Eindrucksvolle Gestalten trotten über die Steppe, nicht viel größer, aber deutlich massiger als ein Elefant. Gewaltige, geschwungene Stoßzähne zieren die Köpfe mit den auffallend kleinen Ohren, die Körper hüllen sich in ein langes Zottelfell. Ab und zu bleiben die Riesen stehen und rupfen mit den Rüsseln ein paar Grasbüschel ab. Schließlich ist ihre vegetarische Kost nicht besonders nährstoffreich, da ist ein guter Teil des Tages fürs Fressen reserviert. Doch irgendwann setzt sich die Herde wieder in Bewegung und zieht weiter zum nächsten Mammutrestaurant.

Es gibt zahlreiche solcher Szenen, in denen die Herrscher der eiszeitlichen Steppen wieder lebendig geworden sind. Allerdings nur in Büchern und Filmen. Zwar gehören Mammuts zu den am besten untersuchten Eiszeitarten überhaupt. Zahlreiche Skelette, sowie mit Haut und Haaren eingefrorene Exemplare aus den Dauerfrostböden Sibiriens haben alle möglichen Details über das Aussehen und die Lebensweise der ausgestorbenen Rüsseltiere verraten. Und auch Reste des Erbguts sind über die Jahrtausende erhalten geblieben. Trotzdem schien es bis vor Kurzem völlig illusorisch zu sein, die Tiere wieder zum Leben erwecken zu wollen. Und auch für andere ausgestorbene Arten schien zu gelten: Was einmal weg ist, bleibt auch weg.

Willkommen zurück!

In den letzten Jahren aber wurden in der Molekularbiologie und der Gentechnologie so rasante Fortschritte gemacht, dass die Rückkehr nun zumindest nicht mehr völlig ausgeschlossen ist. Etliche Forschergruppen weltweit arbeiten an der Wiederauferstehung verschiedener Tierarten. Auch die private US-amerikanische Naturschutzorganisation Revive & Restore mit Sitz in San Francisco hat sich diesem Ziel verschrieben. "Wir wollen die biologische und genetische Vielfalt erhalten", erklärt Mitgründer Stewart Brand. Und dazu gehöre eben nicht nur der Schutz von heute bedrohten Tieren und Pflanzen. Man wolle auch versuchen, zumindest ein paar Fehler der Vergangenheit zu korrigieren und vom Menschen ausgerotteten Arten wieder eine Chance zu geben.

Doch was wären überhaupt geeignete Kandidaten für ein so ehrgeiziges Unterfangen? Die Visionäre von Revive & Restore orientieren sich da an verschiedenen Kriterien. Zum einen geht es dabei um die Machbarkeit: Ist von der jeweiligen Art überhaupt genügend Erbmaterial erhalten geblieben? Gibt es noch nahe Verwandte, die als Ersatzeltern einspringen könnten? Und wird man eine ganze Population züchten können, die in freier Wildbahn Überlebenschancen hat? Zum anderen stellen sich Stewart Brand und seine Mitstreiter aber auch die Frage, ob ein Erfolg überhaupt erstrebenswert wäre: Wenn schon die Rückkehr von ganz normalen Wolfsrudeln immer wieder zu hitzigen Diskussionen führt, dürfte sich für neue Säbelzahntiger in freier Wildbahn wohl kaum genügend Unterstützung finden.

Auf der Basis solcher Überlegungen will Revive & Restore zunächst die Rückkehr von drei Tierarten vorantreiben. Dazu gehört zum einen die Wandertaube, die einst zu Milliarden durch Nordamerika zog, und deren Bestände durch den Abschuss zahlloser Vögel zusammenbrachen. Die letzte frei lebende Wandertaube geriet im März 1900 einem Jäger vor die Flinte, die letzte Artgenossin in Gefangenschaft starb 1914. Außerdem hat sich die Organisation des Heidehuhns angenommen, das in New England an der Nordostküste der USA lebte. Auch diese Art war früher so häufig, dass sie als preiswertes Armeleuteessen beliebt war und entsprechend häufig geschossen wurde – bis 1932 auch dieser Vogel von der Erde verschwunden war.

Deutlich länger zurück liegt das Aussterben des dritten Tieres auf der Wiederauferstehungsliste. Nur ein kleiner Bestand von Wollhaarmammuts hat bis um das Jahr 1700 v. Chr. auf der Wrangelinsel in Ostsibirien überlebt, die meisten ihrer Artgenossen aber sind schon am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 10 000 Jahren verschwunden. Michael Hofreiter, der sich an der Universität Potsdam mit den Geheimnissen alter DNA beschäftigt, hält das Rüsseltier trotzdem für den aussichtsreichsten der drei Kandidaten, die man bei Revive & Restore ins Auge gefasst hat. "Bei Vögeln ist es viel schwieriger in die Reproduktionsbiologie einzugreifen als bei Säugetieren", erklärt der Forscher. Das liegt daran, dass man das fremde Erbgut der ausgestorbenen Art in das Ei einschleusen müsste – und zwar bevor die Leihmutter die Eischale gebildet hat. Das ist ein äußerst kniffliges Unterfangen. Und so wundert es nicht, dass Wissenschaftler inzwischen zwar schon verschiedene Säugetiere geklont haben, aber noch keinen Vogel.

Nun gäbe es unter den Säugetieren sicher einfachere Kandidaten als ausgerechnet Mammuts. Zum Beispiel Mäuse, die sich sehr gut und rasch vermehren und deren Fortpflanzungsgeschehen für Wissenschaftler ein ziemlich offenes Buch ist. Nur ist die Vorstellung, dass die Blaugraue Maus oder die Breitwangen-Hüpfmaus künftig wieder durch Australien trippeln werden, nicht sonderlich spektakulär. Wer die Vision von der Rückkehr ausgestorbener Arten verfolgt, denkt in der Regel eher an charismatischere Tiere. Wie zum Beispiel an die Herrscher der Eiszeit.

Vom Elefanten zum Mammut

"Deren Erbgut ist inzwischen sehr gut untersucht", sagt Michael Hofreiter. Zwar hat der Zahn der Zeit die Mammut-DNA in unzählige kleine Schnipsel zerlegt. Moderne Methoden der Molekularbiologie aber ermöglichen es, dieses Puzzle im Computer wieder zusammenzusetzen und damit die Abfolge der Erbgutbausteine zu rekonstruieren. So hat ein Team um Eleftheria Palkopoulou vom Schwedischen Naturkundemuseum in Stockholm 2015 die kompletten DNA-Sequenzen von zwei der zottigen Riesen veröffentlicht.

Damit können Wissenschaftler nun das Erbgut der heutigen Rüsseltiere vergleichen. Dabei zeigt sich, dass nächste lebende Verwandte der Wollhaarmammuts die Asiatischen Elefanten sind. "Die Wege dieser beiden Arten haben sich vor ungefähr sechs Millionen Jahren voneinander getrennt", bemerkt Michael Hofreiter. Das ist ähnlich lange her wie bei Menschen und Schimpansen. Genügend Zeit also, um im Erbgut einige Millionen Unterschiede anzuhäufen.

Das aber erklärt, warum die Rückkehr der Rüsseltiere ein sehr langwieriger Prozess sein wird –, wenn sie überhaupt gelingt. Denn der einzige in absehbarer Zeit gangbare Weg zum Mammut dürfte über den Elefanten führen. So halten es Experten derzeit für unmöglich, die Originaleizellen eines Eiszeitriesen wieder zum Leben zu erwecken. Als ähnlich unrealistisch gilt auch die Idee, die komplette Mammut-DNA zu rekonstruieren und in eine Elefanteneizelle einzuschleusen. Also bleibt nur ein dritter, extrem mühseliger Weg: "Man kann heute das Erbgut eines Asiatischen Elefanten nehmen und kleine Stückchen darin gegen die entsprechenden Mammutsequenzen austauschen", erklärt Michael Hofreiter. Möglich macht das ein Verfahren namens CRISPR/Cas, mit dem man DNA gezielt schneiden und verändern kann.

US-amerikanische Forscher um George Church von der Harvard University in Cambridge setzen diese Genschere bereits ein, um Elefantenerbgut nach und nach in Richtung Mammut zu trimmen. Seit 2015 haben sie damit bereits 45 Abschnitte ausgetauscht. Darunter sind zum Beispiel die Informationen, die den Eiszeitriesen zu ihrem langen, zottigen Fell verholfen haben. Angesichts von Millionen Erbgutunterschieden ist das allerdings noch nicht besonders viel. Zwar dürfte bei Weitem nicht jede Abweichung in der DNA-Sequenz auch zu entscheidenden Unterschieden im Aussehen und Verhalten der Tiere geführt haben. Doch ein "echtes" Mammut ist deutlich mehr als ein Elefant mit langen Haaren und kleinen Ohren.

Wissenschaftler kennen allerdings noch nicht einmal alle Gene, die ein typisches Mammut unbedingt braucht. Michael Hofreiter schätzt, dass man wohl schon ein paar hunderttausend DNA-Abschnitte austauschen müsste, bis man aus dem Elefantenerbgut ein zumindest sehr mammutähnliches Pendant gemacht hätte. "Auch mit den modernen Methoden ist das also eine sehr langwierige Angelegenheit", betont der Potsdamer Forscher.

Die Tücken der Rückkehr

Dabei ist das ja erst der Anfang des Weges. Die Reproduktionsbiologie ist Michael Hofreiters Einschätzung nach ein viel größeres Problem als die Genetik. Irgendwie muss aus der DNA-Sequenz ja ein komplettes Tier entstehen – und dazu müssen Wissenschaftler ziemlich tief in die Trickkiste der Molekularbiologie und der Fortpflanzungsmedizin greifen. Zunächst gilt es, einen Zellkern mit der Mammut-DNA in die befruchtete Eizelle eines Asiatischen Elefanten einzuschleusen. Wenn das klappt, müsste sich dieser Kombiembryo anschließend im Reagenzglas weiterentwickeln, bis man ihn schließlich in eine Gebärmutter einpflanzen könnte.

George Church denkt dabei an einen künstlichen Uterus, in dem das Jungmammut bis zur Geburt heranwachsen soll. Andere Experten halten das aber für ein eher visionäres Projekt für die weitere Zukunft. "Ein Mäuseembryo hat zwar schon mal zehn Tage lang in einem künstlichen Uterus überlebt", teilt Michael Hofreiter mit. Doch ein Elefant mit einer Tragzeit von 22 Monaten ist da eine ganz andere Herausforderung. Zur künstlichen Gebärmutter aber gibt es nur eine Alternative: Man müsste eine lebende Elefantenkuh als Leihmutter verwenden. "Da stellt sich natürlich die Frage, ob das ethisch vertretbar ist", deutet Michael Hofreiter an. Zumal die Weltnaturschutzunion IUCN den Asiatischen Elefanten selbst als stark gefährdet einstuft.

Es gibt aber noch mehr ungeklärte Fragen. Wenn es tatsächlich gelingen sollte, die Mammuts eines Tages von den Toten aufzuwecken – was macht man dann mit den Tieren? George Church und den Visionären von Revive & Restore schwebt kein Eiszeitzoo vor, sondern eine wild lebende Population. Sie argumentieren sogar damit, dass die Mammuts sich als Ökosystemingenieure betätigen könnten: Unter ihren rupfenden Rüsseln könne sich die heutige Tundra vielleicht wieder in ein artenreiches Grasland wie vor 10 000 Jahren zurückverwandeln.

Ob das realistisch ist oder nicht: Klar ist jedenfalls, dass so eine Herde genügend Platz braucht. Michael Hofreiter sieht darin kein größeres Hindernis: "In Zentralasien oder Kanada lassen sich sicher geeignete Lebensräume finden", meint der Forscher. Schwerwiegender ist aus seiner Sicht ein anderes Problem. Mammuts waren nämlich ähnlich wie Elefanten sehr soziale Tiere, der Nachwuchs hat wahrscheinlich viel von seiner Mutter und den anderen Herdengenossen gelernt. Wer aber sollte diese Lehrerrolle bei der neu erschaffenen Generation übernehmen? Werden die Tiere überhaupt überleben können, wenn ihnen niemand zeigt, wie das geht? Alles Fragen, auf die noch niemand eine Antwort hat.

Tot oder lebendig?

Der Versuch, die Mammuts wieder zum Leben zu erwecken, wird jedenfalls einen riesigen Aufwand und viel Geld erfordern. Darin sind sich Befürworter und Skeptiker solcher Projekte völlig einig. Differenzen gibt es allerdings über die Frage, ob sich das Experiment überhaupt lohnt. Etliche Kritiker fordern, dass man das Geld lieber in die Rettung noch lebender Arten stecken und damit deren Aussterben verhindern sollte. Das sei ein deutlich effektiverer Ansatz als die meisten Rückholversuche, rechnen Philip Seddon von der University of Otago im neuseeländischen Dunedin und seine Kollegen vor.

Die Forscher haben erst einmal kalkuliert, was der Wiederaufbau und die Erhaltung wild lebender Bestände von 16 ausgestorbenen Tierarten in Neuseeland und im australischen Bundesstaat New South Wales kosten würde. Diese Schätzungen basieren auf den Erfahrungen, die Naturschützer bei ihren Bemühungen um noch lebende Arten mit ähnlichen Ansprüchen gemacht haben. Was könnte es zum Beispiel kosten, den Huia auf die Nordinsel Neuseelands zurückzuholen? Dieser dekorative, schwarze Vogel mit den orangefarbenen Fleischlappen am Schnabel wurde in früheren Jahrhunderten so stark bejagt, dass die Bestände zusammenbrachen. Dazu kam der Verlust der alten Wälder, die von den europäischen Siedlern zunehmend in Weiden verwandelt wurden. Die letzte sichere Beobachtung eines Huias stammt aus dem Jahr 1907.

Um die Kosten für eine Wiederansiedlung der Art abzuschätzen, haben die Forscher Daten aus den Schutzprojekten für den Nordinsel-Kokako herangezogen, der zur gleichen Vogelfamilie gehört. Um eine Huia-Population ein Jahr lang zu erhalten, müsste man demnach mehr als 250 000 US-Dollar investieren. Die immensen Kosten für das eigentliche Wiederauferstehen mittels Gentechnologie und Fortpflanzungsmedizin sind dabei noch gar nicht mit eingerechnet.

Insgesamt würde die Betreuung der 16 untersuchten Rückkehrer nach Berechnungen der Forscher ein Jahresbudget von 16,4 Millionen US-Dollar verschlingen. Wenn es darum geht, die biologische Vielfalt zu bewahren, ist das der Studie zufolge keine besonders gute Investition. Da wäre es in fast allen durchgerechneten Fällen und Szenarien besser, das Geld in Rettungsprogramme für noch lebende Arten zu stecken.

"Ob das jemals klappt, steht noch in den Sternen" (Michael Hofreiter)

So müsste man den Schutz von dreimal so vielen noch lebenden Arten opfern, wenn man die Zukunft der elf ausgestorbenen Neuseeländer aus staatlichen Naturschutztöpfen finanzieren wollte. Und selbst wenn nur private Spenden in solche Projekte fließen, sieht die Bilanz oft nicht gut aus. So könnte man das für die Auferstehung der fünf australischen Toten nötige Geld auch verwenden, um damit 42 lebende Arten zu retten. "Der Schutz der biologischen Vielfalt ist wahrscheinlich kein Argument für das Wiedererwecken von ausgestorbenen Arten", folgert das Team im Fachjournal "Nature Ecology & Evolution".

Andere Experten finden allerdings, dass man die Entscheidung für oder gegen die Rückkehr einer Art nicht allein anhand von Kosten-Nutzen-Rechnungen fällen sollte. Auch Michael Hofreiter ist da zurückhaltend. "Man kann immer darüber streiten, ob eine bestimmte Investition nicht anderswo besser aufgehoben wäre", erläutert der Potsdamer Wissenschaftler. Allerdings glaubt er nicht, dass die Gelder für Wiederauferstehungsprojekte aus den gleichen Töpfen kommen werden wie die für konventionelle Naturschutzarbeit. Seiner Ansicht nach spricht nichts gegen den Versuch, solche Vorhaben zum Erfolg zu führen. Andererseits warnt er aber auch vor allzu hochfliegenden Erwartungen: "Es wäre sicher spannend, die Rückkehr der Mammuts mitzuerleben", meint der Experte. "Aber ob das jemals klappt, steht noch in den Sternen."