Distickstoffkomplexe, Dinitrogenkomplexe, Koordinationsverbindungen der Übergangsmetalle mit molekularem Stickstoff N2 als Liganden. Bei Raumtemperatur existieren keine homoleptischen D., M(N2)n, jedoch bilden sich diese durch Abschrecken von Metallatom/N2-Gasgemischen auf ~ 10 K als metastabile, beim Erwärmen unter N2-Abgabe zerfallende Verbindungen, wie z. B. Ti(N2)6 (gelbrot, zers. ab 40 K). Demgegenüber sind viele isolierbare heteroleptische D. der Typen LmM(N2)n bzw. LmM2(NL)n mit maxi- und 3 N2-Liganden je Metallatom bekannt. Ausgehend von der Entdeckung des ersten D., [Ru(NH3)5(N2)]2+, konnten in neuerer Zeit zahlreiche D. dargestellt werden. Die dabei genutzten Methoden umfassen z. B. die direkte Addition von N2 an Metallzentren: [RuH2L2] + N2

[RuH2(N2)L2] (L = P(C6H5)3); die Direktsubstitution labiler Liganden durch N2: [Ru(NH3)5(H2O)]2+ + N2 → [Ru(NH3)5(N2)]2+ + H2O; die Reduktion von Übergangsmetallkomplexen in Gegenwart geeigneter Coliganden in einer N2-Atmosphäre:



die Überführung geeigneter, bereits koordinierter N-Liganden in koordiniertes N2: [Mn(η5-C5H5)(CO)2(N2H4)] + 2 H2O2 → [Mn(η5-C5H5)(CO)2(N2)] + 4 H2O. D. enthalten den N2-Liganden meist "end-on" an ein Metallzentrum oder verbrückt an zwei Metallzentren gebunden (M-N≡N| oder M-N≡N-M). Ebenso konnten für den "side-on"-Bindungstyp,



einzelne, kompliziert zusammengesetzte Vertreter erhalten werden. Die Bindungsverhältnisse der D., die den N2-Liganden "end-on"-koordiniert enthalten, ähneln jenen der Metallcarbonyle (Koordinationschemie; CO und N2 sind isoster), die Koordination des Distickstoffliganden führt zu einer Schwächung der N-N-Bindung.

In der Natur spielen D. eine bedeutende Rolle, z. B. bei der Stickstoff-Fixierung durch die in Symbiose mit Leguminosen lebenden Knöllchenbakterien und andere Organismen. Die hierfür verantwortlichen Metalloenzyme, die Nitrogenasen, enthalten zwei verschiedene Proteine, von denen eines ein FeMo-, bzw. FeV- oder FeFe-Protein ist und der Bindung, Aktivierung und Reduktion des N2-Moleküls dient.