, indem es Angstgefühle und Aggressionen dämpft. So lassen sich Depressionen und Aggressionen unter anderem auf einen Serotoninmangel zurückführen.

Liegt es am Serotoninmangel?

Entsprechend hilft Frauen mit PMDS die Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, die normalerweise bei Depressionen zum Einsatz kommen und dafür sorgen, dass das vorhandene Serotonin länger wirkt. "Bei PMDS reicht aber oft eine geringe Dosierung aus, und anders als bei Depressiven wirken die Medikamente umgehend", so Anke Rohde. Patientinnen können diese entweder durchgehend nehmen oder nur dann, wenn sie die Symptome verspüren.

Wenn Antidepressiva nicht in Frage kommen, können auch Hormone wirken. Aber nicht jedes Hormonpräparat hilft jeder Frau. Die Pille etwa unterdrückt den Eisprung und damit die Hormonschwankungen, die Hormonspirale hingegen unterdrückt den Eisprung nicht, nützt aber dennoch manch einer Frau. Eine mittlerweile gängige Vorgehensweise ist die Gabe der Pille im "Langzyklus", das heißt über viele Monate ohne "Pillenpause" zwischendurch. Grundsätzlich sollte auch Stress vermieden werden, da PMS/PMDS dadurch verstärkt wird. "Wirkt die Behandlung, ist es für die Frau ein Segen – auch wenn es manch eine befremdet, wie viel Einfluss Hormone auf ihre Stimmung haben", sagt Krüger.

Für die Zukunft wünschen sich Krüger und Rohde einen verbesserten interdisziplinären Behandlungsansatz: "Gynäkologen befassen sich nicht mit psychischen Symptomen, und Psychiater kennen sich mit dem weiblichen Zyklus nicht aus. Entsprechend verschreiben Frauenärzte keine Antidepressiva und Psychiater keine Hormone", kritisiert Krüger. Nicht nur Frauen mit schwerem PMS würden von einem solchen Ansatz profitieren, sondern auch Frauen mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen. Sie unterliegen ebenfalls hormonellen Schwankungen, oft verschlimmern sich ihre Symptome in der zweiten Zyklushälfte. Die sorgfältige Betrachtung der hormonellen Situation einer Frau sollte deswegen bei jeder medizinischen Untersuchung zum Goldstandard werden.