Nachdem man Denis Villeneuve ("Arrival", "Sicario") die Verfilmung eines Nachfolgers von "Blade Runner" angetragen hatte, stand der renommierte kanadische Regisseur vor einem gewaltigen Problem. Er musste an ein ikonisch gewordenes Werk anknüpfen, das im Grunde kaum zu übertreffen ist, gleichzeitig aber eine eigenständige Schöpfung auf die Leinwand bringen.

Ohne Zweifel empfahl ihn sein mehrfach ausgezeichneter Science-Fiction-Film "Arrival" (siehe die SciViews-Rezension Selbsterfahrung mit Aliens) für diese Aufgabe. Nun zeigt sich: Mit "Blade Runner 2049" hat der Kanadier sie bravourös gelöst. Im Film von 1982 ging es Regisseur Ridley Scott um den Niedergang der Zivilisation, um moderne Sklaverei, die Folgen der künstlichen Erschaffung von Lebewesen und um die Zuverlässigkeit der Erinnerung. Villeneuve dagegen zeichnet das epische Bild einer Menschheit im Angesicht ihres drohenden Endes.

Im Jahr 2049 liegen die nächtlichen Straßenschluchten von Los Angeles im Dunkeln, nur gelegentlich von Leuchtreklamen erhellt. Die Natur rund um die Stadt ist abgestorben, Holz wird unermesslich teuer gehandelt, Insektenlarven liefern Protein für die Massen. Bei einem rätselhaften Blackout im Jahr 2021 wurden fast alle elektronischen Daten gelöscht, nur papierene Dokumente blieben erhalten. 2019 – das Jahr, in dem "Blade Runner" spielt – war es noch die Tyrell Corporation, die künstlich gezüchtete Menschen herstellte. Nun aber erfahren wir, dass sie die Geschäftsgrundlage verlor, als ihre so genannten Replikanten blutige Aufstände anzettelten und verboten wurden. Ein neuer Konzern übernahm: Geleitet vom diabolischen Genie Niander Wallace, sicherte er zunächst die Welternährung, konzentriert sich aber inzwischen auf den Bau neuer – scheinbar – fügsamer Replikanten, die in großer Zahl Sklavenarbeit auf der Erde verrichten.

Und doch zeichnet Leere die teils grandiosen Landschaften des Films aus. Sie spiegelt auch die innere Leere des Protagonisten: Der namenlose Replikant KD6-3.7 (gespielt von Ryan Gosling), genannt Officer K, gehört zu den Blade Runnern, die, ohne Fragen zu stellen, die letzten ihrer widerspenstigen Vorgängermodelle jagen. Fast zwanghaft scheint er nach seiner Vergangenheit zu suchen, an die er sich bruchstückhaft erinnert. Ein nahezu hoffnungsloses Unterfangen: Das, was er für sein Gedächtnis hält, könnte ihm bei seiner Herstellung implantiert worden sein – so täuschend echt, dass er den Unterschied nicht spüren würde.

Auch andere Charaktere legt Villeneuve als Archetypen an. Vergeblich versucht der teuflische Wallace (Jared Leto), Gottes Schöpfung nachzuahmen – doch seine Replikanten sind nicht fruchtbar. Seine Assistentin Luv, deren Name gesprochen wird wie "Love", die aber von eiskaltem Hass erfüllt ist, ist selbst eine Replikantin. Sie hat einem Menschen zu dienen, obwohl sie dessen Spezies verachtet. Während sie für ihn mordet, laufen Tränen über ihr unbewegtes Gesicht. Rick Deckard (Harrison Ford), der alt gewordene Blade Runner aus dem ersten Film, lebt als verbitterter Einsiedler in der Wüste – in einem riesigen, von gefallenen Statuen umgebenen Kasinokomplex, erinnernd an "Ozymandias", in dem Percy Bysshe Shelley die Vergänglichkeit von Herrschaft und Ruhm besingt.

Die Zerrissenheit der Protagonisten spiegelt sich in der Widersprüchlichkeit ihrer Umwelt. Die gigantische Staumauer, die Los Angeles bewahren soll, ist technisch gesehen Unfug: Sie wäre dem steigenden Meeresspiegel schlicht nicht gewachsen. Der letzte Baum ist vertrocknet und die Wüste hat sich breit gemacht, obwohl gleichzeitig das Wetter verrückt spielt: Fast unentwegt regnet, schneit und stürmt es. Riesige Solarkraftwerke erstrecken sich vor der Stadt, doch über ihr hängt der Smog. Auch manche technische Gerätschaft erscheint lächerlich primitiv und verblüffend futuristisch zugleich.

Wie schon in "Arrival" ordnet Villeneuve die Science-Komponente der Fiction unter, um das Kernthema seines Films schärfer hervorzuheben. Wie reagiert die Menschheit auf die Gefahr, dass sie die Krone der Schöpfung bald an eine andere Spezies abtreten muss? Replikanten sind von Menschen kaum zu unterscheiden, zudem stärker, gesünder und intelligenter und bald auch mit der Fähigkeit zur Fortpflanzung ausgestattet.

Die Menschheit steht vor dem Abgrund, so scheint Villeneuve anzudeuten, und hat es vielleicht auch nicht besser verdient. Am ehesten erschließen sich die Absichten des Regisseurs womöglich über die Symbole und Metaphern, die überall in seinem Film zu finden sind. Eine der Figuren leidet beispielsweise am "Galater-Syndrom". In der Medizin ist es unbekannt, Paulus' Galaterbrief jedoch widmet sich der Befreiung der Menschen aus der Sklaverei. Bei Villeneuve sind es Replikanten mit menschlichen Regungen, die Gefangene ihrer Erschaffer bleiben – und er gesteht ihnen zu, dass sie auf ihre Erlösung hinarbeiten.

So bildgewaltig sein Opus Magnum, so gelungen auch dessen dramaturgische Inszenierung. "Blade Runner 2049" folgt einer Regel, die viele gute Geschichten auszeichnet: "Wenn im ersten Akt eines Dramas eine Büchse an der Wand hängt, dann hat sie im letzten loszugehen." Jede Szene in dem 154 Minuten langen Werk hat ihre Berechtigung, jeder Dialog seine Bedeutung, jedes Requisit eine Verwendung. Episch und minimalistisch zugleich erzählt Villeneuve eine große Parabel auf das drohende Ende der Menschheit.