98,48 Meter – das ist der aktuelle Weltrekord im Speerwurf. Bei den Männern, wohlgemerkt. Die weiteste von einer Frau geworfene Distanz beträgt gerade einmal drei Viertel davon. Die Tschechin Barbora Špotáková schleuderte den Speer 2008 in Stuttgart 72,28 Meter weit. Zumindest für die Gruppe der internationalen Spitzenathleten lässt sich also feststellen: Männer werfen weiter als Frauen.

So weit, so wenig überraschend. Schließlich sind Männer im Durchschnitt etwas größer als Frauen und haben mehr Muskelmasse. Das Beispiel Werfen ist deshalb interessant, weil es Wissenschaftler häufig auch erwähnen, wenn sie eigentlich über psychische oder kognitive Differenzen zwischen Männern und Frauen sprechen. 2005 veröffentlichte die Psychologin Janet Hyde von der University of Wisconsin-Madison die bislang größte Überblicksarbeit zu Geschlechterunterschieden im Denken, im Kommunikationsstil und in der Persönlichkeit. Sie listete 46 Metaanalysen auf, in welche die Daten aus Tausenden von Studien eingeflossen waren. Und auch die Wurfkraft schaffte es in diese Übersicht – unter der Rubrik "Bewegungsverhalten".

Noch heute gilt Hydes Fleißarbeit als wichtigste Referenz in der Frage, wie sich die Psyche von Männern und Frauen unterscheidet. Die bessere Wurfleistung der Männer wird oft erwähnt, weil es sich dabei mit Abstand um den größten Geschlechterunterschied handelt, der sich in Hydes Überblick findet. Sämtliche psychischen Differenzen, die bislang untersucht wurden, sind dagegen deutlich kleiner. Bei der Einstellung zu unverbindlichem Sex etwa ist die Diskrepanz – oder genauer gesagt: die Effektstärke – nur knapp halb so groß wie beim Werfen. Und wenn es um den Hang zu körperlicher Gewalt geht, beträgt sie nur ungefähr ein Viertel. Bei 80 Prozent der Variablen fand Hyde keinen oder fast keinen Unterschied. Ihre zentrale Erkenntnis lautete daher: Zwischen der Psyche von Männern und Frauen gibt es deutlich mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen.

Keine verschiedenen Spezies

"Männer und Frauen sind sich ähnlicher, als dass sie verschieden sind", sagt auch der Neurowissenschaftler Marco Hirnstein von der Universität Bergen in Norwegen. "Beim ganz überwiegenden Teil der kognitiven Leistungen und bei der allgemeinen Intelligenz gibt es keinen Unterschied – oder nur einen so kleinen, dass er praktisch überhaupt keine Bedeutung haben dürfte."

Wirklich eindeutig nachweisbare Differenzen im kognitiven Bereich gibt es etwa, wenn es um räumliches Vorstellungsvermögen geht. Insbesondere die "mentale Rotation" haben Forscher immer wieder untersucht. Handelt es sich darum, eine dreidimensionale Figur im Geist zu drehen und anzugeben, wie sie dann aussehen müsste, haben männliche Probanden regelmäßig die Nase vorn. Frauen hingegen erzielen meist in Sprachtests die besseren Ergebnisse, etwa wenn es heißt, viele verschiedene Wörter zu finden, die mit demselben Buchstaben anfangen.

Männer und Frauen sind sich ähnlicher, als dass sie verschieden sind

In beiden Fällen gelte jedoch erneut, dass die Differenz nicht so groß sei, wie viele denken, meint Hirnstein. Man könne das etwa mit dem Unterschied in der Körpergröße vergleichen. Frauen sind im Durchschnitt 1,67 Meter groß, Männer 1,80 Meter. "Verglichen mit vielen psychologischen Unterschieden ist das ein sehr großer Effekt", sagt Hirnstein. Bei der mentalen Rotation sei er nur halb so groß. "Das ist so, wie wenn die Durchschnittsfrau 1,73 Meter groß wäre; der Durchschnittsmann 1,80 Meter. Diesen Unterschied sieht man mit bloßem Auge, aber es ist nicht so, dass wir über zwei komplett unterschiedliche Spezies reden", so der Neurowissenschaftler.

Zudem steht fest: Männer und Frauen unterscheiden sich zwar im Mittelwert, doch der Überlappungsbereich ist sehr groß. Die Spannbreite der Leistungen ist innerhalb der Geschlechter viel größer als der mittlere Unterschied. Sprich, bei ihren Leistungen in der mentalen Rotation oder in der sprachlichen Kreativität unterscheiden sich zwei Männer oft stärker voneinander als der Durchschnittsmann von der Durchschnittsfrau. Das ist Forschern deshalb wichtig zu betonen, weil sich fast alle Klischees über Männer und Frauen als weit übertrieben herausstellen, wenn man die Größe der Differenzen nüchtern betrachtet.

Männer- und Frauenhirne

Ebenso populär – und ebenso falsch – ist die Idee, dass die Gehirne von Männern und Frauen grundsätzlich verschieden seien. "Neurowissenschaftler können einem Gehirn nicht ansehen, ob es einem Mann oder einer Frau gehört", sagt Marco Hirnstein. Selbst einem Computeralgorithmus gelänge das bislang bestenfalls in 80 Prozent der Fälle. Und der werte dabei vor allem ein simples Merkmal aus: die Größe des Denkorgans. Da größere Menschen auch ebensolche Gehirne haben, gehört ein massigeres Gehirn mit höherer Wahrscheinlichkeit einem Mann als einer Frau.

Eine weitere populäre Theorie kann Hirnstein ebenfalls entkräften. Oft heißt es nämlich, das Gehirn von Männern sei asymmetrischer, bei ihnen würden also die beiden Hirnhälften weniger stark zusammenarbeiten. Bei den Herren soll etwa für die Sprache nur die linke Hemisphäre zuständig sein, während die Damen dafür beide Gehirnhälften nutzen würden. Hirnstein hat diesen Mythos selbst in mehreren Studien auf den Prüfstand gestellt. Sein Ergebnis: Diesen Geschlechterunterschied gibt es zwar – aber er ist erneut winzig klein. "Wenn man mehrere tausend Leute untersucht, kann man diese Differenz statistisch nachweisen. Doch sie ist absolut gesehen so gering, dass es sehr schwerfällt zu glauben, daraus könnten kognitive Unterschiede entstehen", meint der Neurowissenschaftler.

Woher allerdings kommen die kleinen Differenzen, die sich finden lassen, sowohl kognitiv als auch hirnanatomisch? Viele Menschen denken: Wenn es nachweisbare Unterschiede im Gehirn gibt, dann müssen diese angeboren sein. Doch das ist falsch, wie Hirnstein bekräftigt. Denn alles, was wir erleben und lernen, verändert das Gehirn. Genau für diese Flexibilität ist es gemacht.

"Das Gehirn ist eine denkbar schlechte Stelle, um nach angeborenen Unterschieden zwischen Männern und Frauen zu suchen", sagt auch die Psychologin Marlies Pinnow von der Ruhr-Universität Bochum. "Denn die Hirnentwicklung ist erst im frühen Erwachsenenalter abgeschlossen, manche synaptische Verbindungen organisieren sich ein Leben lang neu." Einflüsse wie die Kultur und die elterliche Erziehung hinterlassen demnach tiefe Spuren im Aufbau und in der Funktionsweise des Gehirns. Und diese mit 100-prozentiger Sicherheit vom Wirken der Erbanlagen und der Geschlechtshormone zu trennen, ist bislang unmöglich – vielleicht wird es nie gelingen.

Biologie und Umwelt

Dass es unbestreitbar biologische Einflüsse gibt, zeigt beispielsweise ein Vergleich über Kulturen hinweg. In allen Regionen der Erde schneiden Männer bei der mentalen Rotation etwas besser ab als Frauen. Das ließe sich schwer erklären, wenn die Biologie gar keinen Einfluss hätte. Allerdings variiert der männliche Vorteil von Land zu Land stark. Dieses Muster wiederum würde man nicht erwarten, wenn ein fixes genetisches oder hormonelles Programm dahinterstünde.

Das Gehirn ist eine denkbar schlechte Stelle, um nach angeborenen Unterschieden zwischen Männern und Frauen zu suchen

Geschlechtshormone, die häufig als Verursacher von Unterschieden ins Feld geführt werden, liefern ebenfalls keine eindeutigen Antworten. Das zeigen etwa Studien an transsexuellen Probanden. "Biologische Männer, die sich als Frauen fühlen, sind in mentaler Rotation besser als biologische Frauen, die sich als Männer fühlen", erklärt Marco Hirnstein. Nach einer Hormonbehandlung verschwindet dieser Unterschied. Das könne man nun so interpretieren, dass die Hormone allein für den Leistungsunterschied verantwortlich sind. Aber möglicherweise empfänden sich Transgender-Personen nach erfolgter medizinischer Geschlechtsangleichung auch noch stärker als Männer oder Frauen – und verhielten sich daher vielleicht unbewusst konformer zu ihrer Geschlechterrolle. Auch hier lassen sich biologische und kulturelle Einflüsse nicht trennen.

Insgesamt beobachten Psychologen und Genderforscher, dass Eltern in der Kindererziehung immer noch sehr stark zwischen Jungen und Mädchen differenzieren. Wenn es um Spielzeug, Kleidung oder Ähnliches geht, heutzutage sogar viel stärker als noch vor 30 Jahren. "Spielzeugläden sind mittlerweile aufgeteilt in Jungen- und Mädchenabteilungen. Die Jungs bekommen Bettwäsche mit Raumfahrern, Mädchen das Prinzessinnenmotiv", ärgert sich Marlies Pinnow. Aus Sicht der Hersteller ein gutes Geschäftsmodell: Wer Söhne und Töchter hat, muss alles doppelt kaufen, da kaum ein Junge den rosa Schulranzen und die Glitzerpullis der älteren Schwester auftragen möchte. "Dadurch werden aber die Vorurteile über die Geschlechter schon in jungen Jahren immer wieder verstärkt, und zwar stets in dieselbe Richtung: Männer sind mutig, erforschen Dinge und erleben Abenteuer. Frauen sind eher häuslich, pflegen Beziehungen und legen viel Wert auf Äußerlichkeiten", sagt Pinnow. "Das hinterlässt bei den Kindern auf jeden Fall einen tiefen Eindruck."

Die Grenzen verschwimmen

Viele Genderforscher stellen die Aufteilung der Menschheit in Männer und Frauen sogar grundlegend in Frage. Denn nicht nur psychologisch lassen sich die beiden Geschlechter kaum voneinander abgrenzen. Auch bei den biologischen Markern – dem Hormonstatus, den äußeren Geschlechtsmerkmalen oder der Kombination der Geschlechtschromosomen – findet man fließende Übergänge und Zwischenformen statt eindeutiger Trennlinien. Das biologische Modell der Zweigeschlechtlichkeit sei weder "natürlich" noch "angeboren", meint dementsprechend die Sozialpsychologin Nicola Döring von der TU Ilmenau. "Die binäre Einteilung in biologisch männlich oder weiblich wird sozial vorgenommen", schlussfolgert sie in einer Arbeit aus dem Jahr 2013. Unter anderem deshalb hält Döring die Standardfrage in nahezu allen psychologischen Fragebogen – "Sind Sie männlich oder weiblich?" – für unvollständig.

Dass das biologische Geschlecht ein fragiles Konstrukt ist, zeigt sich im Sport, wo die Grenze ebenfalls nur vermeintlich eindeutig verläuft. Tatsächlich gerät die Geschlechtsüberprüfung für weibliche Athleten immer wieder in die Kritik. Ein bekanntes Beispiel ist die ehemalige spanische Hürdenläuferin María José Martínez-Patiño. Nach ersten internationalen Erfolgen ergab ein Test im Jahr 1985, dass sie über ein X- und ein Y-Chromosom verfügt. Damit wurde sie für die Teilnahme am Frauensport gesperrt. Allerdings hat Martínez-Patiño zugleich eine Androgenresistenz: Weil ihr Körper nicht für männliche Geschlechtshormone wie Testosteron sensibel ist, ist er äußerlich völlig weiblich. So hatte sich Martínez-Patiño zeitlebens wie eine Frau gefühlt. Für die Olympischen Spiele im Jahr 1992 wurde sie wieder zugelassen, verfehlte aber nach der langen Zwangspause die Qualifikation knapp.

Aktuell wird diskutiert, ob die südafrikanische Mittelstreckenläuferin Caster Semenya, die zuletzt bei der Leichtathletik-WM 2017 Gold über 800 Meter holte, trotz einer offenbar natürlich erhöhten Testosteronproduktion im Frauenwettbewerb mitlaufen darf oder nicht. Die Sportverbände stehen damit vor der schwierigen Aufgabe, eine Frage zu klären, die für Psychologen und Hirnforscher bislang nicht eindeutig zu beantworten ist: Wo verläuft die Grenze zwischen Mann und Frau – und welche Bedeutung hat sie?