Der Magen von Geiern muss einiges aushalten, denn schließlich fressen die Vögel auch verwesendes Fleisch, in dem es von Keimen nur so wimmelt. Und diese extreme Ernährungsweise zeichnet sich auch im Mikrobiom der Neuweltgeier ab, das Michael Roggenbuck von der Universität Kopenhagen mit seinen Kollegen untersucht hat. Besonders vielfältig tummeln sich Bakterien im Gesicht und am Schnabel der Geier, was die Biologen nicht verwundert: Da die Vögel oft bis zum Hals in Kadavern stecken und sich dabei großflächig mit Körperflüssigkeiten aus dem Aas benetzen, gelangen darüber auch viele Keime auf ihren Körper. Im Schnitt besiedeln hier mindestens 528 Bakterienarten die Geier. Dagegen nimmt die Diversität extrem ab, je tiefer die Forscher in den Verdauungsapparat vordrangen. Während hier die Vielfalt bei Menschen normalerweise zunimmt, siedeln im Magen und Darm der Vögel nur 76 Mikrobenspezies (beim Menschen etwa 400), die dafür jeweils sehr häufig auftreten. Die extremen Bedingungen im Magen der Geier mit seinem hohen Säuregehalt – er muss auch Knochen zersetzen –, töten die meisten der mit der Nahrung aufgenommenen Mikroben ab.

Zu den Gewinnern dieser Auslese zählen Bakterien der Gattungen Clostridia und Fusobacteria, die beim Menschen schwere Erkrankungen bis hin zum Tod auslösen können. Clostridien beispielsweise setzen das Botulismustoxin frei und führen zu Nahrungsmittelvergiftungen oder verursachen Tetanus. Fusobakterien wiederum stehen im Verdacht, Darmkrebs auszulösen und erhöhen das Risiko für Magen- beziehungsweise Darmgeschwüre. Unklar sei jedoch, ob sich die Geier schlicht an diese Bakterien angepasst hätten, so dass sie ihnen nicht schaden – oder ob die Mikroben nicht vielleicht sogar vorteilhaft für die Tieren sind, etwa weil sie ihnen beim Verdauen helfen, so Roggenbuck.