Auch gleichgeschlechtliche Paare dürfen in Deutschland künftig heiraten – so hat es der Bundestag am 30. Juni 2017 mit deutlicher Mehrheit entschieden. Inzwischen hat der Bundesrat seine Zustimmung erteilt. Eine der größten Veränderungen, welche die "Ehe für alle" mit sich bringen wird, betrifft das Adoptionsrecht: Weil sie offiziell nicht heiraten konnten, war es homosexuellen Paaren in Deutschland bislang versagt, gemeinsam ein Kind zu adoptieren. Diese Einschränkung gilt damit nicht mehr.

Manchen Gegnern der "Homoehe" bereitet jedoch genau diese Vorstellung nach wie vor Unbehagen. Sie sind überzeugt davon, dass Kinder eine Mutter und einen Vater gleichermaßen brauchen, um optimal aufwachsen zu können, und würden die Kindererziehung deshalb am liebsten vorwiegend in den Händen gemischtgeschlechtlicher Paare sehen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Sorge allerdings unberechtigt.

Sind Homosexuelle gute Eltern?

Jimi Adams von der University of Colorado in Denver und Ryan Light von der University of Oregon in Eugene analysierten 2015 die verfügbare wissenschaftliche Literatur zum Thema. Sie wollten wissen: Gibt es mittlerweile eine Art Konsens in der Forschung hinsichtlich der Frage, ob Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen, sich ebenso gut entwickeln wie solche, die mit heterosexuellen Müttern und Vätern groß werden? Dabei entdeckten sie, dass sich bereits seit Mitte der 1990er Jahre die meisten Experten einig zu sein scheinen: Homosexuelle Eltern zu haben, bringt Kindern keine wesentlichen Nachteile.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam 2017 die Familienforscherin Susan Golombok von der University of Cambridge in einer Übersichtsarbeit. Sie betrachtete nicht nur Studien, die Kinder von homo- und heterosexuellen Eltern miteinander verglichen, sondern auch solche, die den Nachwuchs von alleinerziehenden Müttern untersuchten. Golombok kommt zu dem Schluss, dass "die Qualität der familiären Beziehungen und das soziale Umfeld" deutlich wichtiger für die psychische Entwicklung der Kinder seien als etwa "die Anzahl, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung der Eltern".

Ein Team um Alicia Fedewa von der University of Kentucky in Lexington konnte im Rahmen einer Metaanalyse mit Daten von mehr als 5000 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 2 und 24 Jahren ebenso wenig Nachteile für Probanden feststellen, die mit gleichgeschlechtlichen Eltern zusammenlebten. Sie zeigten zum Beispiel im Schnitt dieselben kognitiven Fähigkeiten wie der Nachwuchs in traditionellen Familien. Ihr psychisches Wohlbefinden war zudem tendenziell sogar etwas besser als das Gleichaltriger in heterosexuellen Haushalten. In manchen Fällen galt das auch für die Beziehung zu ihren Eltern. Zudem outeten die Kinder sich später nicht häufiger als schwul oder lesbisch – eine Befürchtung, die manche Gegner des Adoptionsrechts für Homosexuelle noch mehr oder weniger offen hegen.

Die American Psychological Association (APA) schreibt auf ihrer Internetseite ebenfalls, es gebe nach aktuellem Forschungsstand keine Belege dafür, dass die Erziehungsqualitäten und die sexuelle Orientierung von Eltern miteinander in Verbindung stünden. "Lesbische und schwule Eltern können Kindern genauso gut wie heterosexuelle Eltern eine gesunde und unterstützende Umgebung bieten", teilte der Fachverband zuletzt 2012 in einer Stellungnahme mit. Die APA lehnt aus diesem Grund jedwede Diskriminierung betroffener Paare ab – sei es im Hinblick auf Adoption, Sorgerecht, Besuchsrecht, Pflegeelternschaft oder Reproduktionsmedizin.

Gibt es Studien, die etwas anderes sagen?

Eine Analyse von Wissenschaftlern der Columbia University zeichnet ein weitgehend eindeutiges Bild. Die Experten listeten im Rahmen des Projekts "What we know" insgesamt 79 Studien auf, die ihren Kriterien zufolge darüber Auskunft geben, ob die sexuelle Orientierung der Eltern das Kindeswohl beeinflusst. 75 der Studien stützen die Annahme, dass Kinder schwuler oder lesbischer Eltern sich nicht schlechter entwickeln als der Nachwuchs in anderen Familien. Nur vier Studien fanden Hinweise darauf, dass das Gegenteil der Fall sein könnte.

Eine dieser Untersuchungen führte im Jahr 2012 der Soziologe Mark Regnerus von der University of Texas in Austin durch. Er interviewte knapp 3000 US-amerikanische Erwachsene zwischen 18 und 39 Jahren zu den Familienverhältnissen, in denen sie aufgewachsen waren, und zu ihren aktuellen Lebensumständen. 175 Teilnehmer gaben an, ihre Mutter habe Liebesbeziehungen zu Personen des gleichen Geschlechts unterhalten; 73 Probanden berichteten dasselbe über ihren Vater. Die Betroffenen hatten später im Leben vermehrt mit sozialen und psychischen Problemen zu kämpfen, entdeckte der Forscher. So gaben Kinder lesbischer Mütter etwas häufiger als der Nachwuchs von heterosexuellen Eltern an, arbeitslos zu sein, sich auf Grund von Leiden wie Angststörungen oder Depressionen in psychotherapeutischer Behandlung zu befinden oder einfach bei der letzten Präsidentschaftswahl nicht gewählt zu haben.

Regnerus' Ansatz hat allerdings einige Schwächen. Die gravierendste davon betrifft in den Augen vieler Kritiker die beiden Gruppen, die der Wissenschaftler miteinander verglich. Denn gerade einmal die Hälfte jener Befragten, die angaben, dass sich Mutter oder Vater zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlten, hatte auch tatsächlich in einem Haushalt mit zwei homosexuellen Elternteilen gelebt. Manche hatten nicht einmal zwei Jahre oder sogar nie mit ihrem homosexuellen Elternteil zusammengewohnt. Als heterosexuelle Vergleichsgruppe zog Regnerus dagegen Familien heran, in denen Mutter und Vater über die gesamte Zeit hinweg – und auch nachdem die Kinder das Haus bereits verlassen hatten – miteinander verheiratet gewesen waren. In den Augen vieler Wissenschaftler ist es deshalb naheliegend, dass die in der Studie untersuchten Kinder homosexueller Elternteile nicht infolge von deren sexueller Orientierung im Nachteil waren, sondern infolge der instabileren Familienverhältnisse.

"Aus Forschungssicht gibt es keine Gründe anzunehmen, dass das Kindeswohl in gleichgeschlechtlichen Familien gefährdet ist"
(Ina Bovenschen)

Dass die Scheidung oder Trennung der Eltern die Entwicklung von Kindern beeinträchtigen kann, darüber sind sich Forscher heute weitgehend einig. Das bestätigen sogar die Daten aus Regnerus' Untersuchung selbst. Denn auch jene Kinder, die mit heterosexuellen Stiefeltern aufwuchsen, machten sich in seiner Analyse deutlich schlechter als die Sprösslinge der intakten Vergleichsfamilien. Besser wäre es demnach gewesen, die Kinder von homosexuellen Müttern und Vätern mit den Kindern von heterosexuellen Müttern und Vätern zu vergleichen, die außerhalb ihrer Ehe ebenfalls Liebesbeziehungen pflegten, schlagen etwa Wissenschaftler um Andrew Perrin von der University of North Carolina in Chapel Hill vor. 2015 analysierten Simon Cheng von der University of Connecticut in Storrs und Brian Powell von der Indiana University in Bloomington die Daten aus der Studie unter den entsprechenden Gesichtspunkten neu. Dabei verschwanden die allermeisten Unterschiede einfach.

Mit denselben methodischen Schwierigkeiten kämpfen auch andere Untersuchungen, die Hinweise darauf fanden, dass die sexuelle Orientierung der Eltern das Kindeswohl beeinflussen könnte. Manche Studien, die keine Unterschiede zwischen den Kindern homo- und denen heterosexueller Mütter und Väter ausmachen konnten, sind jedoch ebenfalls nicht perfekt. Einige von ihnen beschränken sich auf kleine Stichproben, die noch dazu eher willkürlich ausgewählt worden seien, bemängeln Kritiker.

Es gibt mittlerweile aber – neben den zahlreichen Übersichtsarbeiten und Metaanalysen – auch größere Untersuchungen, die sich auf Daten repräsentativer nationaler Vergleichsstudien stützen. Sie konnten ebenfalls kaum Unterschiede zwischen Kindern ausmachen, die mit gleich- beziehungsweise verschiedengeschlechtlichen Eltern aufwachsen. "Die Menge der Studien und die Einheitlichkeit der Ergebnisse sprechen dafür, dass wir in Bezug auf das Wohlergehen von Kindern in gleichgeschlechtlichen Familien sehr valide Befunde haben", sagt auch die Psychologin Ina Bovenschen vom Expertise- und Forschungszentrum Adoption (EFZA). "Aus Forschungssicht gibt es keine Gründe anzunehmen, dass das Kindeswohl in solchen Familien gefährdet ist."

Sind gleichgeschlechtliche Paare sogar die besseren Eltern?

Neben der Erkenntnis, dass gleichgeschlechtliche Eltern ihren Kindern nicht schaden, gebe es inzwischen sogar Hinweise darauf, dass diese im Schnitt ein besseres Elternverhalten an den Tag legen könnten als andere Mütter und Väter, erklärt Bovenschen. Darauf deutet etwa eine der wenigen Studien hin, die sich mit Adoptivkindern von homo- und heterosexuellen Paaren befasst hat.

Ein Team um Susan Golombok untersuchte in Großbritannien 41 Adoptivfamilien mit zwei Vätern, 40 Adoptivfamilien mit zwei Müttern und 49 gemischtgeschlechtliche Adoptivfamilien. Die Kinder waren zum Untersuchungszeitpunkt zwischen vier und acht Jahre alt und lebten seit mindestens einem Jahr mit ihren Adoptiveltern zusammen. Schwule Väter, so entdeckten die Wissenschaftler, ließen sich seltener von ihrer Elternrolle stressen. Außerdem interagierten sie stärker mit ihrem Nachwuchs und waren seltener aggressiv oder wütend, wenn dieser etwas falsch machte. Die Kinder zeigten wiederum in der Obhut zweier Väter seltener hyperaktives Verhalten.

Macht das gleichgeschlechtliche Paare am Ende also sogar zu besseren Eltern? Ganz auszuschließen ist das nicht. Ebenso sei es aber denkbar, dass homosexuelle Eltern in Adoptionsstudien auch deshalb besser abschneiden, weil sie von den Vermittlungsstellen intensiver vorbereitet und geprüft werden, als dies bei heterosexuellen Paaren der Fall ist, sagt Ina Bovenschen. Eine Benachteiligung der betroffenen Kinder, wie manche Skeptiker befürchten, sei jedenfalls nicht erkennbar.