Eine Alkoholsucht geht am menschlichen Gehirn nicht spurlos vorbei: Zahlreiche Studien deuten inzwischen darauf hin, dass das Gehirnvolumen mit der Zeit abnimmt. Und auch in jenen Arealen, die Gedächtnis, Emotionen und unsere Reaktion auf Belohnungen regulieren, konnten Forscher solche Defizite nach jahrelanger Alkoholabhängigkeit bereits nachweisen.

Die meisten dieser Untersuchungen fokussierten sich bislang allerdings vor allem auf männliche Probanden mit Alkoholproblemen. Eine neue Studie, die Kayle Sawyer von der Boston University School of Medicine und Kollegen nun im Fachmagazin "Psychiatry Research: Neuroimaging" veröffentlichten, bezieht auch Frauen explizit mit in die Forschung ein – und deckte in diesem Zusammenhang interessante Unterschiede im Belohnungssystem von männlichen und weiblichen ehemaligen Alkoholikern auf.

Das neuronale Belohnungssystem besteht aus einem Verbund mehrerer Hirnareale, darunter der Hippocampus, die Amygdala, das ventrale Tegmentum im Mittelhirn und der Nucleus accumbens. Bei Süchtigen unterstützt es vermutlich die Motivation, Alkohol zu trinken – und sorgt unter anderem dafür, dass die Betroffenen ihren Konsum immer weiter steigern, wenn der erwünschte "Belohnungseffekt" sonst nicht mehr erreicht werden kann.

Um herauszufinden, wie sich zügelloser Alkoholkonsum auf dieses Netzwerk auswirkt, vermaß das Team um Sawyer die Areale, die zum Belohnungssystem gehören, sowie jene Regionen, die für die Verhaltenskontrolle zuständig sind, wie etwa den dorsolateralen präfrontalen Kortex. Die Probanden waren jeweils 30 Männer und Frauen, die unter einer Alkoholsucht gelitten hatten und seit einiger Zeit trocken waren. Die Dauer der Alkoholabstinenz reichte dabei von vier Monaten bis hin zu 38 Jahren. Als Kontrollgruppe fungierten Versuchspersonen ohne Suchtprobleme.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Geschlechter

Im Schnitt war das Volumen des Belohnungssystems der ehemals alkoholabhängigen Männer um 4,1 Prozent kleiner als bei männlichen Probanden der Vergleichsgruppe. Dieses Ergebnis hatte das Team um Sawyer erwartet. Bei Frauen zeigte sich dieses Muster allerdings nicht: Die Exalkoholikerinnen hatten im Vergleich zu den nie süchtig gewesenen Frauen ein um 4,4 Prozent größeres Belohnungssystem. Dieser statistische Zusammenhang besage aber keineswegs, dass Alkohol das weibliche Belohnungssystem wachsen lasse, warnen die Forscher. Stattdessen gehen sie davon aus, dass Frauen schon vor Beginn ihrer Sucht bestimmte Besonderheiten im Gehirn aufweisen, die die Alkoholabhängigkeit begünstigen. Leider fehlen den Forschern Langzeitdaten, um diese Vermutung an ihren Probandinnen zu überprüfen. Neben einem dickeren Kortex könnte laut ihrer Untersuchung also auch ein größeres Belohnungssystem einen Risikofaktor für Frauen darstellen.

Auch im dorsolateralen präfrontalen Kortex, der an der Planung und Regulierung des Verhaltens beteiligt ist, zeigten sich die Größenunterschiede: Ehemalige Alkoholiker hatten im Mittel um 9 Prozent weniger Volumen als die Vergleichsgruppe, die weiblichen Teilnehmer hatten im Schnitt dagegen um 13,6 Prozent mehr Hirnvolumen in diesem Bereich als die Frauen ohne Suchterfahrung. Genauere Aussagen über diese möglichen Risikofaktoren können aber nur nach Langzeitstudien gemacht werden – eine solche wird gerade in den USA durchgeführt. Ob diese strukturellen Unterschiede auch erklären können, warum alkoholabhängige Männer eher zu antisozialem Verhalten neigen und betroffene Frauen eher zu Angststörungen, muss ebenfalls noch besser erforscht werden.

Aber es gab auch Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern: Das Volumen des Hippocampus, der laut Vorstudien besonders sensibel auf Alkoholabhängigkeit reagiert, nahm bei beiden Geschlechtern mit steigendem Alkoholkonsum ab. Während das Gehirnvolumen mit zunehmender Intensität der Sucht schrumpfte, wuchsen die mit Hirnflüssigkeit gefüllten Ventrikel an. Hier gibt es jedoch Hoffnung: Denn das Team um Sawyer entdeckte, dass die Dauer der Abstinenz sich positiv auf die Rückbildung dieser Veränderung auswirkte. Das Gehirn erholt sich zum Teil also wieder von den negativen Auswirkungen der Abhängigkeit.