Noch vor 100 Jahren endete die Schulbildung für Mädchen nach der Grundschule. Oberschulen gab es damals nur für Jungen. Beide Geschlechter in einem Klassenzimmer: Was sollte das bringen? Gleichberechtigung, so lautete schließlich das schlagkräftige Argument in den 1960er Jahren. Im Zuge der Emanzipation sollten Mädchen genauso viel lernen dürfen wie Jungen, gleiche Chancen auf eine Berufsausbildung oder ein Studium in jedwedem Bereich haben. Rollenklischees sollten verschwinden. Der vermeintlich beste Weg: Jungen und Mädchen bis zum Ende gemeinsam zur Schule gehen zu lassen. Heute sitzen unter dem Motto Koedukation von der ersten Klasse bis zum Abitur beide wie selbstverständlich Seite an Seite im Klassenraum.

Doch inzwischen melden Kritiker erste Zweifel an dieser Praxis an. Schon in den 1980er Jahren beklagten Frauenrechtler, das neue System benachteilige weiterhin die Frauen. Studien gaben ihnen damals Rückenwind, und auch heute noch befeuern Vergleichsstudien wie PISA oder IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) die Debatte. Mädchen können kein Mathe, Jungen sind schlecht im Lesen – die Schlagzeilen zu den Ergebnissen dieser Erhebungen rütteln am gemischtgeschlechtlichen Unterrichtssystem. Andere Untersuchungen würden zudem zeigen: Mädchen und junge Frauen wählen weiterhin selten naturwissenschaftliche Fächer im Abitur, studieren vor allem etwas im sozialen Bereich, wo später der Lohn gering sein wird, oder entscheiden sich eher für ebenfalls schlecht bezahlte Dienstleistungsberufe. Jungen und junge Männer verlassen im Vergleich zu Mädchen öfter ohne Abschluss die Schule, machen häufiger niedrigere Abschlüsse oder erreichen im Schnitt schlechtere Noten im Abitur. Von Angleichung der Geschlechter sei keine Spur, mahnen die Kritiker.

Also doch lieber zurück zu Mädchen- und Jungenschulen? Einige deutschsprachige Studien aus den vergangenen 20 Jahren zeigen, dass zumindest Mädchen davon profitieren könnten, ohne Jungen zu lernen: In einem Vergleich zwischen Schülerinnen privater Mädchengymnasien und denen gemischter Privatgymnasien Anfang der 1990er Jahre hatten die getrennt beschulten Schülerinnen vor allem in Geschichte, Chemie und Physik die Nase vorn. Sie waren zudem wesentlich zuversichtlicher, später in ihrem Wunschberuf arbeiten zu können. Eine ähnlich angelegte Studie zur selben Zeit bekräftigte diese Befunde: Die Schülerinnen des reinen Mädchengymnasiums trauten sich in den Naturwissenschaften mehr zu und wählten für das Abitur öfter auch solche Fächer für eine Prüfung aus. Auch eine aktuellere Untersuchung im Raum Augsburg berichtet, dass Schülerinnen derartiger Bildungsanstalten beispielsweise Physik viel lieber mögen als Gleichaltrige, die gemeinsam mit Jungen unterrichtet werden, dass sie sich selbst darin mehr Fähigkeiten zuschreiben und mehr Interesse an dem Fach zeigen.

Mädchenschulen sind oft gut ausgestattete Privatschulen

Doch auch gegen den getrennten Unterricht von Mädchen und Jungen gibt es Einwände. Zum einen betonen Kritiker, dass die untersuchten Mädchenschulen vor allem private Einrichtungen waren und dort folglich ein besonderes Klientel zur Schule gehe. Zum anderen seien aber auch die Ressourcen von "monoedukativen Schulen", wie man Schulen nennt, die nur von einem Geschlecht besucht werden, deutlich größer. In diese Richtung deutete beispielsweise eine Langzeituntersuchung aus Südkorea. Wirtschaftswissenschaftler vom University College London untersuchten alle Schulen im Bezirk Seoul zwischen 1998 und 2009, darunter zahlreiche monoedukativ geführte Einrichtungen. Ihr Fazit: Die getrennte Beschulung tut sowohl Jungen als auch Mädchen gut – allerdings hauptsächlich, weil in diesen Schulen oder Klassen bessere Lernbedingungen vorherrschten. Die Schülerzahlen waren oft kleiner, und es handelte sich meist um finanziell gut ausgestattete Privatschulen. Die Studie zeigt zudem: Gemischte Klassen beflügeln die Schulleistungen von Jungen, die von Mädchen jedoch nicht.

In den Naturwissenschaften kann eine Trennung nach Geschlechtern sinnvoll sein
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Zumindest in den ersten Jahren könnte man Schülerinnen und Schüler in bestimmten Fächern homogen unterrichten – etwa in Physik oder Deutsch, so verschiedene Studien.

Eine große, aktuelle Übersichtsarbeit von 2014 stellt die Effekte von geschlechtshomogenem Unterricht ebenfalls in Frage. US-amerikanische Psychologen sichteten 184 Studien mit mehr als anderthalb Millionen Schülern aus 21 Ländern, um zu prüfen, welche Art der Beschulung zu besseren Leistungen bei den Schülern führte: getrennte oder gemischte Klassen. Zahlreiche Studien berichten in Mathematik von etwas größeren Erfolgen bei den unter sich unterrichteten Schülerinnen verglichen mit gemischt beschulten Mädchen. Die Haltung gegenüber Wissenschaftsfächern sei zudem in dieser Gruppe positiver, bei homogen unterrichteten Jungen gegenüber sprachlichen Fächern. Generell seien die Schulleistungen bei getrennt unterrichteten Schülern etwas besser. Der Haken an diesen Daten war allerdings, dass genau diese Studien, die einen positiven Effekt fanden, vielfach methodische Mängel aufwiesen. Die Forscher konnten nicht ausschließen, dass die Schüler nicht auch wegen ihres bildungsnahen Elternhauses oder anderer Umstände erfolgreicher waren. Bereinigten die Autoren der Übersichtsstudie die Daten dementsprechend, war der Unterschied zwischen getrennten und gemischten Klassen nicht mehr vorhanden.

Ein besserer Ansatz wäre demnach möglicherweise eine Mischung aus getrenntem Unterricht und normalen Klassen. Sportunterricht wird an zahlreichen Oberschulen etwa schon seit einiger Zeit nach Jungen und Mädchen getrennt unterrichtet. Eine deutsche Untersuchung hat gezeigt, dass Mädchen in gemischten Sportstunden weniger Spaß an der Bewegung haben, sich als unsportlicher wahrnehmen und insgesamt auch schlechtere Noten bekommen als im Schulsport nur unter sich. Kann eine solche Aufteilung dann nicht auch bei anderen Fächern Sinn machen?

"Ich bin davon überzeugt, dass wir den gemischten Unterricht brauchen, aber nicht in allen Fächern und nicht immer", sagt die Studiendirektorin Verena Schroll, die seit 15 Jahren den Arbeitskreis zur Weiterentwicklung der Koedukation in München leitet. Schroll ist zudem Physik- und Mathematiklehrerin am Städtischen Sankt-Anna-Gymnasium, das bis vor 20 Jahren eine reine Mädchenschule war, inzwischen aber gemischte Klassen unterrichtet. In der siebten Klasse setzt sie in Physik auf geschlechtshomogene Klassen. "Stellen Sie sich vor: Ein Mädchen, dass in Physik gescheit ist und gut aussieht, das sich aber selbst nicht als gut aussehend empfindet. Wird dieses Mädchen im Unterricht brillieren oder sich zurückhalten, um bei den Jungs in der Klasse gut anzukommen?", fragt Schroll. "Aus Erfahrung kann ich berichten: Sie wird still bleiben."

Mädchen und Jungen bei heiklen Themen trennen

In einer reinen Mädchenphysikklasse seien die Jungs dagegen egal, und die Mädchen würden sich ungehemmt melden und erfahren, was sie in dem Fach eigentlich alles leisten können. Im nächsten Schuljahr in den gemischten Physikklassen würden sie dann unbeirrt mitarbeiten. Ebenso empfiehlt die Studiendirektorin, den Deutschunterricht während der Pubertät zu splitten sowie Ethik und den Biologieunterricht bei schambesetzten oder sehr persönlichen Themen. "Die Schüler sprechen dann untereinander viel offener", so Schroll. Hingegen laufe es in die falsche Richtung, wenn Lehrer meinen, in getrennten Klassen redeten sie mit Jungen am besten über Fußball und mit Mädchen übers Kochen. Das Ziel sei vielmehr, solche Stereotype zu überwinden.

Mädchenklassen in Mathe, Deutschunterricht nur mit Jungen: Die Schüler "gezielt und separiert fördern zu wollen, ist oftmals mit einer Defizitperspektive auf die jeweilige Geschlechtergruppe verbunden", kritisiert zudem Marita Kampshoff von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd im "Handbuch Geschlechterforschung und Fachdidaktik", das sie 2012 mitherausgegeben hat. Die Schülerinnen und Schüler würden noch einmal darauf gestoßen, dass sie in einem Bereich Nachholbedarf haben. Schüler, die in dem geteilten Fachgebiet allerdings gute Leistungen zeigten, würden trotzdem wegen ihres Geschlechts in die vermeintlich schwächere Gruppe eingeordnet.

Deshalb fordert Schroll mehr Augenmerk auf Gender-Themen in der Aus- und Fortbildung von Lehrern. Auf einem größeren Kongress für Pädagogen und Lehrkräfte sei ihr Beitrag über den Physikunterricht mit Mädchen das einzige Gender-Thema unter mehr als 100 anderen Vorträgen gewesen. "Wir müssen lernen, uns selbst mehr zu hinterfragen", fordert Schroll. In Mathematik beobachte sie sich oft selbst: "Wem stelle ich welche Fragen? Knifflige nur den Jungen, simple den Mädchen? Wen lobe ich für welche Leistung? Mädchen für die Heftführung und Jungen für eine geniale Lösung?"

"Durch eine Klassenteilung werden die Geschlechter homogenisiert und geraten unter Generalverdacht. Ihre Leistung wird nicht am Individuum gemessen, sondern vor allem anhand der Geschlechtszugehörigkeit beurteilt", sagt auch Bildungsforscher Jürgen Budde, Professor für Theorie der Bildung des Lehrens und Lernens an der Europa-Universität Flensburg. Besser sei es zu schauen, was das Aufwachsen von Jungen und Mädchen heutzutage ausmache; wie sehen und reagieren sie auf die Welt. "Lehrer sollten sich fragen: Erreiche ich mit meinem Lernangebot unterschiedliche Schüler? Jungen wie Mädchen, Migranten und Schüler deutscher Herkunft, körperlich Behinderte ebenso wie Lernschwache?"