Wir schreiben das Jahr 1825. Zahlreiche Menschen in England sind einem modischen Fieber verfallen: Es herrscht "Ägyptomanie". Unter den Adeligen und Reichen der Zeit ist es zum Volkssport geworden, eine Reise in das Land der Pyramiden zu unternehmen, dort Ausgrabungen zu finanzieren oder wenigstens einige Artefakte aus den Gräbern mit in die kalte Heimat zu bringen.

Unter den Mitbringseln sind nicht selten auch Mumien, die dann in illustren Abendgesellschaften ausgewickelt werden, gerne bei flackerndem Kerzenschein und unter der geflüsterten Darbietung düsterer Geschichten – des Gruselfaktors wegen.

Auch Augustus Bozzi Granville lässt sich eine solche Mumie liefern. Der einbalsamierte Körper stammt aus der Nekropolis von Theben, es ist die Mumie von Irtyersenu, einer Frau aus der 26. Dynastie, die etwa 600 Jahre v. Chr. lebte. Anders als viele der üblichen englischen Hobbyarchäologen seiner Zeit treibt Granville an ihr jedoch nicht die Lust am Makabren, sondern wissenschaftliche Neugier. Denn der gebürtige Italiener ist ein bedeutender Mediziner und Geburtshelfer, besonders interessiert ihn die Anatomie. Dank ihm wird Irtyersenu in die Geschichte eingehen – als erste Mumie, an der eine Autopsie vorgenommen wurde.

Sarkophag der Mumie des Doktor Granville
© Royal Society
(Ausschnitt)
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Bevor er die Mumie von ihren Binden befreite, zeichnete Granville gewissenhaft den Sarkopharg ab. Später dokumentierte er auch ausführlich die Technik, mit welcher der Körper in Stoffbinden gewickelt worden war.
"Nachdem ich so weit vorangekommen war mit meiner Untersuchung der Art und Weise der Konservierung der Mumie vor mir", schrieb Granville 1825, "beschloss ich sie, so perfekt und schön sie auch war, zum Objekt weiterer Forschung zu machen, sie dem anatomischen Messer zu überlassen und infolgedessen ein fast vollständiges Beispiel der ägyptischen Kunst der Einbalsamierung aufzuopfern, in der Hoffnung, diesem merkwürdigen und interessanten Subjekt einige neue Fakten zu entlocken."

Gesagt, getan. Im Beisein seiner Kollegen von der Royal Society of London öffnete er den konservierten Körper der Frau. Sie war zum Zeitpunkt ihres Todes etwa 50 Jahre alt und von korpulenter Statur gewesen. Er beschrieb viele ihrer Organe noch innerhalb des Körpers. Dann entdeckte er an den Eierstöcken der Toten eine Geschwulst. Für Granville stand die Todesursache nun fest: Ein Krebs, so glaubte er, hatte die Frau aus Theben das Leben gekostet.

© Royal Society
(Ausschnitt)
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Doch war der Krebs wirklich die Todesursache? Eine Studie aus den 1970er Jahren, die im Jahr 2000 bestätigt wurde, legte das Gegenteil nahe. Dort hieß es, der Tumor sei gutartig gewesen – und somit nicht für den Tod der Granville-Mumie verantwortlich. Doch was war dann die Ursache?

Bereits in den 1990er Jahren versuchten mehrere Forscher, das zu ermitteln. Die Knochen und einige Organe der Mumie, die bei der Autopsie nicht zerstört wurden, befanden sich inzwischen im Britischen Museum in London, ausgestellt in einer Holzvitrine. An ihnen unternahmen die Wissenschaftler damals erste DNA-Tests. Doch die Untersuchungen schlugen fehl. Die chemischen Stoffe, die vor Jahrtausenden zur Balsamierung der Toten genutzt worden waren, verfälschten die Ergebnisse. Allerdings fand man an der Lunge der Mumie Anzeichen für eine Entzündung. War hier der entscheidende Hinweis?

Das zumindest glaubte ein Forscherteam um Helen Donoghue vom University College of London – und es ist ihm gelungen, den Zellen ihr Geheimnis zu entlocken: Mit Hilfe einer Flüssigkeitschromatografie suchten sie in Zellproben gezielt nach Biomarkern, die auf eine Tuberkulose-Infektion schließen lassen würden. Der Verdacht lag nahe, da die bakterielle Infektion die Lungen angreift. Zudem wurde der Erreger in der Vergangenheit bei vielen Mumien entdeckt.

Die Wissenschaftler wurden gleich mehrmals fündig: In Zellproben aus der Lunge, der Gallenblase und Membrangewebe entdeckten sie die DNA von Tuberkulosebakterien, die aber wegen der Einbalsamierung extrem unstabil waren. Beständiger waren die Biomarker, welche die Forscher ebenfalls in allen Zellproben fanden. Die größte Dichte hatten die Marker in der Lunge. "Daraus wird ersichtlich, dass die Dame Irtyersenu eine Lungen-Tuberkulose hatte, die in andere Körperteile ausstreute", schreiben die Forscher. Und schließen so ein Kapitel Medizin- und Archäologiegeschichte.