Zwei Schulklassen einer Altersstufe: Die eine schlägt das Lehrbuch auf, liest sich eine Aufgabe durch und bearbeitet sie ruhig. Jeder sitzt an seinem Platz und schreibt. In der anderen Klasse behandeln die Schüler das gleiche Thema. Doch nachdem sie einen Text gelesen haben, stehen sie im Klassenraum verteilt. Der Lehrer stellt Fragen zum Text und gibt Antwortmöglichkeiten vor. Wie bei der Kinder-Quiz-Sendung "1, 2 oder 3" hüpfen und rennen die Schüler dann umher, um die Aufgaben zu lösen. Zwei Schulklassen, zwei Lehrmethoden.

Doch welche Schüler haben am Ende des Schuljahres mehr gelernt, die ruhigen oder die bewegten? Beide vermutlich gleich viel – die Hüpfer und Renner mitunter sogar mehr. Das zumindest legen dutzende Studien nahe, die untersuchten, welche Wirkung Bewegung und Sport im Schulalltag auf die Denkfähigkeit von Schülern und deren Leistung in unterschiedlichen Unterrichtsfächern haben.

Auch deshalb empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO Kindern mindestens eine Stunde körperliche Betätigung pro Tag. In Deutschland springen, rennen oder tanzen allerdings nur knapp ein Viertel aller Kinder zwischen 3 und 17 Jahren in diesem Maß herum. "Es fehlt immer öfter an Gelegenheiten, sich zu bewegen", sagt die Sportwissenschaftlerin Swantje Scharenberg, Leiterin des Forschungszentrums für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen (FoSS) in Karlsruhe. Eltern würden die Kinder morgens mit dem Auto direkt bis ans Schultor fahren; wer kein "Mama-Taxi" hat, legt lange Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. Aber auch die Schule hat ihren Anteil daran, dass Kinder und Jugendliche sich immer weniger bewegen: Die Stundenpläne werden zunehmend voller, die freie Zeit fürs Toben oder sportliche Hobbys schmilzt. Die meiste Unterrichtszeit verbringen die Schüler im Sitzen. Und: Der Sportunterricht fällt in zwei Drittel aller Fälle aus, wenn der Sportlehrer nicht da ist.

"Bewegung macht Kinder nicht schlauer, aber aufnahme- und konzentrationsfähiger" (Christian Buschmann)

Die Folgen schlagen sich nicht nur auf der Waage nieder. Denn: Körper und Geist sind eine Einheit. Wie wir handeln, was wir tun und wie wir uns bewegen, wird in unserem Gehirn gesteuert, der Zentrale fürs Denken. Körperliche und geistige Aktivität teilen sich zahlreiche Gehirnareale, sind also eng miteinander verbunden. Neurowissenschaftler nehmen an, dass körperliche Aktivität die Durchblutung und den Sauerstoffgehalt im Gehirn verbessert – und auf diesem Weg auch das Denken ankurbelt. Bewegung lässt außerdem Studien zufolge Nervenzellen neu entstehen, widerstandsfähiger werden und sich mehr mit anderen Nervenzellen verbinden. Fehlt es an Sport und Aktivität, bemerken Kinder und Jugendliche das folglich nicht nur durch einen wachsenden Hüftumfang oder durch Herzrasen beim schnellen Gehen, sondern sehen es womöglich auch in ihrem Schulzeugnis.

Sport verbessert das Denkvermögen

Tatsächlich schneiden übergewichtige Kinder bei Denk- und Merkaufgaben schlechter ab als normalgewichtige Gleichaltrige, konstatiert 2014 das deutsche Forschungsprojekt "Klasse in Sport – Initiative für täglichen Schulsport" der Universität Hamburg in einer Studie mit rund 120 Grundschulen in ganz Deutschland. Gezielte Bewegungen unter anderem in Pausen, in sportfernen Unterrichtsfächern oder nach der Schule in Arbeitsgemeinschaften haben dazu geführt, dass die Schüler jeden Gewichts bessere Ergebnisse in den kognitiven Tests erzielten als Grundschüler, die nicht an dem Programm teilnahmen. Viele Eltern und Lehrer seien der Meinung, zusätzliche Bewegungszeit sei verlorene Zeit, berichtet der Studienautor und Sportwissenschaftler Christian Buschmann. "Bewegung macht Kinder nicht schlauer, jedoch im Sinn erfolgreicher Lernprozesse vielgestaltig aufnahme- und konzentrationsfähiger", so sein Fazit.

Eine Dissertation an der Universität Freiburg von 2010 verzeichnet ein ähnliches Ergebnis: Schüler, die 45 Minuten Sportunterricht hatten, lösten anschließend Denk- und Knobelaufgaben deutlich besser als Schüler, die vorher im Mathematikunterricht hockten. Die weit verbreitete Meinung, nach dem Sportunterricht seien Schüler weniger konzentriert und Klassenarbeiten sollte man keinesfalls nach einer Sportstunde schreiben, scheint unbegründet.

Bewegungspausen
© fotolia / Christian Schwier
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernBewegungspausen
Wer sich regelmäßig bewegt, lernt auch besser. Forscher wünschen sich daher, dass sich Kinder nicht nur während der Sportstunde von ihren Stühlen erheben, sondern auch in anderen Unterrichtsfächern und bei kurzen Pausen an der frischen Luft.

Eine umfassende Übersichtsarbeit des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums von 2010 untermauert die deutschen Erkenntnisse mit internationalen Daten. In den 50 gesichteten Studien wiesen mehr als die Hälfte positive Effekte von Sport und Bewegung auf die Denk- und Schulleistungen von Kindern und Jugendlichen nach. Die andere Hälfte der Forschungsprojekte konnte diesen Zusammenhang nicht feststellen – aber auch keinen ungünstigen Effekt von zusätzlichem Sport im Schulalltag. Das Resümee der US-Forscher: Oft würden Sport- und Pausenzeiten im Stundenplan zu Gunsten von Mathe, Sprachen und Wissenschaftsfächer gekürzt, dabei geht mehr Sport und Bewegung nicht auf Kosten der Schulleistung, sondern kann diese sogar verbessern. Einige ihrer Beispiele: Acht von zehn Studien, in denen die Schüler pro Woche entweder mehr oder gleich viel Sportunterricht absolvierten, zeigten, dass extra Schulsport die Schüler geistig fitter machte und sich ihre Testergebnisse in Mathe, Lesen und Schreiben verbesserten. Ebenso wirken sich so genannte Bewegungspausen während jeglichen Unterrichts günstig auf die Lernleistung der Schüler aus. Schon nach fünf Minuten ausdauernder Bewegungen wie etwa Laufen lösten Schüler Arithmetikaufgaben im Matheunterricht besser. Eine Viertelstunde Seilspringen und Tanzen statt des normalen Unterrichts erbrachte einer anderen Studie zufolge zwar nicht solch einen derartigen Leistungszuwachs – aber auch keinen Leistungsabfall, obwohl weniger Zeit für die Vermittlung von Wissen blieb.

Das Konzept "Bewegter Unterricht" versucht beides zu verbinden: Inhalte und Bewegung. In dem US-amerikanischen Grundschulprojekt PAAC (kurz für: Physical Activity Across the Curriculum, auf Deutsch: "körperliche Aktivität quer durch den Lehrplan") wurden Lehrer angehalten, pro Woche insgesamt 90 Minuten mehr Bewegung in ihre Unterrichtsstunden zu bringen – vor allem über die Aufgabenstellung. In Geometrie etwa stellten die Kinder Figuren wie Zylinder, Dreiecke oder Kreise mit ihrem Körper dar. Um in Erdkundeunterricht die Lage von Ländern und Regionen zu lernen, wurde der Klassenraum in die vier Himmelsrichtungen eingeteilt. Je nachdem, welchen Ort der Lehrer benannte, rannten oder hüpften die Kinder in die jeweiligen Teile des Raums. Einen großen Teppich mit Buchstaben nutzen die Pädagogen für Buchstabierübungen. Das Ergebnis: Die Schüler des Projekts bewegten sich pro Tag deutlich mehr als Gleichaltrige, die normalen Unterricht hatten. Nach drei Jahren in dem Projekt waren sie in Mathematik, Lesen und Buchstabieren besser als Gleichaltrige, die nicht nach dem Konzept unterrichtet wurden. Auch in Deutschland setzt sich die Methode zunehmend durch, allerdings fehlt es oft an aussagekräftigen Auswertungen.

Kinder sollten sich auch außerhalb des Unterrichts bewegen

Bedeutsam für die geistige Fitness scheint ebenfalls zu sein, wie viel die Kinder sich außerhalb des Unterrichts bewegen. Schüler, die generell aktiver und körperlich fitter sind, schneiden zahlreichen Untersuchungen zufolge in der Schule besser ab. Sie sind aufmerksamer, haben bessere Gedächtnisleistungen und sind in Reaktionstests schneller als weniger sportliche Kinder. Nicht selten hängt das allerdings auch mit der finanziellen Situation im Elternhaus zusammen. Gut situierte Familien haben mehr Mittel, um ihre Kinder zu fördern – schulisch und sportlich.

"Ein weiteres Problem ist, dass man noch nicht genau weiß, welche Art von Bewegung welchen Effekt auf das Lernen hat", sagt Katrin Adler, die am FoSS zu Bewegung im Vor- und Grundschulbereich forscht. Genügt Gymnastik in der Stundenmitte, sollte es der tägliche Dauerlauf sein, oder kann auch schon Fechten in der ersten Stunde die Denkfähigkeiten von Schülern beflügeln? Dazu gibt es Adler zufolge meist nur einzelne Studienergebnisse, keine gesicherten Aussagen. Aktuell erwartet man vor allem von intensiven Belastungen positive Wirkungen: "Wenn die Kinder für zehn Minuten bewegungsaktiv ins Schwitzen und Schnaufen kommen, können sie sich besser konzentrieren und erreichen anschließend bessere Leistungen", sagt Adler.

Wie sieht der perfekte Schultag für Kinder nun also aus? Die Forscherinnen Adler und Scharenberg haben da klare Vorstellungen: "Die Kinder kommen mit dem Rad oder zu Fuß zur Schule. Mindestens 500 Meter vom Auto der Eltern bis zum Schulhaus wären gut. Der möglichst tägliche Sportunterricht fällt sehr selten aus. Die Lehrer machen Bewegungspausen. Die Schule fördert Aktivität an der frischen Luft sowie im und nach dem Unterricht."

Mehr Bewegung, bessere Noten – ist das wirklich so einfach? Auch wenn Studien es nahelegen: "Tatsächlich gibt es noch nicht genug Nachweise, dass Sport und Bewegung sich wirklich direkt auf die Schulnoten auswirken", räumt Petra Jansen, Professorin am Institut für Sportwissenschaften der Universität Regensburg, ein. "Wir wissen aber mit Sicherheit, dass körperliche Aktivität Denkprozesse fördert, die das Lernverhalten und somit auch die Schulleistungen beeinflussen können."