Die Europäische Union gefällt sich in einer Vorreiterrolle: Bis 2020 möchte sie den Verlust an Artenvielfalt auf ihrem Gebiet beenden. Und beim Klimaschutz sieht sich die EU mit Deutschland vorneweg ohnehin als treibende Kraft, ohne deren Wirken sich die Welt noch weniger anstrengen würde, um den Ausstoß des klimaschädigenden Kohlendioxids zu verringern. Doch beides passt überhaupt nicht zu den Ergebnissen eines jetzt vorgestellten Berichts der niederländischen NGO Fern: Die Organisation überwacht, wie sich die europäische Politik auf die Wälder weltweit auswirkt. Dafür untersuchte sie nun, welchen Anteil die EU am Welthandel mit Gütern hat, die auf illegal abgeholzten Regenwaldflächen zwischen 2000 und 2012 produziert wurden.

Die Ergebnisse sind jedenfalls ein Schlag ins Gesicht für die Politik der EU: Die Mitgliedsländer führen demnach 25 Prozent des Sojas, 18 Prozent des Palmöls, 15 Prozent des Rindfleisches und 31 Prozent des Leders ein, die weltweit aus widerrechtlich zerstörten Regenwäldern stammen. Die Europäische Union ist damit global gesehen der größte und wichtigste Akteur im Handel mit Konsumgütern, für die wertvolle Naturflächen am Gesetz vorbei zerstört wurden, so Fern in einer Stellungnahme. Dominiert wird der Handel von fünf Nationen: Italien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden, über deren Häfen ein Großteil der Einfuhren erfolgt. Sie verbrauchen fast zwei Drittel dieser Güter, wobei die Schwerpunkte von Staat zu Staat unterschiedlich sind.

Daniel Lingenhöhl
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Deutschland und die Niederlande stehen an vorderster Stelle beim Palmöl aus Indonesien und Malaysia, das hier zu Kosmetika verarbeitet und in Lebensmitteln verwendet wird. Großbritannien ist das wichtigste Zielland für eingeführtes Rindfleisch, Italien für Leder, das wohl überwiegend in Schuhen endet. Frankreich wieder importiert einen großen Teil des beanstandeten Sojas, um es an Hühner und Schweine zu verfüttern. Die Ursprungsländer sind vor allem Brasilien (Soja, Fleisch, Leder) und Indonesien (Palmöl), gefolgt von Malaysia (ebenfalls Palmöl) und Paraguay (Soja, Fleisch, Leder) – gerade letzterer Staat gehört seit einigen Jahren zu den Ländern mit der höchsten Entwaldungsrate weltweit. Insgesamt umfasst der Handel einen Wert von rund sechs Milliarden Euro.

Die Studie von Fern bestätigt andere Untersuchungen, die beispielsweise belegen, dass die EU den größten Teil ihres Sojabedarfs aus dem brasilianischen Amazonasbecken bezieht. Gleichzeitig steigt nach Jahren des Rückgangs die Entwaldungsrate in Brasilien wieder deutlich an, wobei ein Großteil der Abholzung schlicht illegal geschieht.

Indem sie zu wenig gegen den Import dieser letztlich ebenfalls illegal erzeugten Produkte unternimmt, verstößt die Europäische Union täglich gegen die eigenen Ziele: Die Zerstörung der Regenwälder setzt Kohlendioxid frei, das den Klimawandel verstärkt. Gleichzeitig fallen sie als Kohlenstoffspeicher aus, was ebenfalls die Erderwärmung vorantreibt. Und als artenreichstes Ökosystem der Erde gehen mit den Abholzungen natürlich wertvolle Lebensräume für Pflanzen und Tiere verloren. Mit den hehren Zielen zum Schutz des Klimas und der Artenvielfalt passt das jedenfalls nicht zusammen. Mehr noch: Die illegale Landnahme geht meist mit massiver Korruption einher. Dazu kommen Menschenrechtsverletzungen gegenüber indigenen Völkern und Gewalt gegen Menschen, die dagegen ihre Stimme erheben.

Dabei zeigen Initiativen, dass es auch anders gehen könnte: In Brasilien haben sich verschiedene große Produzenten darauf geeinigt, vorerst kein Soja mehr von neu gerodeten Feldern anzukaufen: Das Moratorium wurde bis 2016 verlängert und gilt als großer Erfolg. Es unterband allerdings nicht jegliche illegale Rodungen für den Eiweißlieferanten und verlagerte einen Großteil der Rodungen in die angrenzende Feuchtsavanne des brasilianischen Cerrados beziehungsweise nach Paraguay. Aber immerhin bildet es einen Anfang. In Südostasien dagegen müht sich der "Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl" eher vergeblich um höhere Umweltstandards: Indonesien und Malaysia gehören weiterhin zu den Staaten, die am wenigsten achtsam mit ihren Regenwäldern umgehen.

Hier gilt es nun für die EU endlich anzusetzen: mit klaren Vorgaben bis hin zu Importverboten, wenn Händler nicht lückenlos und gesichert nachweisen können, dass ihre Ware nicht aus illegal gerodeten Regenwaldgebieten stammt. Die Europäische Union besitzt eine Marktmacht, die eine derartige Position erlaubt. Gelingt ihr das nicht und trägt ihre Realpolitik weiter dazu bei, dass Regenwälder für den hiesigen Konsum fallen, macht sie sich angreifbar: Ihre Botschaft hört man dann wohl, allein der Glaube fehlt völlig.