Stockenten (Anas platyrhynchos) sind ein gewohnter Anblick auf Seen und Flüssen und die mit Abstand häufigsten Wasservögel hier zu Lande. Prinzipiell vertilgen die Tiere neben dem Brot vermeintlicher Tierfreunde vor allem Pflanzen, Samen, Früchte sowie kleinere tierische Kost, so diese leicht erreichbar ist – etwa Larven, Weichtiere, Krebschen, Kaulquappen oder kleine Fische. Bei Nahrungsmangel können sie aber offensichtlich auch zu drastischeren Methoden greifen, wie Silviu Petrovan von der University of Cambridge und Mihai Leu von der Veterinär- und Nahrungssicherheitsbehörde in Strada auf einem See im Südwesten Rumäniens zufällig beobachtet haben. In mindestens zwei Fällen machten Stockenten dabei Jagd auf junge Singvögel, die ins Wasser gefallen waren, wie die beiden Forscher in "Waterbirds" berichteten. Ein derartiges Verhalten hatte man zuvor bei Stockenten noch nicht registriert.

Wie die "BBC" berichtet (hier auch Bilder), war Petrovan mit Freunden zum Vogelbeobachten unterwegs, als sie den Beutezug bemerkten. Der Biologe sah, wie ein Entenweibchen eine Bachstelze mit ihrem Schnabel packte und immer wieder unter Wasser drückte, um sie zu ertränken. Anschließend verschluckte sie das Opfer. Im zweiten Fall stürzte ein flügges Hausrotschwänzchen ins Wasser und versuchte aus der Gefahrenzone zu fliehen. Doch das zuvor schon in Aktion getretene Weibchen attackierte erneut – dieses Mal zusammen mit dem eigenen Nachwuchs. Das Schicksal dieses Vogels konnten Petrovan und Co nicht exakt nachverfolgen: Entweder ertrank er am Ende und versank oder er wurde ebenfalls verschluckt.

"Dieses Verhalten kommt entweder sehr selten vor oder ist neu erlernt", so Petrovan gegenüber der "BBC". Die Stockente habe wohl große Probleme damit gehabt, die Beute zu verschlingen. "Mit ihrem flachen Schnabel kann sie diese nicht auseinanderreißen. Und die Enten haben sich nicht dazu entwickelt, Federn und Knochen zu verdauen." Die Angriffe hängen womöglich mit dem Lebensraumtyp zusammen, den die Enten vor Ort bewohnen. Es handelt sich dabei um einen tiefen Stausee. Dort kommen die Enten vielleicht nur schwer an geeignete Kost heran – für gewöhnlich fressen sie im flachen Wasser. In Kalifornien seien Stockenten deshalb schon ins Meer ausgewichen, um Krabben zu fangen, obwohl sie eigentlich Süßwasserbewohner sind. Petrovan ist vom Verhalten jedenfalls angetan: "Es ist faszinierend, dass diese Tiere es irgendwie gelernt haben, Vögel zu erbeuten."