"Diese Kette des Leids muss einfach einmal durchbrochen werden!" Der dringende Wunsch, etwas zu verändern, ist Iris-Tatjana Kolassa deutlich anzumerken. Die junge Forscherin, die an der Universität Ulm die Abteilung Klinische und Biologische Psychologie leitet, wird in ihrem Klinikalltag immer wieder mit den Abgründen der menschlichen Seele konfrontiert. Traumatische Erfahrungen belasten offenbar nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern scheinen sich ebenfalls auf die nächsten Generationen auszuwirken, stellte sie fest: "Wenn eine junge Frau mit Depressionen vor mir sitzt, kommt oft sehr schnell heraus, dass ihre eigene Mutter auch depressiv war." Es gäbe Familien, in denen die Mütter über mehrere Generationen hinweg Suizid begangen hätten, erzählt die Psychologin, selbst Mutter von Zwillingen.

Wie ist das zu erklären? Hier soll die Epigenetik weiterhelfen – jene Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, wie die Aktivität von Genen gesteuert wird. Ob ein Erbfaktor ruht oder arbeitet, hängt ebenfalls davon ab, wie er verpackt ist. So verhindern beispielsweise an der DNA anhängende Methylgruppen, dass die hier liegenden Gene abgelesen werden können. Diese epigenetischen Markierungen wiederum ändern sich unter dem Einfluss der gesammelten Lebenserfahrungen. Darunter verstehen Forscher alle Faktoren, die auf einen Organismus einwirken – egal ob Nahrung, Stress, Gifte oder Glück.

Wissenschaftler diskutieren zurzeit, wie und in welchem Umfang die Erlebnisse eines Menschen über epigenetische Veränderungen an die nächsten Generationen weitergereicht werden können …