Es war ein Vorwurf mit Aufmerksamkeitsgarantie. Die Genderstudies seien "der akademische Sargnagel der Frauenemanzipation", schrieb ein ehemaliger Gender-Student in der "Emma". Die meisten Lehrveranstaltungen der Geschlechterforschung hätten kein Interesse mehr an feministischem Gedankengut, sie trügen Titel wie "Muslim Queer Subjectivities and Islamic Ethics", diskutiert werde über "Critical Whiteness", "Intersektionalität" oder "Femonationalismus".

Soweit eine normale Auseinandersetzung unter Fachvertretern, könnte man denken, mit spitzer Feder, aber so entstehen halt akademische Debatten. Doch dann holte Vojin Saša Vukadinović, inzwischen Koordinator eines Graduiertenkollegs an der Universität Zürich, die ganz große Keule raus: Der queerfeministische Nachwuchs, befand er, "pöbelt auf dem Campus", die Sprache des Fachs sei unverständlich, das methodische Vorgehen stehe in merklichem Kontrast zur Arbeit anderer Disziplinen. Die Studierenden lernten nicht, globale Probleme objektiv zu erfassen, sondern sie durch eine hochgradig antiimperialistische Agenda zu filtern. "Das Studium der Genderstudies macht Studierende oft nicht schlauer, sondern in vielen Fragen dümmer."

Zu wenig feministisch?

Da war er wieder, der Vorwurf, mit dem sich die Genderstudies regelmäßig auseinandersetzen müssen, eigentlich seit ihrem Bestehen: Das ist doch keine richtige Wissenschaft oder, wie der Konstanzer Evolutionsbiologe Axel Meyer es formuliert: "Wer Beiträge der bekanntesten Gender-Forscherin Judith Butler liest, merkt sofort, dass ihre Äußerungen größtenteils auf Ideologie und Aktivismus gründen und weniger auf empirischer und wissenschaftlicher Fundierung."

Meyer hat im Jahr 2015 das Buch "Adams Apfel und Evas Erbe: Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer" geschrieben. Er sehe sein Buch auch als eine bewusste Verteidigung gegen die Angriffe der Genderstudies auf die Naturwissenschaften und insbesondere die Biologie. "Wer die Relevanz unseres biologischen Geschlechts für unser Verhalten und für viele unserer Eigenschaften negiert, verhält sich für mich als Naturwissenschaftler unwissenschaftlich." Auch wenn der Mensch die "kulturellste aller Arten sei", sei er doch grundsätzlich ein Produkt der Evolution, sagt Meyer und zieht ein persönliches Resümee: "Das Leben ist zu kurz, um Judith Butler zu lesen."

Die Zeitschrift der Urfeministin Alice Schwarzer bringt einen Abgesang auf die Genderstudies, ein hochdekorierter, herausragender Forscher spricht ihnen die wissenschaftliche Satisfaktionsfähigkeit ab: Wenn die Dinge so eindeutig liegen, wie kann es sein, dass der Staat die Förderung nicht einstellt, wie zum Beispiel die AfD es fordert? Zeit für eine Bestandsaufnahme: Wie wissenschaftlich sind die Genderstudies wirklich?

Zu wenig wissenschaftlich?

Die Suche nach Antworten erweist sich allerdings schon beim Gegenstand als komplex: Die Genderstudies gibt es nämlich gar nicht. Gender-Professuren erstrecken sich über 30 Disziplinen, wie in der "Datensammlung Geschlechterforschung" der Freien Universität Berlin nachzulesen ist, von der Germanistik über die bildenden Künste, die Psychologie oder die Soziologie bis hin zur Medizin. Insgesamt 188 Stellen listet die Datensammlung für Deutschland auf, was 0,4 bis 0,5 Prozent aller Professuren entspreche, wie Gender-Forscherinnen selten zu erwähnen vergessen.

Ein Anteil, der dazu seit vielen Jahren nahezu unverändert sei, Tenor: Das kann doch keiner für zu viel halten. Jene, die die akademische Machtübernahme der Gender-Forschung herbeireden, mögen solche Zahlen tatsächlich zum Schweigen bringen, doch die Frage nach ihrer Qualität ist damit nicht beantwortet. Im Gegenteil: Durch die Fächervielfalt, die sich hinter den Genderstudies versteckt, wird die Aufklärung sogar noch schwieriger.

Ein Anruf bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem größten Forschungsförderer der Bundesrepublik. Über drei Milliarden Euro investiert die DFG pro Jahr in mehr als 31 000 Forschungsprojekte, ein Drittel davon in die so genannte Einzelförderung. "Unsere Gutachter entscheiden allein auf Grund der wissenschaftlichen Qualität und der Erfolgsaussichten der Anträge", bemerkt Eckard Kämper, der bei der DFG für die Sozial- und Verhaltenswissenschaften zuständig ist, auf die sich ein guter Teil der Genderstudies verteilt, aber eben, siehe oben, nur ein Teil. Weshalb sie bei der DFG auch nicht einfach auf einen Knopf drücken können, und dann spuckt der Computer die Förderquote aus.

Eine Frage der Qualität

Weil sie aber immer wieder nach der wissenschaftlichen Qualität der Gender-Forschung gefragt werden, haben sie jetzt ein eigenes Suchmuster entwickelt, bei dem sie unter anderen mit Schlagworten wie "Gleichstellung", "Gender" "männlich" oder "weiblich" arbeiten. Noch läuft die Analyse, aber schon das Zwischenergebnis, so Kämper, sei eindeutig: "Anträge auf Forschungsförderung, die sich mit Gender auseinandersetzen, liegen von ihren Erfolgsaussichten her recht genau im DFG-Schnitt von gut 30 Prozent."

Das, so Kämper, wundere ihn persönlich kaum, denn natürlich gebe es in der Gender-Forschung schwache Anträge, aber umgekehrt eben auch zahlreiche Projekte mit brillanten Fragestellungen und Vorhaben, "also alles genau so, wie wir es in anderen Forschungsgebieten auch beobachten".

Ein Buch unter der Lupe
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(Ausschnitt)
 Bild vergrößernForschung unter der Lupe
Bei der Bewilligung von Finanzierungsanträgen durch die DFG haben Forschungsprojekte mit Gender-Bezug eine Erfolgsquote, die nahe am Durchschnitt liegt.

Gerade erst hat die DFG einem Forschungsverbund die Förderung bewilligt, langer Titel: "Recht – Geschlecht – Kollektivität: Prozesse der Normierung, Kategorisierung und Solidarisierung". Das Projekt verbindet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Soziologie, den Rechtswissenschaften, der Ethnologie, den Kulturwissenschaften sowie der Geschichte und soll unterschiedliche Formen menschlicher Kollektive untersuchen, von sozialen Bewegungen über Hausgemeinschaften bis hin zu politischen Parteien, und dabei besonders "genderspezifische und politische Dynamiken in den Blick" nehmen.

Eine zweite Wissenschaftsorganisation, die sich besonders um die Qualität in der Forschung kümmert, ist der Wissenschaftsrat (WR), der Bund und Länder bei ihren wissenschaftspolitischen Entscheidungen berät. Christiane Kling-Mathey verfolgt für den WR seit über 20 Jahren das Feld der Gleichstellungspolitik. 1998 erschien das erste umfangreiche Papier mit "Empfehlungen zur Chancengleichheit von Frauen in Wissenschaft und Forschung", darin enthalten ein langer Abschnitt über Frauen- und Geschlechterforschung. Den hat Kling-Mathey sich für das Gespräch noch mal herausgekramt, und bei der Lektüre, sagt sie, beschlichen sie angesichts der aktuellen Entwicklungen "fast nostalgische Gefühle".

Immer einen Tick besser

Vieles, was da steht, treffe nämlich immer noch zu. Vor allem die folgende Einschätzung: "Von einer durchgängigen Akzeptanz der Frauen- und Geschlechterforschung in der Wissenschaft und bei den an ihr Beteiligten kann noch nicht die Rede sein. Die enge Verknüpfung von Analyse und Aktion, das heißt der Versuch, aus einem Wissensbestand zusätzlich reformatorische Konsequenzen abzuleiten, stößt häufig noch auf massive Kritik, nicht nur männlicher Wissenschaftler. Ein gesellschaftlicher Grundkonsens, auf dem die Frauen- und Geschlechterforschung mit ihren spezifischen Reformvorstellungen basieren könnte, existiert bislang nicht." O-Ton 1998, passend für 2017.

Der mangelnde gesellschaftliche Konsens, sagt Kling-Mathey, habe Folgen: "So wie Frauen immer einen Tick besser sein müssen als Männer, um die gleiche Anerkennung zu erhalten, verhält es sich allem Anschein nach auch mit der Gender-Forschung im Verhältnis zu anderen Wissenschaftsgebieten." Was ein Problem werden könne, wenn in den Genderstudies genauso mittelmäßig gearbeitet werde wie in allen anderen Fächern bisweilen.

Fest steht: Die Gender-Forschung hat in den vergangenen 20 Jahren unzählige Erkenntnisse und Impulse produziert, in der Ungleichheitsforschung ebenso wie in der Literaturwissenschaft – und übrigens auch in der Biologie, betont Christina von Braun, die 1996 an der Berliner Humboldt-Universität den ersten deutschen Gender-Studiengang gegründet hat: "So haben Neurobiologen nachgewiesen, wie sich die Hirnfunktionen von Männern, die sich intensiv um ihre Kinder kümmern, verändern." Der Hormonhaushalt stelle sich um, dafür würden Aktivitäten hochgefahren, "von denen man glaubte, dass sie biologisch an den weiblichen Körper gebunden seien". Um solche naturwissenschaftlichen Forschungen auszulösen, sagt von Braun, habe es der Gender-Forschung mit ihren "völlig neuen Perspektiven" bedurft.

Gender-Medizinerinnen wie die Berliner Herz-Kreislauf-Expertin Vera Regitz-Zagrosek konnten zeigen, dass Männer und Frauen unterschiedlich krank werden – und dass die Risikofaktoren nicht nur vom biologischen Geschlecht abhängen, sondern von der persönlichen Geschlechtsidentität. So spiegelt die Vielfalt der Methoden und Perspektiven am Ende genau jene Breite wider, in der sich die Gender-Forschung über das gesamte Fächerspektrum verteilt.

"Politisch ahnungslos"

Zu den im "Emma"-Artikel kritisierten Forscherinnen gehört auch die Soziologin Sabine Hark von der TU Berlin, die Vukadinović als "politisch ahnungslose Akademikerin" bezeichnete, die Butlers Überhöhung eines "antiimperialistischen Egalitarismus" nur nachplappere und in der Folge sogar Gewalt gegen Frauen durch muslimische Flüchtlinge verharmlose. Vukadinović selbst antwortet auf Anfrage, er habe nach "2,5 eher polemischen, aber notwendigen Texten in dieser Angelegenheit beschlossen, mich nur noch wissenschaftlich zu äußern". In "Emma" schrieb er: "Nach der Silvesternacht in Köln initiierte Hark nicht etwa empirische Erhebungen, um Informationen über die Zusammensetzung der patriarchalen Meute am Hauptbahnhof zu gewinnen, sondern sinnierte darüber, wie der 'Feminismus von der Borniertheit der Ersten Welt zu lösen' sei."

Dieselbe Sabine Hark hat gerade erst mit Kolleginnen den oben genannten Forschungsverbund bei der DFG eingeworben und sitzt nun zusammen mit Paula-Irene Villa, Professorin für Allgemeine Soziologie und Genderstudies in München, in einem Café in Berlin-Kreuzberg. Das Gespräch beginnt mit einem artigen Dank an den Journalisten, dass der überhaupt zu einem Gespräch bereit sei. Als Gender-Forscherin ist man derzeit offenbar schon für Selbstverständlichkeiten dankbar.

Natürlich, sagt Sabine Hark, hätten sich die Genderstudies in den vergangenen 20 Jahren gewandelt, wie sich auch die Gesellschaft insgesamt verändert habe. Während es vor ein paar Jahrzehnten noch sinnvoll gewesen sei, "die Frauen" an sich als benachteiligt zu erforschen, sei die Situation heute vielschichtiger. "Es gibt Frauen, die ganz und gar nicht benachteiligt sind, und andere, auch Männer, die es sind." Natürlich müsse man ebenso über sexuelle Orientierung, Migration, Religion und Geschlechtsidentitäten reden, wenn man die moderne Gesellschaft in ihrer Komplexität erfassen wolle.

Dann erzählt Villa von ihrer Replik, die sie auf Vukadinović verfasst hat, Titel: "The Sargnagel talks back". Eine Kritik an der Ausrichtung der Genderstudies gehe ja in Ordnung, sagt Villa, "als politische Kritik fair enough. Daraus einen Strick gegen die Wissenschaftlichkeit zu drehen: not so much. Das funktioniert einfach nicht."