Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Entstehung eines menschlichen Individuums

    19.06.2008, Dr. Alfons Hack, Grafing
    Urban Wiesing entlarvt die Diskussion, nein den Streit um das Stammzellengesetz als einen Stellvertreterkrieg, bei dem es um die weltanschauliche Deutungshoheit im Selbstverständnis des Menschen, also letztendlich um Macht geht. Wie wahr! Und wie bei jedem Krieg sind die eingesetzten Methoden unredlich und unsauber; dies gilt u.a. für das Vokabular der so genannten „Lebensschützer“. Beharrlich sprechen sie von der Entstehung von Leben, wo dies mit absoluter Sicherheit grundfalsch ist.

    Denn das Leben entstand, wie wir wissen, vor über drei Milliarden Jahren und der heutige Mensch vor mehreren Zehntausenden von Jahren.

    Die Träger jedweden Lebens sind ausschließlich die Zellen. Jede menschliche Haarwurzelzelle lebt, genauso wie jedes Spermium und wie jede Eizelle. In einer Vielzahl von Labors leben noch heute HeLa-Zellen mit einem Mehrfachen an Gewicht der Zellspenderin, während Henrietta Lacks, aus deren Gebärmutterhalskrebs diese Zelllinie abstammt, bereits vor über fünfzig Jahren verstarb. Niemand nimmt Anstoß, wenn HeLa-Zellen in der Forschung oder wenn bei Operationen menschliche Zellen getötet werden.

    Die Frage kann also einzig und allein lauten, wann ist in der Embryonalentwicklung ein menschliches Individuum entstanden?

    Sicher nicht zu dem Zeitpunkt, wenn Eizelle und Samenzelle zur Zygote verschmelzen. Denn zu diesem Zeitpunkt hat die Eizelle den Auswahlprozess des Genanteils, den sie beisteuert, noch nicht abgeschlossen. Um das Kriterium der genetischen Individualität zu retten, verschieben deshalb viele „Lebensschützer“ den Zeitpunkt der „Lebensentstehung“ vom Anfangspunkt der Embryonalentwicklung weg auf die erst ca. 24 Stunden später stattfindende Kernverschmelzung; auch dies ist fragwürdig, da wichtige Gene des Immunsystems erst wesentlich später zusammengesetzt werden.

    Selbst der Blastocyste fehlt noch diejenige körperliche Individualität, die gemäß einer Definition des Konzils von Chalcedon (451 n. Chr.) an einen individuellen, unteilbaren Körper gebunden ist. Gerade dies trifft für den frühen menschlichen Embryo nicht zu, kann sich doch dieser Embryo - bei der Entstehung eineiiger Zwillinge – in zwei Embryonen teilen; oder im umgekehrten Fall, wenn sich zwei Embryonen zu einem vereinigen. Auch wird wohl niemand von einem schützenswerten, menschlichen Individuum sprechen, wenn aus einer Zygote nur ein Karzinom (Epitheliom) heranwächst, eine bösartige Krebsgeschwulst. Und wo bleibt in solchen Fällen die menschliche Seele, die - wie die Theologen zu wissen glauben - bereits die befruchtete Eizelle in sich trägt?

    Vielleicht zeigt der seltene medizinische Fall eines Fötus in Föto am besten, dass die menschliche Individualität und damit die Menschenwürde eng an die Ausbildung eines menschlichen Körpers geknüpft ist. Wohl niemand wird das manchmal kindskopfgroße Gebilde, das oft in wirrem Durcheinander die verschiedensten menschlichen Gewebe enthält, als einen Menschen bezeichnen, auch wenn es sich aus einer menschlichen Zygote entwickelt hat. Es kann doch nicht sein, dass die Zygote bereits Menschwürde besitzt, diese aber wieder verlieren soll, so sie sich nicht regulär entwickelt.

    Es ist daher bedauerlich, dass ihr Autor, der vielfach präzise argumentiert, an entscheidenden Stellen die - im Zusammenhang mit der Embryonalentwicklung - falsche Diktion von der Entstehung menschlichen Lebens übernimmt. Wieso formuliert er nicht wissenschaftlich exakt und spricht von der Entstehung eines menschlichen Individuums?

    Auch wäre es interessant zu erfahren, welche Wissenschaft dem Autor mitteilt, dass – wie er schreibt – bereits mit der Befruchtung oder etwas später, ein neues menschliches Wesen entstanden sei.
  • Unsaubere Übersetzung verzerrt die Rangliste

    19.06.2008, M.Leute
    Kein Wunder, dass Zinn so weit vorne auftaucht, schließlich bedeutet im Englischen Tin zwar auch Zinn, meist aber Blech (Metall unbestimmt, üblicherweise aber Eisen/-legierung). Tin Roof beispielsweise heißt nichts anderes als Blechdach. Wenn nur solche Zitate aufgenommen würden, bei denen wirklich das Zinn gemeint ist, würde es weit abgeschlagen hinter Eisen landen.
  • Nachträglicher Kommentar des Forschers

    19.06.2008, Marc Thioux
    Die TMS-Studie, die Sie beschreiben, ist wirklich interessant. Ich denke, dass einer der Gründe, warum nicht jeder mit einer autistischen Störung und einem bestimmten Interessensgebiet zum Savant wird, darin liegt, dass es einer Art Ungleichgewicht in der Lernfähigkeit des Gehirns bedarf. Wenn eine Hirnregion eine nahezu normale Lernfähigkeit aufweist, andere aber nicht, wird sich das Interesse des Kindes auf etwas richten, das die gesunden Hirnareale beansprucht. Es macht Spaß, wenn etwas funktioniert, und weniger, wenn man versagt. Auf diese Weise bleiben die Savants sehr leicht in einem begrenzten Themenbereich stecken.

    Ich glaube, wenn eine Hirnregion in ihrer Funktion erhalten bleibt, dann meistens die okzipitale und die parietale oder temporo-parietale. Es ist erstaunlich zu beobachten, dass die meisten - wenn nicht sogar alle - Fähigkeiten der Savants sich auf diese Areale beziehen, zum Beispiel das Zeichnen und das Spielen von Musikinstrumenten. Die Temporal- und Frontallappen sind dagegen oft beeinträchtigt.

    Beste Grüße,
    Marc Thioux
  • Warum genau hatte Stradivaris Geigenholz eine geringe Dichte?

    18.06.2008, W. Schmitt
    Hallo,

    Entschuldigung, ich habe obigen Artikel nicht verstanden. Wenn ein Baum in kälterer Umgebung aufwächst, liegen doch die Jahresringe näher beieinander, der Anteil des dichteren Holzes ist also prozentual höher. Wieso wird dann das Holz weniger dicht? Wenn möglich bitte eine kurze Antwort.

    Gruß
    W. Schmitt
    Antwort der Redaktion:
    Liebe(r) W. Schmitt,



    Danke für Ihre Frage. Es scheint paradox: Kaltes Klima führt zu dichter liegenden Jahresringen und doch zugleich zu einer geringeren(!) Holzdichte.


    Dies ist auch in der Tat keineswegs so ganz einfach zu verstehen. Im Studienfach Materialwissenschaften beschäftigen sich Studenten nicht umsonst über längere Zeit mit Holz und seinen Eigenschaften.



    Ohne zu sehr ins Detail gehen zu können, lässt sich Folgendes sagen: Zwischen 1520 und 1750 gab es ungewöhnlich kalte Sommer und trockene Winter. Bei solchen Klimabedingungen überwiegt der Frühholzanteil mit großporigen Zellen mit hauchdünner Zellwand, während sich bei mildem Klima vorwiegend Spätholz mit dicken Zellwänden und kleinem Porenraum bildet. Relevant für die Holzdichte sind also die Zellwände, nicht so sehr die makroskopisch sichtbaren Jahresringe.



    Das Holz aus Stradivaris Zeit hatte also auf Grund der dünnen Zellwände eine niedrige Dichte, war sehr leicht und trotzdem extrem biegesteif - genau so, wie es der virtuose Handwerker brauchte.



    Herzliche Grüße

    Vera Spillner

  • Bildkommentar "Kubismus III"

    17.06.2008, Martin Heider, Menden
    Leider sind unmittelbar an einen Wettbewerbsbeitrag angebundene Kommentare nicht möglich. Das habe ich schon manchmal bedauert, heute aber ganz besonders.

    Vor genau drei Wochen ist der Wettbewerb ausgelaufen, dankenswerterweise aber die Einsendung weiterer Beiträge möglich geblieben.

    Seitdem sind viele Bilder und Videos eingestellt worden, die sich bequem mit den gültigen Wettbewerbsbeiträgen messen können.

    Besonders hinweisen möchte ich aber auf einen heute eingestellten Beitrag des rührigen Gerhard Brunthaler aus Linz - der nach meinem künstlerischen Empfinden alles Bisherige mit Abstand in den Schatten stellt, natürlich einschließlich meiner eigenen Arbeiten.

    "Kubismus III" mag mathematisch nicht unglaublich einfallsreich sein, aber das Ergebnis würde ich mir in jeder Kunstausstellung mit Ehrfurcht und Bewunderung ansehen.

    Falls es denkbar ist, einen Sonderpreis außer Konkurrenz zuzuerkennen, wäre dies mein Vorschlag - auch wenn sein keplersches Modell der Planetenbahnen viel mehr Einfallsreichtum und Arbeit erfordert hat und gleichfalls eindrucksvoll gelungen ist.

    Das ist eine persönliche Meinung, die ich mangels anderer Möglichkeit nun hier als Leserbrief zum Wettbewerb einstelle.

  • ...und transsexuelle Gehirne?

    17.06.2008, Roland B., Nürnberg
    Wurde schon untersucht, ob es ähnliche
    Auffälligkeiten bzw. Unterschiede
    in der Gehirnstruktur bei Transsexuellen gibt?
    Antwort der Redaktion:
    Unseres Wissens nicht.
  • "Siegerehrung des Wettbewerbs"

    16.06.2008, Florian Aigner, Timelkam
    Wann werden voraussichtlich Ergebnisse des Wettbewerbs veröffentlicht?
    Wo/ wann findet genau die Ausstellung "Imaginary" statt und werden dort Bilder des Wettbewerbs auch hergezeigt??

    Antwort der Redaktion:
    Die Gewinner des Wettbewerbs werden nach bisheriger Planung in den "Mathematischen Unterhaltungen" in der Augustausgabe veröffentlicht, zusammen mit etlichen Erfahrungen aus dem Wettbewerb.

    Die Ausstellung "Imaginary" fährt zurzeit auf dem Wissenschaftsschiff durch Deutschland. Zugleich gastiert sie im Moment in Potsdam und im Laufe des Jahres in weiteren Städten. Einzelheiten unter http://www.imaginary2008.de.

    Meines Wissens ist es bisher nicht vorgesehen, die Ausstellung um Bilder aus dem Wettbewerb zu ergänzen.


    Christoph Pöppe
  • Schieflage

    16.06.2008, Prof. Dr. Peter A. Henning, Weingarten
    Der Artikel von Urban Wiesing offenbart eine bedauerliche, um nicht zu sagen: bedenkliche Schieflage. Der einen Seite in der Stammzellendebatte attestiert er "unverhandelbare" absolute Positionen, gibt ihr sogar frech den knappen und überaus positiv besetzten Namen "Lebensschützer". Als ob es um den Schutz des Lebens im Allgemeinen ginge!

    Der anderen Seite hingegen (wo bleibt ein positiv besetzter Gruppenname für diese?) unterstellt er weiche, verhandelbare Positionen, lässt sich lang über Pluralität und Demokratie aus - und offenbart die Bereitschaft, die Positionen dieser zweiten Seite beliebig zu verschieben. Honi soit qui mal y pense...

    Schnell werden so Meinungen zu absoluten Wahrheiten - denn keineswegs ist es die Wahrheit, dass "alles, was uns die Wissenschaft sagt" bedeutet, dass bereits aus der Verschmelzung zweier Zellen ein "neuer Mensch" entsteht.

    Wiesing hat natürlich das Recht auf seine eigene Meinung. Mit diesem Artikel aber macht er sich des schlimmsten Vergehens gegen die Wissenschaft schuldig: Er tarnt diese Meinung als objektive Realität. Es verwundert darum nicht, dass wir in Deutschland eine so restriktive Regelung haben.

  • Locker bleiben

    15.06.2008, Heidi Seidl
    Sehr geehrter Herr Norbert Derksen,
    ich bin der Natur dankbar, dass ich eine meiner beiden Gehirnhälften deaktivieren kann (Sie vermuten richtig, es ist die, in der die mathematischen Fähigkeiten versteckt sind). Wie kann man ein Spiel nur so ernst nehmen. Take it easy, lasci perdere...
    Mit freundlichem Gruß
    Ihre dankbare Heidi Seidl, die nichts mit dem Wettbewerb zu tun hat (s. Gehirnhälfte)
  • Algebraische Flächen in Stereo

    13.06.2008, Baumann Eduard, 71 Le Pafuet, 1724-Le Mouret
    Mathekunstbilder können leicht als Stereopaare offeriert werden: Nur eines der beiden Bilder leicht ausdrehen, und fertig!

    Siehe "lätzgfäderet in Stereo" in der LeserBilderGalerie.
  • Erfinder des ersten tragbaren Telefons

    13.06.2008, Dr. Konrad Heck
    Der Erfinder des ersten tragbaren Telefons war nicht Martin Cooper, sondern Erich Kästner! In dem Kinderbuch "Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee" schildert er bereits 1935 im Kapitel "Vorsicht Hochspannung" die Begegnung von Konrad und dessen Onkel mit einem Herrn, der vor ihnen vom rollenden Trottoir auf die Strasse trat und einen Telefonhörer aus der Manteltasche zog, eine Nummer hineinsprach und mit seiner Frau Gertrud telefonierte. (S. 105)
  • Gratulation !!!

    12.06.2008, Friedemann Reiffenstein
    Wunderbares Team mit grossartigem, humorvollem Chef !
  • Klischee bedient

    12.06.2008, Torsten Waldminghaus, Oslo
    Wenn ich richtig verstanden habe, wünscht sich die Autorin mehr Wissenschaftler, die ihre Forschung in die Oeffentlichkeit tragen. Leider werden die wenigen, die dies tun als "Selbstdarsteller" bezeichnet und wird ihnen direkt dazu attestiert, dass sie "nicht die guten Wissenschaftler" sind. Damit werden genau die Vorurteile gefördert, die Wissenschaftler oft vor der Populärwissenschaft zurueckschrecken lassen. Ich ziehe jedenfalls meinen Hut vor jedem Wissenschaftler, der sich nicht zu schade ist, einen Artikel für die Lokalzeitung zu schreiben und meiner Erfahrung nach sind gerade das "die Guten".
  • Der sechste Sinn

    11.06.2008, Margrith Keusch, CH-5612 Villmergen
    Uebers Internet bin ich zufällig auf den Artikel über den 6. Sinn, " ein Sinnesorgan das Elektrizität misst ", der Haifische gestossen. Viele Menschen haben diesen 6. Sinn auch. Sensible Menschen reagieren auf Reize, Spannung, elektrische Felder, Wasseradern, Wetterwechsel, Druck, Stress.
    Vielleicht wären dies somit Anhaltspunkte in der Erforschung der Parkinsonkrankheit. Dort tappt man noch im Dunkeln, was den Auslöser des Dopaminmangels betrifft.
  • Fluorid im Wasser

    10.06.2008, Prof. Dr. Peter Bottenberg, Brüssel
    auf Seite 68 steht, daß der Grenzwert für Fluorid im Trinkwasser in warmen Ländern bei 1,5 mg/l liege. Dieser Wert gilt für gemäßigte Klimazonen und muß je nach regionalen Gegebenheiten (Wasseraufnahme, Temperatur...) angepasst werden. Leider liegen der WHO in warmen Ländern, wo zum Teil erhebliche Mengen Fluorid im Wasser vorkommen (bis zu 50 mg/l in Kenia) keine vollständigen Daten vor, so daß es für diese Länder keinen wissenschaftlich abgesicherter Grenzwert gibt (WHO: Fluoride in drinking water, 2006). Sicherheitshalber sollte der Wert für die tägliche Wasserversorgung halbiert werden (0,7 mg/l).
    Die Person, deren Skelett auf Seite 69 abgebildet ist, hat sicherlich zu Lebzeiten regelmäßig Wasser mit deutlich über 4 mg/l konsumiert.
    Neben der Fluoridaufnahme trägt auch mangelhafte Ernährung als erschwerender Faktor zur Entstehung der Knochenschäden bei.
    Bemerkenswert ist auch, daß in China nicht das Wasser, sondern Verbrennung fluoridhaltiger Steinkohle (zum Teil in primitiven Feuerstellen) zum Fluoroserisiko beiträgt.
    Antwort der Redaktion:
    Antwort der Autoren:



    Wesentlich für die Knochenschädigung ist natürlich die Menge des vom Körper aufgenommenen Fluorids. Den Konzentrationsgrenzwerten für Trinkwasser liegt deshalb immer ein angenommener Durchschnittsverbrauch an Wasser zugrunde. Je wärmer das Klima, desto höher der Wasserbedarf, und desto geringer die empfohlene Maximalkonzentration an Fluorid pro Liter. Auch das Körpergewicht spielt eine Rolle, weshalb teilweise für Männer und Frauen unterschiedliche Grenzwerte angegeben werden. Die Knochenverwachsungen der Dilmun zeigen, dass skeletale Fluorose nicht nur bei Extremwerten der Fluoridkonzentrationen auftritt (den oben erwähnten 50 mg/l), sondern durchaus auch bei Konzentrationen von nur wenigen mg/l. Die Forderung von Prof. Bottenberg nach einer Halbierung des Grenzwertes für Fluorid im Trinkwasser ist deshalb vernünftig und angebracht. Erwähnt sei hier allerdings nochmal, dass die moderne Trinkwasserversogung Bahrains über die Meerwasserentsalzung erfolgt; dieses Wasser enthält praktisch kein Fluorid.