Die, zumindest für Frauen, unbequeme Antwort lautet: Ja, das weibliche Geschlecht leidet vergleichsweise stärker. Wie sehr ein Mensch Schmerzen empfindet, wird allerdings auch von einigen anderen Faktoren beeinflusst.

Zunächst einmal stellt sich aber die Frage, wie überprüft werden kann, ob eine(r) mehr Schmerzen hat oder einfach nur lauter jammert? Kann Schmerz überhaupt objektiv gemessen werden? Bislang nicht. Einen Umweg um dieses Problem haben aber Jon-Kar Zubieta und seine Kollegen von der University of Michigan eingeschlagen. Dazu injizierten sie acht Frauen und acht Männern (alles Freiwillige) zunächst langsam, aber stetig Salzwasser in den Kiefermuskel, um für etwa 30 Minuten einen dumpfen Schmerz auszulösen, den die Probanden dann subjektiv auf einer Schmerzskala bewerteten. Zuvor war ihnen zudem eine radioaktive Lösung gespritzt worden, mit der die Aktivität der Opioidrezeptoren des Nervensystems überwacht werden konnte [1]. Diese Rezeptoren sitzen an den Verbindungen zweier Nervenzellen und werden angeregt, sobald körpereigene Schmerzmittel wie Endorphine und Enkephaline an sie binden. Dadurch verringern sich zunächst einmal die subjektiv wahrgenommenen Schmerzen.

Während des Schmerzstimulus wurden im Experiment nun die Gehirnaktivität und der Weg der Markerlösung verfolgt und das Empfinden der Probanden abgefragt. Während die Männer größtenteils ein subjektives Nachlassen des Schmerzes empfanden, erlebten Frauen den Schmerz immer gleich bleibend intensiv. Anders als Frauen schienen sich die Männer an den Schmerz gewöhnen zu können. Das hat Gründe, wie das Experiment nahelegt: Offenbar wird bei den Geschlechtern die Schmerzantwort des Körpers unterschiedlich reguliert. Denn Männer schütteten mehr Endorphine und Enkephaline als Frauen aus. Und je stärker dadurch die Opioidrezeptoren aktiviert wurden, umso schwächer erlebten die männlichen Versuchspersonen den Schmerz. Ihr körpereigenes Schmerzhemmsystem lief auf Hochtouren.

Bei Frauen hat übrigens vor allem auch der Hormonspiegel einen Einfluss auf das Schmerzempfinden: In der Phase ihres Menstruationszyklus, in der das meiste Östrogen ins Blut abgegeben wird, werden nach einem Schmerzreiz auch mehr Endorphine ausgeschüttet, und es sind mehr Opioidrezeptoren vorhanden. Daher sind Frauen an diesem Punkt ihres Zyklus am wenigsten anfällig für Schmerzen – der Hormonschuss erlaubt ihnen nun, Schmerzen ähnlich flexibel zu tolerieren wie Männer [1, 2]. Zudem haben Frauen generell ein besseres sensorisches Empfinden. Kleine Temperaturabweichungen, aber auch Gerüche und Farben können sie besser unterscheiden. Womöglich sorgt dies für eine niedrigere individuelle Schmerzschwelle: Sie können den Schmerz besser wahrnehmen und ihn deutlicher beschreiben [3].

Haare und Hormone

Neben dem Hormonspiegel beeinflusst eine weitere Eigenschaft das weibliche Schmerzempfinden: die Haarfarbe! Rothaarige Frauen reagieren zwar empfindlicher auf Hitze- und Kälteschmerz, aber unempfindlicher auf Druckreize als beispielsweise brünette Frauen. Die rote Haarfarbe entsteht durch bestimmte Varianten des Gens Mc1r – zudem beeinflussen diese auch den Bau und die Funktion der Opioidrezeptoren. So haben Schmerzmittel, die diesen Rezeptor ansprechen, bei rothaarigen Frauen einen deutlich stärkeren Effekt als bei anderen Frauen – bei Männern jedoch gar keinen, und zwar gleichgültig, welche Variante des Gens sie in sich tragen. Die Geschlechtsunterschiede in der Schmerzhemmung werden offenbar auch durch unterschiedliche Verarbeitungswege hervorgerufen [4, 5].

Individuelle Einflüsse der Gene und des Gehirns

Doch auch innerhalb der Geschlechtergruppen gibt es schmerzlosere und empfindlichere Menschen. Und daran sind nicht nur die Gene schuld: Auch unterschiedliche Erfahrungen verändern das Schmerzempfinden jedes Einzelnen. Tatsächlich nehmen sogar eineiige Zwillinge Schmerz unterschiedlich wahr. Als Ursache werden epigenetische Mechanismen vermutete, die im Lauf des Lebens bei Personen mit niedriger Schmerzschwelle vor allem ein Gen ganz besonders modifizieren: Auf ihm liegt die Information für ein wichtiges Protein der Nozizeptoren. Das sind die freien Nervenendigungen, die thermische, chemische oder mechanische Reize wahrnehmen können und so Verletzungen registrieren. Das Protein, ein Ionenkanal, spielt eine wichtige Rolle bei der Thermosensitivität – je nach epigenetischer Modifikation wird es von den Zellen häufiger oder seltener hergestellt [6].

Übrigens können unterschiedliche Schmerztypen – der empfindliche oder beinharte – schon durch den Blick auf das Gehirn erkannt werden: So haben Menschen, die Schmerzen intensiver wahrnehmen, deutlich weniger graue Hirnsubstanz in den Regionen des Gehirns, die man dem so genannten Ruhezustandsnetzwerk zuordnet. Diese Bereiche sind aktiv, wenn wir tagträumen oder unseren Gedanken nachhängen. Offenbar konkurriert die Tätigkeit dieser Hirnregionen mit der Gehirnaktivität, die für eine Schmerzerfahrung verantwortlich ist. Personen mit viel grauer Substanz und hoher Aktivität in diesem Netzwerk sind demnach weniger anfällig für Schmerzen [7].