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Grabstöcke

Holzwerkzeuge von Neandertalern gefunden

In der Toskana machen Forscher einen Fund mit Seltenheitswert: Dutzende bearbeitete Stöcke berichten vom Jäger-und-Sammler-Leben und technischem Geschick der Neandertaler.
Ausgrabung auf dem ehemaligen Seeboden

Im toskanischen Poggetti Vecchi sind Archäologen auf Dutzende Überreste hölzerner Werkzeuge gestoßen, die vor über 170 000 Jahren von Neandertalern angefertigt wurden. In ihrer Form ähneln die rund ein Meter langen Geräte den so genannten Grabstöcken moderner Jäger-und-Sammler-Kulturen – Multifunktionswerkzeugen, die beim Graben nach Wurzeln oder zur Kleintierjagd, aber auch für vielerlei andere Zwecke eingesetzt wurden.

Wie das Archäologenteam um Biancamaria Aranguren von der toskanischen Denkmalschutzbehörde in Siena im Fachmagazin "PNAS" berichtet, bildete sich über den Fundstücken ein See, bald nachdem sie weggeworfen wurden. Im Seeboden überdauerten die Hölzer. Holzfunde dieses Alters sind extrem selten, eine vergleichbar große, sogar doppelt so alte Sammlung ist bislang nur aus dem niedersächsischen Schöningen bekannt, wo zahlreiche mutmaßliche Speere erhalten blieben.

Abgerundeter "Griff"
Abgerundeter "Griff" | Bei der Herstellung nutzten die Neandertaler Feuer und Steinkratzer, um ein abgerundetes Ende zu erzeugen – vermutlich, damit das Stück gut in der Hand lag.

Bei den Funden aus Poggetti Vecchi handelt es sich aber sehr wahrscheinlich nicht um Speere. Die Stöcke sind an einem Ende, dem Griff, abgerundet und laufen der natürlichen Astform folgend in einer runden Spitze aus. Kratzer zeigen, dass die Geräte mit Steinwerkzeugen in Form gebracht und geglättet wurden. Offensichtlich wählten die Neandertaler die Baumart gezielt aus: Fast alle Werkzeuge sind aus Buchsbaum gefertigt, dem härtesten Holz der Region. Wie Aranguren und Team durch praktische Versuche herausfanden, ist das Material mit Steinwerkzeugen nur extrem mühsam zu bearbeiten. Eine besondere Form der Arbeitserleichterung kannten die Neandertaler offenbar – kohlt man den Stock über dem Feuer an, kann man die Borke und kleine Seitenäste leichter abschaben. Sehr viele der vor Ort gefundenen Stöcke sind durch Feuer geschwärzt, vermutlich infolge dieser Behandlung.

Die Sammlung der insgesamt 58 hölzernen Bruchstücke besteht aus vier Spitzen, sechs Griffen und 31 Zwischenstücken. Sie alle lagen verstreut zwischen Knochen von ausgestorbenen Europäischen Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus); auch einige Bruchstücke von Steinwerkzeugen wurden entdeckt. Warum sich dort so viele Hölzer finden, ist unklar. Eine Anzahl der hölzernen Gerätschaften ist den Benutzern offenbar vor Ort abgebrochen. In heutigen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, so etwa bei den Aborigines in Australien oder den tansanischen Hadza, sind Grabstöcke Teil des Standardwerkzeuginventars, insbesondere Frauen nutzen dieses Werkzeug bei ihren Sammeltouren. Ethnografischen Berichten zufolge ist die Materialbelastung sehr hoch: Um rund sieben Zentimeter schrumpfe ein solcher Grabstock bei jedem Ausflug, berichten die Forscher in ihrer Studie. Sehr oft müssen die Stöcke darum ersetzt werden. Auch der gezielte Einsatz von Feuer zur Bearbeitung der Stöcke ist von modernen Menschen belegt.

Zwei der Stöcke aus Poggetti Vecchi stechen durch ihre Form heraus. Sie sind rund 35 Zentimeter lang und haben eine oder auch zwei abgerundete Enden, in die die Neandertaler eine etwa zwei Zentimeter tiefe Kerbe ritzten. Um Grabstöcke dürfte es sich demnach nicht handeln. Was ihre einstmalige Funktion angeht, darüber enthalten sich die Forscher jeglicher Spekulation.

06/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 06/2018

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